26. Januar 2005 Wahrscheinlich ist wenig bekannt, daß Paul Newman von Beruf Volkswirt ist. Er machte nicht viel Gebrauch von seinem Diplom. Obwohl sich vielleicht ein Teil des Erfolgs seines Saucenimperiums dem studierten Sachverstand verdankt, wurde er weltweit berühmt als Schauspieler. Auch diesen Beruf hat er gelernt, und wenn man bedenkt, daß sein Talent nicht groß war, wächst der Respekt vor dem Fleiß, mit dem er seine Rollen gemeistert hat. Newman selbst sagt, es sei auch viel Glück dabeigewesen.
Auf der Leinwand sieht man von der Anstrengung nichts, vom Glück alles. Am Anfang glühte das Bild, wenn er auftrat. Deshalb wurde Paul Newman ein Star. In den letzten Jahren, nachdem wir ihn so oft in seinen alten Filmen gesehen und wiedergesehen haben, ist aus dem Glühen ein warmes Flimmern geworden. Wir mögen ihn, weil er ein Gentleman ist.
Das war er nicht immer. Bei einem Abendessen im Hause Hitchcock - mit dem er 1966 Der zerrissene Vorhang drehte - soll er den Wein verschmäht, eine Dose Bier aus dem Kühlschrank des Gastgebers geholt und sich direkt in die Kehle gegossen haben. Doch es gibt von keinen Skandalen zu berichten - und von keinen Auffälligkeiten als der, daß er seit über vierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet ist, der Schauspielerin Joanne Woodward.
Güte, Humor, Menschenfreundlichkeit
Newman hat Hollywoods Spiel der Prominenz, seine Exaltiertheiten, Ausschweifungen und Intimitätsbrüche nie gespielt. Auch wo er böse ist - und er war häufig der Böse in seinen Filmen, zuletzt vor drei Jahren in Road to Perdition von Sam Mendes, in dem er einen Mafiapaten spielt -, wissen wir inzwischen so viel von seiner Güte, seinem Humor, seiner Menschenfreundlichkeit, daß der Star, der immer auch ein wenig ungezogen sein muß, dahinter etwas verblaßt. Vielleicht war er immer ein humorvoller Menschenfreund, und wir wollten ihn nur nicht in ihm sehen.
Denn ein Star wurde Paul Newman natürlich nicht mit Güte, sondern weil er gefährlich wirkte und sexy, weil er launisch war und aussah, wie lebende Menschen selten aussehen - und dazu noch ein bißchen wie Marlon Brando. Wie dieser lernte er die Methode bei Lee Strasberg und Elia Kazan im Actor's Studio in New York, aber er nahm sie eher als praktische Anweisung, sich lückenlos auf seine Rollen vorzubereiten, denn als Vorwand zur Schau ins eigene Ich.
Am Anfang ein Sklave
Ganz am Anfang seiner Karriere, im Jahr 1954, hatte ihn Warner Brothers, weil er so hübsch war, als griechischen Sklaven in dem Sandalenfilm Der silberne Kelch besetzt. Es war seiner eigenen Einschätzung nach der schlechteste Film der fünfziger Jahre. Newman lieh der Rolle ausschließlich sein klassisches Profil, und nicht einmal das hatte der Film verdient. Als Paul Newman vor zehn Jahren siebzig wurde, stand in fast allen Gratulationen zu lesen, er habe Schwierigkeiten mit dem Rummel um sein phantastisches Aussehen, seine blauen Augen und sein Profil, das auf einer antiken Vase nicht deplaziert wirkt. Heute ist nicht mehr selbstverständlich, daß jeder versteht, wovon die Rede ist, wenn solche Sätze fallen.
Paul Newman - niemand hätte den Gedanken vor zehn Jahren gewagt - steht nicht allen unter Fünfunddreißigjährigen als Filmstar vor Augen. Er hat in allen Genres gearbeitet, im Western und im Kriminalfilm, im Melodram wie in Komödien, er hat wiederholt Regie geführt, und das sehr passabel. Natürlich hat sein Gesicht längst ikonischen Wert, und das nicht nur, weil er mit Kochmütze in den Supermärkten von den Regalen grinst.
