Harry Potter IV

Der mit dem Drachen tanzt

Nein, das ist nicht “Star Wars“ - sondern Harry Potter

Nein, das ist nicht "Star Wars" - sondern Harry Potter

15. November 2005 Der große Billy Wilder stellte einst zehn ewiggültige Gebote für Regisseure auf. Die ersten neun lauten: Du sollst das Publikum nicht langweilen. Das zehnte: Du allein bestimmst den letzten Schnitt.

Mike Newell hat sich bei seiner Verfilmung von „Harry Potter und der Feuerkelch“ mit Witz, Rasanz und Einfühlungsvermögen an die ersten neun gehalten. Aber, ach!, die Wahrung des zehnten blieb ihm verwehrt. Dafür haben Warner Brothers und die gigantische Potter-Vermarktungsmaschinerie gesorgt, die wohl eher geneigt waren, bei einer Laufzeit von 157 Minuten ein Machtwort zu sprechen, als bei Produktionskosten von milde geschätzten 140 Millionen Dollar. Für Werktreue fehlt daher schlicht die Zeit - und so sind viele Motive der an Motiven, Hinweisen und Anspielungen überreichen, knapp achthundertseitigen Romanvorlage entweder ganz gestrichen worden oder lediglich angedeutet: knappe Verbeugungen vor Joanne K. Rowling, die nur Potterianer überhaupt bemerken dürften - alle anderen werden vor lauter Staunen kaum wissen, worauf sie zuerst achten sollen.

Viel Muße bleibt nicht

Tanz mit dem Drachen

Tanz mit dem Drachen

Denn viel Muße, um Szenerie, Ausstattung und Spezialeffekte im einzelnen auf sich wirken zu lassen, bleibt nicht. Newell, der sich erfolgreich gegen die ursprüngliche Idee verwahrt hat, zwei Filme aus dem Buch zu machen, legt ein strammes Tempo vor, mit dem nicht jeder Zuschauer wird mithalten können - aber schließlich weiß auch Harry (Daniel Radcliffe) kaum, wie ihm geschieht. Nicht genug damit, daß ihn seltsame Träume quälen, in denen sein Feind Lord Voldemort dunkle Pläne schmiedet und Harry mehr denn je tot wünscht; daß einer von dessen treuen Todessern unentdeckt als Maulwurf in Hogwarts sein Unwesen treibt, und Rita Kimmkorn, Reporterin des „Daily Prophet“, Lügenmärchen über ihn verbreitet.

In Harrys viertem Jahr findet vor allem das Trimagische Turnier statt, ein so ruhmreicher wie riskanter Wettkampf zwischen den Zauberschulen Hogwarts, Durmstrang und Beauxbatons. Der Feuerkelch wählt die drei Kandidaten aus, die für ihre Schule antreten dürfen. Doch dann speit er noch einen vierten Namen aus - Harrys, obwohl der eigentlich viel zu jung für die Teilnahme ist. Kneifen gilt nicht: Die Entscheidung des Feuerkelchs stellt einen bindenden magischen Vertrag dar.

Zusammen mit dem smarten Cedric Diggory (Robert Pattinson) ist Harry nun Hogwarts-Champion und muß drei gefährliche Aufgaben bestehen: einem wütenden Drachen ein Ei entwenden, binnen einer Stunde unter Wasser eine Geisel retten und zu guter Letzt in einem Labyrinth den Pokal finden. Mindestens so schlimm wie diese Aussichten aber wiegt für Harry der erste große Krach mit seinem Freund Ron (Rupert Grint), und kaum, daß man sich wieder vertragen hat, stellt sich das Problem, eine Begleitung für den Weihnachtsball zu finden - eine derart erschreckende Herausforderung, daß der Kampf gegen den Drachen daneben wie ein Spaziergang anmutet.

Mit Siebenmeilenstiefeln

Mit Siebenmeilenstiefeln rast der Film von Harrys bedrohlicher Vision quer durchs Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft (allein die Architektur der Arena verdiente eine eigene Würdigung), wo am Himmel das Dunkle Mal erscheint und Harry eine unheimliche Begegnung hat - bis er endlich in Hogwarts ankommt. Mit quietschenden Rädern und rauchendem Schlot kommt der purpurrote Hogwarts-Expreß endlich zum Stehen und der Film zu einer Gelassenheit, denn Hogwarts, das verheißt seit je auch: Gemütlichkeit in der Gemeinschaft der vier Schulhäuser, Geborgenheit hinter den dicken Mauern des Trutzschlosses unter der Obhut des scharfsinnigen Albus Dumbledore (Michael Gambon) und der spitzen Nase von Minerva McGonagall (Maggie Smith). So ist der brutale Blitztod des alten Muggels Frank Bryce, mit dem Buch und Film einsetzen, fast vergessen, wenn Harry in die vertraute Internatswelt eintaucht.

