Von Andreas Kilb
13. August 2005 Was man über Emmanuelle Béart weiß, klingt wie aus einem ziemlich süßlichen Filmskript abgeschrieben. Sie hat russisches, spanisches, italienisches und griechisches Blut und ist auf einem Bauernhof in der Provence aufgewachsen. Ihr Vater, Guy Béart, war (und ist) Sänger, ihre Mutter Fotomodell.
Mit zehn steht die kleine Emmanuelle zum ersten Mal vor einer Kamera, mit achtzehn gleitet sie durch David Hamiltons "Erste Sehnsucht", mit zwanzig wird sie von "Paris Match" zum Schönheitsideal ausgerufen. Sie heiratet Daniel Auteuil, ihren Filmpartner aus "L'amour en douce", spielt in Claude Berris Marcel-Pagnol-Verfilmung "Manon des Sources" eine Schafshirtin, die nackt im Gras tanzt und ihren toten Vater rächt, bekommt ein Angebot aus Hollywood, dreht den Film (Tom McLoughlins zu Recht vergessenes "Date with an Angel") und kehrt enttäuscht nach Frankreich zurück.
Engel, Hirtin, schlafende Schöne
Und dann? Dann vergeht die Zeit. Auf einmal ist es 1991, in Cannes läuft Jacques Rivettes "Die schöne Querulantin" im Wettbewerb, und nach einer Dreiviertelstunde ungefähr kommt die Szene, in der Emmanuelle Béart vor Michael Piccoli, der sie malen wird, ihre Kleider abstreift. Und sie steht da, verwandelt, kein Engel mehr, keine Hirtin, eine erwachsene Frau. In dem Film wird sie den Kampf um ihr Bild gewinnen, so wie sie ihn als Schauspielerin im Kino gewonnen hat. In Claude Sautets "Ein Herz im Winter", ein Jahr später, entblößt sie sich vor ihrem Noch-Ehemann Auteuil, diesmal nur mit Worten, aber so, daß alles gesagt ist: über die Liebe und ihr Ende, ihren Kältetod.
Für Chabrol spielt sie die Schlampe Nelly in "Die Hölle", bevor sie noch einmal für Sautet die belle noiseuse gibt, in seinem letzten Film "Nelly und Monsieur Arnaud". Da tastet Michel Serrault nach der Schulter der schlafenden Nelly, als wollte er sich vergewissern, ob es sie wirklich gibt. Er berührt sie nicht; aber seine Hand schwebt so lange über ihr, daß man sich alle Varianten der Geschichte ausmalen kann, bevor er sie zurückzieht.
Nach Mission: Impossible nur noch gebrochene Frauen
Und wieder setzt eine amerikanische Produktion die Zäsur für eine neue Karrierephase. Nach "Mission: Impossible" spielt Béart keine ungebrochenen Frauen mehr, ihre erste wichtige Rolle, die Gilberte in dem Proust-Film "Die wiedergefundene Zeit", ist die einer Betrogenen, in Olivier Assayas' Epochengemälde "Les destinées sentimentales" durchläuft sie ein ganzes Frauenleben, und bei Rivette, mit dem sie in "Die Geschichte von Marie und Julien" nach zehn Jahren wieder zusammenarbeitet, ist sie eine Tote, die aus Liebe in die reale Welt zurückkehrt.
Zuletzt hat sie für Marion Vernoux eine Trinkerin ("A boire") und für Michel Deville eine Feydeau-Heldin ("Un fil a la patte") gespielt, aber diese Filme sind nie nach Deutschland gelangt, wo man vieles, was nebenan produziert wird, selbst auf DVD nicht zu sehen bekommt.
Es gibt Schauspielerinnen, die mit fünfunddreißig, und andere, die mit fünfzig nicht mehr alles spielen können, was ihnen zusagt. Aber Emmanuelle Béart wirkt in jeder Rolle gleichermaßen jugendlich und reif, mädchenhaft und erwachsen. Deshalb ist auch ihr vierzigster Geburtstag, den sie am Sonntag feiert, kein Grund zur Sorge. Sondern ein Versprechen.
Text: F.A.Z., 11.08.2005, Nr. 185 / Seite 37
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS
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