Phänomen Karl-May-Filme

Schau, schau, Schoschonen!

Von Bert Rebhandl

Ikonen der 60er und 70er Jahre: Pierre Brice und Lex Barker

Ikonen der 60er und 70er Jahre: Pierre Brice und Lex Barker

27. September 2007 In vierzig Sprachen, das Lappländische nicht mitgezählt, konnte Karl May nach eigenen Angaben konversieren. Er sprach Dakota und Delaware, nur das Deutsche kam ihm schwer von der Zunge. Wenn er stolz von den 35.000 Kriegern der Apachen erzählte, die er nach Winnetous Tod befehligte, dann klang das immer nach 35.000 Kriechern.

„Es war im Lande Sachsen ein Mann, der hieß Karl May“, heißt es bei Hans-Jürgen Syberberg, der einen der drei Teile seiner „Deutschen Trilogie“ dem umstrittenen Klassiker widmete (Adolf Hitler und Ludwig II. waren die beiden anderen Protagonisten). Das Sächseln holt den Weltbürger der Phantasie Karl May zurück auf den Boden der Tatsachen - denn Old Shatterhand, das weiß Deutschland aus den bunten Filmen der sechziger Jahre, spricht keinen Dialekt.

Einsamer Höhepunkt

Das Deutsche Historische Museum begleitet seine aktuelle Ausstellung zu Karl May (siehe: Das DHM huldigt dem Leben und Werk Karl Mays) noch bis Ende Oktober mit einem Filmprogramm, in dem Syberbergs „Karl May“ einen einsamen kritischen Höhepunkt einnimmt - der ganze Rest ist dem Anschein nach bestens bekannt. Man hat die Musik noch im Ohr, man erinnert sich an die jugoslawische Landschaft, und man kann den Namen von Hadschi Halef Omar immer noch in voller Länge herunterrattern.

Was fällt also ins Auge, wenn Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) doch noch einmal losreiten? Wenn Kara Ben Nemsi und sein treuer muslimischer Diener in die Hände eines Sklavenhändlers fallen? Es ist nicht viel. Allenfalls verblüfft beim Wiedersehen das Ausmaß, in dem die Filme von Harald Reinl, Alfred Vohrer oder Georg Marischka sich von Beginn an selbst nicht ernst nahmen. Fast durchweg sind die Nebenrollen besser im Gedächtnis geblieben, der Schmetterlingssammler Lord Castlepool vor allem als besonders ungeeigneter Westmann. Diese Spaßmacher (Ralf Wolter und Eddi Arent in erster Linie) wirken heute wie Symptome eines schlechten Gewissens darüber, dass sich hier eine Konsumkultur an einem Genre versucht, für das sie weder die mythologische Potenz noch die natürlichen Ressourcen hat. Sie helfen, das Unbehagen wegzulachen, das sich einstellt, wenn Winnetou und Old Shatterhand die Geschichte des Wilden Westens umschreiben.

Stewart Grangers zweite Karriere

Die deutschen Western kamen zu einer Zeit, da in Hollywood die Ordnung des Studiokinos zusammenbrach und die Genres durchlässig wurden. Ein Mann wie Robert Siodmak, Regisseur von zentralen Werken des Film Noir, kam nach seiner Rückkehr nach Deutschland in die Lage, mit „Der Schatz der Azteken“ einen der Kolportageromane von May zu verfilmen. Stewart Granger konnte in der Rolle des Old Surehand eine zweite Karriere schaffen („Unter Geiern“, 1964), mit seinem Namen verbindet sich aber auch die Anbiederung an die internationalen Märkte in einer Zeit, in der das europäische Koproduktionskino sein ganzes Selbstbewusstsein ausspielte.

