Internet

Ein Satz muß reichen

Ein paar deutsche Perlen für die Welt

Ein paar deutsche Perlen für die Welt

09. Juni 2005 Seit dem 1. März ist der englische Dienst der Feuilletonrundschau „Perlentaucher“, die Plattform „http://signandsight.com/“, im Internet freigeschaltet. Immerhin knapp 1,4 Millionen Euro, verteilt über drei Jahre, erhält die „Perlentaucher GmbH“ für diese Dienstleistung von der Bundeskulturstiftung, drei Journalisten wurden eingestellt, um täglich zusammenzutragen und auf ein paar Zeilen einzudampfen, was in den Kulturteilen der wichtigsten Zeitungen rezensiert und diskutiert wird.

Offenbar machen die drei ihre Sache sehr gründlich - regelmäßig schrumpfen die deutschen Feuilletons bei „signandsight.com“ auf eine Handvoll Artikel. An diesem Donnerstag etwa wurden gerade einmal sieben Beiträge erwähnt, in der deutschsprachigen Ausgabe waren es dagegen, wenn wir uns nicht verzählt haben, achtundsiebzig. Keiner der sieben erwählten Beiträge wurde ins Englische übersetzt, die Links führten lediglich auf die deutschsprachigen Internet-Seiten der Zeitungen.

Der jüngste komplett übertragene Beitrag wurde am Mittwoch bei „signandsight.com“ online gestellt, ein Essay von Adam Krzeminski über den Erfolg jüngerer deutscher Filmemacher in polnischen Kinos - zuerst erschienen in der polnischen Zeitschrift „Polityka“ am 23. Mai. „Let's talk European“ hatte Perlentaucher-Gründer Thierry Chervel in dem pathetischen „Manifest“ zum Start von „signandsight.com“ ausgerufen - aber schaut man auf die Seiten, gibt es aus Deutschland offenbar nicht viel zu sagen. Gleichwohl erreicht „signandsight.com“ nach eigenen Angaben „an guten Tagen fünftausend Zugriffe“, bei „Google“ sei der Dienst mittlerweile „gut indexiert“. Um den globalen Effekt einschätzen zu können, haben wir unsere Korrespondenten in sechs Ländern gebeten, dem Erfolg des üppig subventionierten Unternehmens in ihrem Berichtsgebiet nachzugehen. (F.A.Z.)

Amerika: Nie gehört!

Es darf nicht behauptet werden, ganz Amerika habe von „signandsight“ noch nie etwas gehört. Zu guter Letzt durchbricht John Rockwell, langjähriger Kulturredakteur der „New York Times“, die lange Kette der Unwissenden, um zu gestehen: „Ich kenne die Website.“ Allerdings braucht er sie nicht. Denn Rockwell, ehemals Europa-Korrespondent der „Times“ und einer der besten amerikanischen Kenner der deutschen Kultur, schaut gelegentlich beim „Perlentaucher“ vorbei.

Die Einrichtung einer englischsprachigen Website will er nicht von vornherein verurteilen, aber wie das fehlende Echo zeige, fehle das Marketing. Von Universitäten bis zu den Pressebüros der großen Kulturinstitutionen, überall wird die Frage nach „signandsight“ mit einem entschiedenen „Nie gehört!“ beantwortet. Stuart Applebaum, Sprecher der Firma Bertelsmann in Amerika, findet die Idee theoretisch nicht schlecht, aber selbst Bernd Hüppauf vom Deutschen Haus der New York University muß bekennen: „Von dieser Website ist in meinem Umkreis keine Spur zu entdecken.“

Auch der Schriftsteller Louis Begley, ein aufmerksamer Beobachter deutscher Kultur, hatte von dem Angebot nichts erfahren, gelobte aber, es zu testen, und meldete schließlich: „I like it.“ Das mag die spendablen Damen und Herren in der Bundeskulturstiftung trösten, auch wenn Rockwells Resümee nicht ermutigt: „Ich bin immer dafür, daß deutsche Kultur zum Tragen kommt - nur bis jetzt ist das hier nicht der Fall.“ (J.M.)

Spanien spricht nur spanisch

Da Spanien in der Verbreitung und Benutzung des Internets den nordeuropäischen Ländern immer noch hinterherhinkt, ist es kaum verwunderlich, daß der Auftritt von „signandsight.com“ in der iberischen Welt keine Wellen geschlagen hat. Ein solches Online-Angebot wird auf das Wachstum eines intellektuellen Marktplatzes vertrauen müssen, dem in Spanien entscheidende Voraussetzungen fehlen: Erstens fristen Kulturzeitschriften neben den großen Tageszeitungen ein subventioniertes Dasein und sprechen eine Minderheit von wenigen tausend Menschen an. Zweitens ist das in Deutschland verbreitete Debattenfeuilleton in Spanien nicht anzutreffen. Und drittens verhält sich der sehr aufs Spanische fixierte Markt gegenüber Medien aus dem Englischen brüsk abweisend; selbst für einfachste Lektüren reichen die Sprachkenntnisse nicht aus.

Das bedeutet nicht nur, daß die renommiertesten Zeitschriften, vom „New Yorker“ bis zur „New York Review of Books“ oder „London Review of Books“, in Madrider Buchhandlungen kaum zu finden sind. Es heißt auch, daß spanische Debatten den angelsächsischen Standpunkt erst zur Kenntnis nehmen, wenn er ins Spanische übersetzt und dem Publikum mundgerecht serviert wird. Es wird wohl noch eine Generation dauern, bis auch Spanier die Lingua franca der akademischen Welt beherrschen. Sich auszumalen, Leser aus Madrid oder Barcelona könnten sich in englischer Sprache über deutsche Zustände informieren wollen, überfordert zur Zeit die Phantasie. (P.I.)

