Jungschauspieler

Kaderschmiede Dudelfernsehen

Von Andreas Rosenfelder

24. Mai 2006 Im Handbuch des Kulturpessimismus wird man das Kapitel über das deutsche Musikfernsehen wohl überarbeiten müssen. Was in den neunziger Jahren als popkultureller Waldorf-Kindergarten belächelt wurde, stellt sich im Rückblick als geheimes Trainingslager zur Rettung der deutschen Filmlandschaft dar. Ob Heike Makatsch oder Christian Ulmen, Janin Reinhardt oder Jessica Schwarz, Nora Tschirner oder Jana Pallaske - kaum ein Kinofilm oder eine Telenovela kommt ganz ohne Darsteller aus, die auf Lehr- und Wanderjahre als Video-Jockey zurückblicken.

Tatsächlich stellt die Floskel „ehemalige Viva-Moderatorin“ heute fast schon ein Synonym für „Jungschauspielerin“ dar. Und das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es klingt. Schließlich war noch vor nicht allzu langer Zeit der berüchtigte Gastauftritt in der „Harald Schmidt Show“ die einzige Rolle ohne Teleprompter, die man dem jungen Gemüse vom Musikfernsehen zutraute. Und wenn man nicht die alten Klischees neu auflegen und den Niedergang der Schauspielerei prophezeien will, kommt man nicht umhin, die Invasion der Fernsehkinder - die auf ganz unterschiedlichen Niveaus abläuft - als erfrischende Aufmischung der Szene wahrzunehmen.

Beispielloser Niedergang

Natürlich gab es immer wieder Fernsehmoderatoren, die irgendwie auf der Kinoleinwand landeten. Man denke nur an Thomas Gottschalk, der in den achtziger Jahren in Meisterwerken wie „Die Supernasen“ oder „Zärtliche Chaoten“ mitwirkte. Aber hinter den schauspielerischen Weihen für eine ganze Generation von im Musikfernsehen sozialisierten Darstellern scheint doch mehr System zu stecken. Man könnte einfach Institutionsgeschichte betreiben: Immerhin erlebte das Musikfernsehen, als sein goldenes Jahrzehnt mit dem Börsencrash von 2001 endete, einen beispiellosen Niedergang, der im Ausverkauf der Viva-Überreste an MTV im Frühjahr 2005 mündete. Und weil Musikfernsehen heute vor allem ein Abspielkanal für Klingeltonwerbung ist, bietet es für quirlige Selbstdarsteller kaum noch Entfaltungsraum. Keine Frage: Das durch die Entlassungen freigesetzte Kreativpotential mußte sich andere Medien suchen. Aber was genau lernt man beim Ansagen von Musikclips für die Schauspielerei?

Sabine Schroth ist eine der Stammütter des deutschen Castings. Die Münchner Agentin lernte in Hollywood und castete Heike Makatsch in den Neunzigern für Filme wie „Obsession“ oder „Gripsholm“. Für die verstärkte Kinopräsenz von Ex-Moderatorinnen wie Nora Tschirner („FC Venus“) oder Jessica Schwarz („Der rote Kakadu“) führt sie in erster Linie pragmatische Gründe an: „Wer moderiert, hat keine Kamerascheu.“ An der Schauspielschule dagegen werde fürs Theater ausgebildet. Außerdem seien Fernsehmitschnitte die idealen Probeaufnahmen. Trotzdem bleibt bei Schroth eine gewisse Skepsis darüber, welche der neuen Gesichter sich auf der Leinwand bewähren: „Wenn man nur sich selber darstellen kann, geht das eine Weile gut. Nicht jeder kann auch eine Hauptrolle spielen. Selbst der Ulmen spielt zur Zeit noch sich selber.“

Unangenehme Vorgeschichte

Aber war es nicht gerade die Fähigkeit zur angstfreien Selbstdarstellung, die den Rollenmodellen von Viva und MTV in die Wiege gelegt wurde? Und warum scheint einem Star des neuen deutschen Fräuleinwunders wie Jessica Schwarz, die jetzt mit namhaften Filmleuten wie Dominik Graf arbeitet, die berufliche Vorgeschichte als „Bravo-Girl 1993“, Model und Viva-Moderatorin unangenehm zu sein? Jedenfalls steht die Darstellerin laut Auskunft des Agenten für Fragen zu ihrer Vergangenheit beim Musikfernsehen nicht zur Verfügung. Ein bißchen wirkt es, als würde man Sabine Christiansen auf ihre Zeit als Stewardeß ansprechen. Dabei war gerade Viva in seiner experimentierfreudigen Frühzeit sicher eine Art alternative Schauspielschule, bei der man die Moderatoren nicht drillte, sondern auf eine charmante Natürlichkeit mit offenen Grenzen zur Peinlichkeit setzte. Georg Hermens, ehemals Chefautor bei Viva, erinnert sich: „Man wollte den Leuten nicht durch Sprechertraining die Sprache verderben.“