Die Filmreihe im Deutschen Historischen Museum begreift das Phänomen Karl May konsequent als gesamtdeutsch: Die Filme, mit denen die BRD die Weltmärkte versorgte („Der Schatz im Silbersee“ wurde in sechzig Länder verkauft), konnte die DDR zwar nicht einfach importieren - sie konnte sie aber nachmachen, wenngleich mit vielfach umgekehrten Vorzeichen. „Tecumseh“ (1972) zeichnet einen positiven Häuptling nach historischem Vorbild, kommt dabei aber um die Tatsache nicht herum, dass der amerikanische Genozid (der auch für Karl May ein Skandal war, in den Filmen aber kaum von Bedeutung ist) dem Kapitalismus in die Hände gespielt hat.

Ein Stück Siegergeschichte

Der enorme Erfolg von Bully Herbigs Parodie „Der Schuh des Manitu“ war demnach auch schon ein Stück Siegergeschichte: Die Naherholungswestern der Bundesrepublik, längst im Fernsehen endgelagert, wurden ein letztes Mal an den Marterpfahl gebunden und so lange gepiekst, bis sie noch ein paar Schwuchtelwitze preisgegeben hatten. Bei Karl May waren die Schoschonen nur gelegentlich von Interesse, auch wenn ihm die Sprache natürlich geläufig war, und der alliterierende Nonsens, mit dem Bully Herbig operiert, ist in den charakteristischen Redewendungen seiner schrulligen Helden wie Old Wabble oder Tante Droll schon angelegt. „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ - dieser beste Gag aus „Der Schuh des Manitu“, gesprochen in Fesseln und Todesgefahr an einem Marterpfahl, ist zugleich am weitesten weg von der Diktion des Urbilds.

Bei Syberberg wird der Anachronismus des Karl-May-Komplexes auf einen knappen Dialog gebracht: „Wo waren Sie im großen Krieg von 70/71?“ „Da war ich in Amerika.“ Um diese Lüge kreist der ganze lange Film aus dem Jahr 1974, der mit einer genialen Rollenbesetzung gleich die Richtung weist: Helmut Käutner, der einzige Neorealist des deutschen Kinos (mit einem einzigen Film: „Unter den Brücken“), spielt den Karl May, und Kristina Söderbaum, die goldene Reiterin aus den ideologisch einschlägigen Melodramen von Veit Harlan („Opfergang“), spielt die Emma May. Syberbergs Methode, weitgehend im Studio zu drehen, fand in den Selbstinszenierungen des erfolgreichen Schriftstellers ein perfektes Motiv - er konnte May aus dessen eigenen Strategien heraus neu deuten, einen ängstlichen Mann, der von den paranoiden Obsessionen des Wilhelminischen Deutschland umstellt war.

Nur eine Seite wurde verfilmt

In einer markanten Szene kommt es auch zu einer Begegnung mit dem neuen Medium des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, mit dem „lebenden Bild“ (Syberberg montiert Filme von dem Brüdern Lumière und von Méliès hinein) - das Kino hat, dargeboten im Guckkkasten des Kinetoskops, noch nicht die raumgreifende Funktion, die sein Epochencharakteristikum wurde. Nicht so sehr mit dem Film als mit den Filmpalästen hat sich der Phantasiehaushalt der Menschen verändert. Hier liegt vielleicht das eigentliche Kuriosum des Erfolgs der westdeutschen Karl-May-Filme: dass sie so weit hinter der Illusionsenergie der Vorlagen zurückblieben.

Durch Syberberg haben wir einen gewissen Begriff von den „dark and bloody grounds“, aus denen dieses Werk kommt. Im Rückblick auf Harald Reinl und Alfred Vohrer und nach Pierre Brice und Bully Herbig ist aber nicht zu übersehen, dass von Karl May nur eine Seite - die provinzielle, das Sächseln, wenn man so will - verfilmt wurde. Die andere, die universalmythologische und reservebiblische Seite, harrt noch eines Regisseurs, und es steht sehr in Frage, ob die Rocky Mountains dafür einen authentischeren Drehort abgeben würden als die kroatischen Nationalparks. Vielleicht sollte man einfach in Deutschland drehen.

Die Filmreihe läuft noch bis zum 28. Oktober im Zeughauskino in Berlin.



Text: F.A.Z., 27.09.2007, Nr. 225 / Seite 37
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv

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