Rußland schaut nach Deutschland

Um durchs Internet zu pflügen, bevorzugen auch fremdsprachenkundige Russen entschieden ihre Muttersprache. Russische Portale, die Berichte ausländischer Medien bündeln und übersetzen wie „inosmi.ru“ und „inopressa.ru“, werden gern besucht und häufig zitiert. Dem Leser dieser Seiten fällt das spezifische Gewicht von Beiträgen deutschsprachiger Medien auf, was von einer weiterhin beträchtlichen Aufmerksamkeit für die deutsche Kultur zeugt. Spezifische Interessen an Deutschland befriedigen das Goethe-Institut, die Deutsche Welle und „deutschland.de“, die auch auf russisch zu lesen sind. Ein hoher Prozentsatz an Deutschkenntnissen findet sich bei der mittleren und älteren Generation, die zugleich literarisch gebildet und interessiert sind.

Die englische Sprache wird von immer mehr jüngeren Russen beherrscht. Die literarische Kultur im allgemeinen und die deutsche im besonderen spielen für diese Gruppe aber eine geringe Rolle. Der entscheidende Durchbruch für russische Internet-Wege nach Deutschland wäre wohl nur durch ein Portal in russischer Sprache zu erzielen. Ein solches Projekt hätte um so mehr strategische Bedeutung, als es auch für Netznutzer in der Ukraine, Weißrußland, Georgien, Zentralasien und selbst im Baltikum ein Umschlagplatz wäre. (kho)

Italien schätzt Korallen

Als Land der Korallentaucher hat Italien eine große Tradition. In Trapani - an der äußersten Westspitze Siziliens - bieten Händler stolz die geschnitzten Preziosen eines jahrhundertealten Gewerbes an. Korallen also, deren Gründe inzwischen so gut wie abgegrast sind, gibt es. Perlentaucher aber sind Fehlanzeige, und das auch und gerade im italienischen Computernetz. So gut wie niemand kennt und nutzt die Website des deutschen Kulturexports. Warum auch? Die Erziehungspolitiker der traditionell sprachfaulen Nation wären bereits froh, ihre Bambini lernten erst einmal ausreichend Englisch, um etwas über den Spaghettitellerrand hinauszublicken.

Die Informationselite, wenn sie deutsche Kulturnachrichten oder -essays denn zur Kenntnis nimmt, ist über die Lage jenseits der Alpen durchaus akzeptabel unterrichtet, nämlich durch die Korrespondenten von Tageszeitungen wie dem Mailänder „Corriere della Sera“ oder der Turiner „La Stampa“. Dort finden sich regelmäßig Debattenbeiträge oder Zusammenfassungen wichtiger Thesen und Interviews deutscher Denker, ob sie nun Habermas, Nolte, Küng oder Ratzinger heißen. Der letztgenannte könnte das Interesse an germanischen Geistesgaben in seiner neuen Stellung noch anheizen. Aber das sind für die Italiener Korallen des abendländischen Denkens. Keine Perlen. (dsch)

England weiß wenig

Der deutsche Botschafter in London hat unlängst bemängelt, wie wenig die Briten heute über Deutschland wissen. In einem Zeitungsgespräch sprach Thomas Matussek von der „Besessenheit“ mit der Nazizeit und der Unkenntnis der modernen Demokratie, die nach 1945 entstanden sei. Die jüngeren Generationen in Deutschland und Großbritannien lebten sich nach seiner Beobachtung zunehmend auseinander.

Das Forum von „signandsight“ hat hier bislang keine spürbare Resonanz gefunden. Die wöchentlichen Medienbeilagen des „Guardian“ und des „Independent“ haben davon keine Notiz genommen, und in der Berichterstattung über Deutschland schlägt es sich auch nicht nieder. Das Ziel, der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit beizuhelfen durch die Vermittlung aktueller deutscher Themen an das englischsprachige Ausland, scheint so fern wie eh und je. (G.T.)

Frankreich schweigt verlegen

Von Literaten, Kulturvermittlern und selbst französischen Medienleuten ist meist dieselbe bedauernde Antwort zu hören: Ja, hätten wir davon gewußt. Daß Deutschland-Interessierte auch ohne Deutschkenntnisse in deutsche Feuilletons blicken können, hat sich in Frankreich nicht herumgesprochen. Sogar bei deutschlandorientierten Forschungs- und Vermittlungsinstitutionen kommt auf die Frage nach signandsight.com zunächst eine Verlegenheitspause.

Beim Cirac (Centre d'information et de recherche sur l'Allemagne contemporaine) greift man zu den Printausgaben der Zeitungen, die Leute vom Ciera (Centre interdisciplinaire d'etudes et de recherches sur l'Allemagne) finden die Idee aus dem Internet vorzüglich, ignorieren sie aber. In den Computern der Pariser Zeitungsredaktionen ist die neue deutsche Internetseite nicht eingespeichert. Bei „Liberation“ wie bei „Le Monde“ verspricht man, sich darum zu kümmern.

Zu den wenigen Orten, wo dies längst geschehen ist, gehört der „Courrier International“, der auf zweihunderttausend Druckexemplaren wöchentlich und in einem Internet-Auftritt - wenn auch in umgekehrter Richtung - ebenfalls nach Perlen taucht und aus der Weltpresse ausgewählte Artikel auf französisch anbietet. Doch ist das kein Wunder, schließlich wollen „Perlentaucher“ und „Courrier International“ im Sommer eine neue dreisprachige Europa-Presseschau aus allen fünfundzwanzig EU-Ländern starten. Ob die dann jemand liest? (han.)

Text: F.A.Z., 10.06.2005, Nr. 132 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/epa

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