Janin Reinhardt, ehemaliges Tanzmariechen beim Erfurter Karnevalsverein AKC Erfordia und zwischen 2000 und 2005 Moderatorin bei Viva, ist noch nicht auf dem Olymp der deutschen Filmkunst angekommen und hat keine Probleme mit ihrem Werdegang. Die Fünfundzwanzigjährige spielt zur Zeit die Doppelrolle von Lotta und Alex in der ProSieben-Telenovela „Lotta in Love“ und lobt das Musikfernsehen als eine gute Spielwiese: „Da wurde man nicht so stark eingeschränkt, was man sagen darf und was nicht.“ Besonders habe sie bei den Interviews mit Studiogästen das Beobachten gelernt: „Man lernt, aufmerksam zu reagieren und in jeder Mimik, jeder Gestik zu lesen. Das ist für die Schauspielerei unabdingbar.“

Die Gefahr, auf Dauer nur den eigenen Charakter zu spielen, sieht sie nicht: „Man kann eh nicht sich selber spielen am Ende des Tages. Niemand kennt alle Facetten des eigenen Selbst. Meistens weiß man ja im Alltag selber nicht, warum man was macht.“ Beim Film sei es aber extrem wichtig, die Motive einer Figur zu erkunden. So kann sich Janin Reinhardt auch vorstellen, in einem Kinofilm „eine psychotische Frau zu spielen, die sich vor laufender Kamera die Haare abrasiert“. Das war nach dem interessanten Exkurs in die Schauspieltheorie dann aber doch wieder ein spontaner Moderatorenscherz.

Die verschluckte Sonne

Zu einer anderen Generation gehört die vierunddreißigjährige Katharina Schwarz. Sie erlebte nach einem abgebrochenen Soziologiestudium die Gründerjahre bei Viva und den ganzen „Rock'n'Roll der Neunziger“ mit und entschied sich dann für eine solide Laufbahn als Schauspielerin - in deren Verlauf sie eine beachtliche Erfahrung in Fernsehproduktionen, Kinofilmen wie „Happy End“ von Daniel Steglitz und vor allem am freien Theater gewann, ohne Teil des Hypes um die fernseherprobten Jungschauspieler zu werden. Schwarz erinnert sich vor allem an die Prägung durch die „Leichtigkeit, die Heike Makatsch mitgebracht hat: ,Hey, ich bin genug!' Diese Frau hat eine Sonne verschluckt.“ Hört man der entspannten Wahlberlinerin zu, dann bekommt man das Gefühl, Heike Makatsch sei so etwas wie der Joseph Beuys des Musikfernsehens gewesen: „Ich habe die da rumhampeln gesehen und gedacht: Das kann ich auch.“

Im Do-it-yourself-Klima der neunziger Jahre, zu dem Techno und Rap den Soundtrack bildeten, lernte Schwarz ihren „inneren Kritiker“ zu überwinden. Parallel zur Moderation von „Film ab“ besuchte sie eine Kölner Schauspielschule, um dann bei Viva zu kündigen. „Vor der Kamera wird eher mal schnell husch-husch moderiert. Da legt man sich eine Schutzhaut zu, die muß man als Schauspieler ablegen, damit auch die zehnte Reihe mitfühlt.“ So brauche man beim Schauspielen eine „Art von Demut“, während beim Moderieren eher Dreistigkeit weiterhelfe. Letztlich sei das schauspielerische Talent aber keine Frage des Ausbildungswegs: „Ein guter Schauspieler ist jemand, der sich total in den Moment hineinwirft.“

Die Medienwelt verändert sich

Erleben wir zur Zeit die Wiedergeburt der Schauspielkunst aus dem verlorenen Augenblickskult des fast schon historischen Musikfernsehens? Christiane Teichgräber, Geschäftsführerin der Deutschen Filmakademie, sträubt sich dagegen, das Phänomen der bei Viva und MTV geschulten Akteure auf die gesamte Filmlandschaft hochzurechnen. „Es war doch immer schon so, daß Leute aus anderen Bereichen ins Schauspielfach gewechselt sind. Man mußte nie auf eine staatliche Schauspielschule gehen.“ So erinnert Teichgräber an Natalia Wörner, die ihre Karriere als Model begann und neben zahlreichen TV-Produktionen in Sherry Hormanns „Irren ist männlich“ und Oskar Roehlers „Suck My Dick“ spielte. Außerdem weist Teichgräber auf Jungstars wie Daniel Brühl, Benno Fürmann und Jürgen Vogel hin, die nicht aus der Kaderschmiede des Musikfernsehens stammen.

Daß dennoch unübersehbar immer mehr ehemaliges Viva- und MTV-Personal auf Filmplakaten auftaucht, erklärt sich Teichgräber aus der Sozialisation der Filmleute: „Die Medienwelt verändert sich, und die Regisseure gehen ja auch nicht mit Scheuklappen durch die Welt.“ Spätestens wenn die letzte ehemalige Viva-Moderatorin gecastet wurde, wird sich die Filmszene ohnehin wieder nach neuen Quellen umschauen müssen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.05.2006, Nr. 20 / Seite 60
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Mona Filz, Cinetext/RM, Cinetext/van Eick, NFP/Cinetext, Timebandits/Cinetext

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