Hier ist auch Mike Newell spürbar zu Hause, und so gelingt es dem Engländer wie zuvor weder Chris Columbus noch Alfonso Cuaron, die Atmosphäre der Schulwelt heraufzubeschwören. Newells Element ist der ungezwungene Internatsalltag, sind das Gerangel und die Sticheleien der Schüler untereinander: Ron, der von seinen Zwillingsbrüdern Fred und George erbarmungslos aufgezogen wird; Hermine (Emma Watson), auf die der wortkarge Durmstrang-Champion Viktor Krum beide Augen geworfen hat; Harry, der sich im Schaumbad vor den neugierigen Blicken des Gespensts Maulende Myrte geniert - in diesen eigentlich unspektakulären Momenten lebt der Film.

Verborgenes Talent

Bunte Gestalten aus dem Potter-Universum

Bunte Gestalten aus dem Potter-Universum

Während es der um eine heiße Verfolgungsjagd ergänzten Drachenszene nicht bedurft hätte, weil man bei Rowling wahrlich keine Action dazuerfinden muß, ist die von Drehbuchautor Steve Kloves erdachte Tanzstunde herzlich willkommen, weil sie Rons Verstocktheit ebenso überzeugend vorführt wie ein bislang verborgenes Talent des ewigen Unglücksraben Neville Longbottom (Matthew Lewis). Hier zeigt sich auch erneut die glänzende Besetzung der Hauptrollen, ganz zu schweigen von der mit Alan Rickman (als schnappender Snape), Robbie Coltrane (als haariger Hagrid) und Brendan Gleeson (als malader Mad-Eye Moody) illustren Reihe der Lehrer. Mit dem Publikum werden allerdings auch die Schauspieler älter; Daniel Radcliffe, der den vierzehnjährigen Harry spielt, ist seiner Figur inzwischen drei Jahre voraus, und obwohl er für den nächsten Film bereits unter Vertrag steht, erscheint zusehens unwahrscheinlich, daß er in allen sieben Filmen wird mitspielen können - was nicht zuletzt an der brennenden Frage hängt, wann Joanne K. Rowling wohl mit dem letzten Band der Reihe herausrücken wird.

Der außerordentliche Reiz von „Harry Potter“ verdankt sich den immer wieder überraschenden Schachzügen des Plots und der Glaubwürdigkeit der Charaktere, die bei aller Individualität immer auch Typisierungen verkörpern. Daß die Buchreihe auch jene in Bann zu schlagen vermag, die aller Fantasy abhold sind, liegt an den Details, mit denen Rowling ihr Werk ausstattet. So wird mancher Zuschauer den Hauself Dobby ebenso vermissen wie Hermines kafkaeske Rache an der Klatschreporterin Rita Kimmkorn (Miranda Richardson).

Mut zur Düsternis

Alltag in der Zauberschule

Alltag in der Zauberschule

Mit weniger Umwegen und Abschweifungen als die Buchvorlage, aber mit ebenbürtigem Mut zur Düsternis erzählt der Film, wie Voldemort sich an Harry heranschleicht - und ihn schließlich zu fassen bekommt. Zwar muß Rowlings akribische Motiventwicklung auf der Leinwand notwendig zu kurz kommen. Ihre besondere Stärke hingegen, Figuren zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel schillern zu lassen, hat Newell glänzend auf die Unwägbarkeiten der Pubertät übertragen; die Charaktere werden launischer, unberechenbarer, geheimniskrämerisch. Harry verrät niemandem, daß er sich für Cho interessiert; Hermine verheimlicht, wer ihr Begleiter für den Ball ist; einzig, daß Ron die außer Reichweite daherstolzierende Fleur Delacour anhimmelt, kann niemandem entgehen.

Daß die Spannung am Ende des Turniers nicht etwa abflaut, sondern nochmals ansteigt, als es zum denkwürdigen Treffen zwischen Voldemort (Ralph Fiennes) und Harry kommt, bei dem Harry Zeuge eines tragischen Todes und einer noch tragischeren Wiedergeburt wird, ist ein weiterer filmreifer Coup Rowlings. Der seltsame Effekt des Umkehrzaubers Priori Incantatem, der Harry das Leben rettet, verwischt im Film mit dem hektisch abgewickelten Finale, aber das tut dem spannenden, unterhaltsamen und spektakulären Augenschmaus keinen Abbruch. „Manche Leute drücken nur deshalb ein Auge zu, damit sie besser zielen können“, sagte Billy Wilder, der es wissen mußte. Ihm hätte Mike Newells Film gefallen.

Text: F.A.Z. vom 16. November 2005
Bildmaterial: 2005 Warner Bros. Ent. Harry Potter Publishing Rights © J.K.R.

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