„Heimat“-Regisseur Reitz

Ein Bruder ist ein Bruder

Ein Denkmal für Rudi Molz: Edgar Reitz

Ein Denkmal für Rudi Molz: Edgar Reitz

15. Dezember 2004 „Man muß erst weggehen, um zu entdecken, was man daheim hat“, sagt Edgar Reitz. Umgekehrt mußte der in seiner Heimat für seine künstlerischen Ambitionen lange belächelte Uhrmachersohn auch erst weggehen, damit sie daheim entdeckten, was sie an ihm haben.

Mit seinem Epos gab der verlorene Sohn dem Hunsrück nicht nur Arbeit - allein 2478 Komparsen wirkten bei „Heimat“ Teil drei für vierzig Euro pro Tag mit - er gab seiner Heimat zudem Identität und sorgte für internationale Beachtung. Zum Dank bekam Reitz die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Simmern und dort ein lebenslanges Wohnrecht im Schinderhannes-Turm. Der Räuberhauptmann, der 1803 starb, galt bislang als Simmerns berühmtester Sohn. Wir trafen Reitz zum Gespräch bei der Premiere seines Films in dem 8000-Seelen-Ort im Hunsrück. (F.A.Z.)

Was treibt Sie an, immer weiter an der „Heimat“ zu arbeiten?

Uwe Steimle in “Heimat 3“

Uwe Steimle in "Heimat 3"

Es gibt etwas, von dem ich behaupte, es erfunden zu haben: Das ist diese Form der fiktiven Chronik. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Im Grunde ist diese Dramaturgie die Umsetzung eines Satzes von Karl Valentin, der gesagt hat: Solange ich lebe, muß ich damit rechnen, daß ich weiterlebe.“ Das ist das antidramatische Prinzip par excellence und kommt dem Leben am allernächsten. Sie werden in den folgenden Teilen eine Reihe von Todesfällen erleben. Aber das hat dramaturgisch überhaupt keine Bedeutung in dem Sinne, daß erzählerisch irgendwas zu Ende geht. Es gibt immer von dort her die Keime der neuen Geschichte. Für mich fangen die Geschichten da an, wo einer beerdigt wird. Dadurch entsteht ein Gefühl der unendlichen Erzählung.

Und was ist mit den Geburten?

Wenn ein Kind geboren wird, ist wenig darüber zu sagen. Sie gleichen sich alle - nur die Eltern sind verrückt. Die Verrücktheit der Eltern zu beschreiben ist was Tolles. Wenn jemand stirbt, ist er umgeben von lauter Erwachsenen. Die Leute sind kaum unter der Erde, da kämpfen die Angehörigen um seinen Platz. Wenn der Tote daliegt und einer stellt die Frage: Gibt es eigentlich ein Testament? In diesem Augenblick werden hundert neue Geschichten geboren. Darum geht es mir. Das ist die Erzählweise, die mir Spaß macht. Und ich finde, daß sie niemals aufhört.

Sie denken schon an „Heimat 4“?

Es wird nicht Heimat draufstehen, aber es wird Heimat drin sein.

Wie ist es mit der eigenen Sterblichkeit? Macht sie Ihnen Angst? Die durch ein „unsterbliches“ Werk geringer wird?

Zu wissen, daß man stirbt, macht uns zu Menschen. Das ist der Keim der Philosophie, der Liebe, der Kunst. Jeder Künstler versucht dem Tod ein Stückchen Terra abzuringen. Sonst geht ja sowieso alles unter. Wenn man versucht, ein Stück Unsterblichkeit zu produzieren, das ist ein Triumph. Das kann man mit Wissenschaft oder Kunst und mit nicht sehr vielen anderen Mitteln erreichen.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zur ARD? Sie mußten die Folgen stark kürzen. Wie viel Freude hat ihnen das bereitet?

Null. Also, der Film war erst fertig in der Premieren-Form. Er existierte auch in einer vorführbaren Fassung einer 35-mm-Kopie. Aber dann haben die Redaktionen der ARD, sprich SWR und MDR, erklärt: neunzig Minuten, genaugenommen 87,5 Minuten. Länger darf kein Teil sein.

War das von vornherein klar?

Ja. Es gibt einen Vertrag zwischen den Rundfunkanstalten und der Produktion und darin steht, daß die einzelnen Teile 87,5 Minuten zu sein haben. Meine Hoffnung war, sie mit dem fertigen Film zu überzeugen. Aber das ist nicht möglich gewesen. Ich glaube, die Entscheidung, daß er nicht in voller Länge gezeigt wird, ist auf höchster Ebene, also Programmdirektorenebene, getroffen worden.

Sie kürzten also unter Protest?

Ich habe gekürzt, denn sonst hätte ich mein Geld nicht bekommen. In meinem Vertrag werden bestimmte Ratenzahlungen verabredet und die Schlußzahlung hängt ab von der Abnahme der Endfassung. Also mußten wir kürzen. Da erübrigen sich Fragen nach künstlerischen Überlegungen.

Wie hoch war ihr Budget?

Das Gesamtbudget ist zwölf Millionen Euro. Knapp die Hälfte hat die ARD beigetragen. Etwas mehr als die Hälfte kommt aus dem Ausland durch Koproduktionsanteile und durch deutsche und europäische Filmförderung.

Der zweiten Folge merkt man die Zusammenarbeit mit Thomas Brussig an. Wie hat das funktioniert?