Kennt jeder seine Filme?
Newman's Own, die Fertigprodukte ohne chemische Zusätze, die seinen Namen tragen, weil seine Firma sie herstellt, kennt jeder. Aber Die Katze auf dem heißen Blechdach, den Film mit Elizabeth Taylor, für den er 1956 seine erste Oscar-Nominierung erhielt? Haie der Großstadt von 1961, in dem er unter der Regie von Robert Rossen den Billardprofi Eddie Felson spielt, den fünfundzwanzig Jahre später Martin Scorsese in seinem Film Die Farbe des Geldes gealtert wieder auftreten und wiederum von Paul Newman geben läßt? Man nannte ihn Hombre aus dem Jahr 1967 oder seinen erfolgreichsten Film, Der Clou von 1973?
Ob diese Filme Bestand haben und nach welchen Kriterien, spielt keine große Rolle. Paul Newman aber hat, ob man ihn kennt oder nicht, seinen festen Platz in der Geschichte des Films, und zwar nicht nur in der Ikonographie des Hollywood-Films in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, sondern als Bindeglied zwischen dem goldenen Zeitalter der glamourösen Diven und matinee idols, zu denen er sich, wäre er fünfzehn Jahre älter, problemlos hätte gesellen können, und der Zeit der dreckigen Helden, Rebellen und Außenseiter, von denen er eine ganze Reihe gespielt hat.
Eine gewisse lässige Trägheit
Nur in seinem Privatleben nicht, im Gegenteil. Vielleicht schleicht sich beim Wiedersehen von Filmen wie The Long Hot Summer oder Hud, beide von Martin Ritt, deshalb das Gefühl ein, daß er nicht ganz so wild ist, wie es beim ersten Sehen scheinen mochte? Dennoch ist die Verführungskraft nicht verschwunden, und das hat dann doch mit seinem Spiel zu tun, damit, wie er jede Aktion verzögert, lange Blicke wirft, bevor er sich bewegt und, ähnlich wie Marlon Brando, eine gewisse lässige Trägheit ausstrahlt, die nichts mit Langsamkeit zu tun hat, sondern mit seiner sozusagen kreatürlichen Überlegenheit.
An diesem Mittwoch wird Paul Newman achtzig. Im Laufe der Zeit addieren sich die Filme, die Preise, die guten Taten und Verdienste, und hohe Geburtstage sollten der Anlaß sein, sie aufzuzählen. Newmans Liste umfaßt vierundfünfzig Filme, drei Oscars, darunter der Ehren-Oscar für humanitäres Engagement, den neunzehnten Rang auf Richard Nixons schwarzer Liste, vier Rollen am Broadway, vier Siege beim nationalen Autorennen der Amateure, einen beim vierundzwanzigstündigen Autorennen in Daytona, einen zweiten Platz auf der Rennstrecke in Le Mans und eine Spendensumme von weit über hundert Millionen Dollar, die wohltätigen Einrichtungen zugute kamen. Erwirtschaftet hat diese Summe Newman's Own, was ihn zu der Bemerkung veranlaßte, eigentlich gefalle es ihm nicht, daß seine Salatsoßen mehr einbrächten als seine Filme.
Wahrscheinlicher ist, daß es ihn nicht interessiert. Als er zuletzt mit seiner Frau Joanne Woodward im Jahr 2002 am Broadway in Thornton Wilders Our Town auftrat - eine Produktion des Westport Country Playhouse, dem Joanne Woodward als künstlerische Direktorin vorsteht -, bestand er darauf, daß sein Name im Programmheft in die alphabetische Reihenfolge der Darsteller eingereiht werde, und betrat die Bühne mit dem Rücken zum Publikum, damit niemand klatschte, bevor er angefangen hatte zu spielen. Der Wilde, der Paul Newman nie wirklich war, hat dem höflichen Herrn endgültig die Bühne überlassen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21 / Seite 33
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