Wunderbar. Thomas Brussig hat einen neuen Roman am Markt. Der heißt „Wie es leuchtet“ und ist eine Wendegeschichte. Die Wurzeln dieses Romans sind aus unserer Zusammenarbeit entstanden. Das schöne an Brussig ist, daß er als Schriftsteller festen Boden unter den Füßen hat. Das Problem bei Drehbuchautoren ist ja, wenn sie literarisch keine Eigenständigkeit haben, dann beneiden sie die Regisseure und können nicht ertragen, daß das schriftliche Werk eines Tages obsolet wird und ein Film entsteht. Das ist bei Brussig nicht der Fall. Der weiß ganz genau, daß er als Schriftsteller seine Domäne hat und war deswegen unglaublich locker. Er hat die Leute aus dem Osten unter seine Fittiche genommen. Die Figuren gab es, bevor wir zusammenkamen. Die Charaktere standen, aber ihre Ausführung ist vor allem in den Dialogen ganz und gar das Werk von Thomas Brussig.

Was wird aus dem „Günderode-Haus“, das Brussigs Leute im Film bauen?

Wir haben das Haus der Gemeinde Oberwesel geschenkt. Normalerweise wären wir verpflichtet gewesen, es abzureißen. Der Abbruch kostet ja auch Geld. Die Gemeinde hat vor, dort ein Museum für den Film zu errichten. Es gibt auch schon eine Sammlung von Requisiten. Daneben wird wohl eine Gastronomie entstehen.

Haben Sie eigentlich die Merchandising-Rechte an Heimat?

Das Wort „Heimat“ ist nicht schützbar. Es ist ein ganz normales deutsches Wort. Man kann es nicht über den Film hinaus belegen. Eine Firma hat es versucht. Die verkauften ein Getränk namens „Schabbacher Herrmänsche“, einen Schnaps. Das haben wir gerichtlich verbieten lassen.

Ist „Heimat“ denn übersetzbar?

Das Wort gibt es nicht nur im Deutschen, sondern auch im Russischen, Es ist allerdings nicht in die romanischen Sprachen übersetzbar. Das gibt es im Französischen, Spanischen, Italienischen oder Englischen nicht. Es ist hochinteressant, ein Deutscher zu sein, wenn man das kulturhistorisch betrachtet. Wenn ich ein Werk wie Heimat schaffe, muß ich ja nicht nur sagen, ich bin Hunsrücker, sondern muß mich fragen: Was ist das, ein Deutscher zu sein? Das begegnet mir nicht hier, das begegnet mir im Ausland. Je weiter ich wegfahre, desto mehr bin ich ein Deutscher. Wenn ich in Südamerika, den Vereinigten Staaten oder Asien reise, bin ich nur noch Deutscher, und von da aus definiert man das neu. Aber ich sage ihnen eins: Es gibt nichts Schmerzlicheres, als in der Heimat nicht verstanden zu werden.

Das würde Heinrich Heine unterstreichen.

Dessen Loreley-Lied spielt in „Heimat 3“ auch eine wichtige Rolle. Meines Erachtens gibt es keinen deutscheren Ort als die Loreley. Da schwingt alles mit von diesem überbetonten ins Sentimentale driftenden Gefühl bis hin zu einer ganz und gar poetischen Beziehung zur Landschaft. Aber im Grunde erzähle ich Familiengeschichten. So versteht mich noch jeder Eskimo. Ich habe meine Filme nie nur für unser eigenes Land gemacht. Ich will mich überall verständlich machen.

Familie als Sinn des Lebens?

Die Familie ist eine Kraft. Sie besitzt eine erstaunliche Überlebensfähigkeit als kulturelle Errungenschaft. Wir haben eine Zeit erlebt, in der man sie unglaublich kritisch betrachtet hat. Seit Freud gilt sie als Neurosenküche: Alle Menschen tragen in der Familie seelische Schäden davon. Aber wir haben kein Konzept für etwas anderes. Wir kennen nichts, das bindender und verläßlicher wäre.

Die sogenannte Freiheit der Partnerwahl, die uns so unverzichtbar erscheint - ob sie uns so glücklich macht, wie wir meinen? Das ist noch die Frage. Ein Bruder ist ein Bruder, auch wenn er ein Schuft ist oder ein Vollidiot. Er bleibt der Bruder und wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen bis zuletzt. Wenn dieser Bruder Ihr bester Freund wäre, bekäme er einen Tritt in den Arsch und wäre weg aus Ihrem Leben. Was mich elementar interessiert, ist, Personen zu beschreiben, die ich mag. Soll ich einem Popanz meine Lebenszeit widmen?

Ich würde deshalb nie einen Film über Hitler machen. Der ist es nicht wert, daß ich mich seiner Lebenszeit widme. Dann schon lieber jemand wie Rudi Molz. Der ist uns leider kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu „Heimat 3“ durch einen saublöden Unfall - er fiel vom Heuboden - gestorben. Da habe ich mich mit der Familie zusammengesetzt und sie gefragt: Im Film gibt es einen Wirt. Habt ihr was dagegen wenn wir ihn Rudi Molz nennen, weil ich den Rudi sehr mochte? Jetzt ist er ein Teil meines Films.

Ein filmisches Denkmal.

Ein wunderbarer Aufbewahrungsort für Menschen ist das Vermächtnis und sind die Erinnerungen der anderen. Im Judentum spielt das eine ganz große Rolle. Vielleicht hält sich so ein Film ein kleines bißchen länger als die Erinnerung der Leute. Mehr können wir nicht tun.

Die Fragen stellte Michael Seewald.

„Heimat 3: Das glücklichste Volk der Welt“ läuft heute um 20.15 Uhr. Der zweite Teil läuft am Freitag, die Teile drei bis sechs jeweils montags und mittwochs, ebenfalls um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, SWR/Weisbrod

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