„Jyllands-Posten“

Meinungsfreiheit unter Polizeischutz

Von Robert von Lucius, Kopenhagen

Ausnahmezustand: Mitarbeiter der “Jyllands Posten“ vor dem Redaktionsgebäude

Ausnahmezustand: Mitarbeiter der "Jyllands Posten" vor dem Redaktionsgebäude

06. Februar 2006 Begonnen hatte alles mit einer von einem Journalisten mitgehörten Bemerkung eines Kinderbuchautors auf einer Party. Die Saga um zwölf Zeichnungen des Propheten Mohammed, die im September eher geruhsam begann, ist in den vergangenen Tagen zu einer Gewaltorgie explodiert und zu Anzeichen eines Kultur- und Wertekampfes zwischen dem Westen und der muslimischen Welt, auch und vor allem um die Pressefreiheit.

Die zwölf Zeichner leben seit Wochen nach Morddrohungen, die es mittlerweile in Dänemark auch gegen mehrere Journalisten gibt, unter beständigem Polizeischutz. Wenn sie selten und zögernd genug zu einem Gespräch bereit sind, dann nur unter der Zusage von Anonymität von Namen, Ort und Bild. Auch die „Jyllands-Posten“, die die Zeichnungen im September in Auftrag gab und abdruckte, und ihre Journalisten werden bedroht. Vor einigen Tagen mußten die beiden Redaktionsgebäude in Kopenhagen und in Viby nahe Århus nach Bombendrohungen geräumt werden.

Chefredakteur: Kampf um Meinungsfreiheit „verloren“

Am Montag zeigte die Zeitung, die sich nach vier Monaten des Zögerns zu einer beschränkten Entschuldigung für die Verletzung der Gefühle von Muslimen - nicht aber für den Abdruck selber - durchrang, Zeichen eines zweiten Nachgebens. Der Chefredakteur Carsten Juste sagte im dänischen Rundfunk, der Vorschlag eines Sprechers der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Imam Ahmed Akkari, eine gemeinsame Erklärung zu verfassen, sei „ganz bestimmt bedenkenswert“.

Falls sich die „Jyllands-Posten“ „unzweideutig“ entschuldige, riefen die Imame zum Ende der Proteste auf. Zuvor schon hatte Juste gesagt, seine Zeitung habe den Kampf um die Meinungsfreiheit „verloren“: In der nächsten Generation werde wohl kaum jemand wieder Mohammed karikieren, und nun würden Diktatorenstaaten beeinflussen können, was dänische Zeitungen schrieben.

Ein Religionshistoriker hatte abgeraten

Dabei fand der Streit seinen Ausgang just in dem Bemühen, die „Selbstzensur im Kopf“ zu bekämpfen. Mit diesem Argument hatte die „Jyllands-Posten“ am 19. September vierzig Zeichner im dänischen Karikaturistenverband um Mohammed-Zeichnungen gebeten, und zwölf reagierten. Der Redakteur Flemming Rose - auch er mußte vorübergehend ins Ausland abtauchen - hatte aufgegriffen, was der Kinderbuchautor Kare Bluitgen Bekannten berichtete: Drei Zeichner hatten abgelehnt, ein Buch von ihm zum Propheten Mohammed zu illustrieren, weil sie wegen des Bilderverbots im Islam Folgen für sich befürchteten. Bluitgen, der in einem Einwandererviertel lebt und muslimische Freunde hat, ist wegen seiner Ansichten zu Einwanderern umstritten.

Als die Morgenzeitung die zwölf Zeichnungen Ende September abdruckte, schrieb Rose dazu, man wolle religiöse Gefühle nicht verhöhnen, das sei aber „untergeordnet der Demokratie und der Meinungsfreiheit“, die bedeute, daß man auch „Hohn und Spott“ ertragen müsse. Auch wenn die nationalkonservative „Jyllands-Posten“ nun sagt, sie habe den Steppenbrand nicht ahnen können - Warnungen gab es. Sie fragte vor dem Abdruck den Religionshistoriker Tim Jensen, der von der Idee abriet. Das könne als unnötige Provokation betrachtet werden und wie Benzin auf einen brennenden Heuhaufen wirken. Jensen behielt im nachhinein recht.

Die „Jyllands-Posten“ gibt sich gern unangepaßt

Es war wohl kein Zufall, daß es die „Jyllands-Posten“ war, die sich zu dem Schritt entschloß. Zum einen hält sie sich mit prononcierten Meinungen in ihren Kommentaren und in Leserbriefspalten auch zur Ausländerpolitik nicht zurück. So scheut sich die linksliberale dänische Zeitung „Information“ denn auch nicht, da andere Zeitungen in der westlichen Welt im Namen der Meinungsfreiheit mit Nachdrucken und Bekundungen Solidarität zeigen, die „Jyllands-Posten“ als „morgenfaschistische Jyllands-Pest“ einzustufen, in der „islamophobe Hetze“ zu finden sei.

Hinzu kommt, daß die „Jyllands-Posten“ ihre Rolle definiert als die einer unabhängigen Zeitung, die es liebt, wider den Stachel der Anpassung zu löcken. So schreibt sie weder konfliktscheu noch furchtsam gegen vieles an: gegen die Kopenhagener; gegen den großen Rivalen, die bürgerliche „Berlingske Tidende“ und deren staatstragende Haltung; gegen die Wirtschaft und vor allem die größte dänische Bank, die Danske Bank, als sie enthüllte, daß diese bei einem Finanzskandal um das Unternehmen Hafnia ihr Wissen nicht an ihre Kunden weitergegeben habe, um ihre eigenen Finanzinteressen zu wahren.

Leser und Anzeigenkunden sind solidarisch

Als einzige der großen dänischen Zeitungen hat die JP ihre Wurzeln und ihre Basis in Jütland (Jylland), außerhalb der Hauptstadt. Schon kurz nach ihrer Gründung in Århus 1871 nahm sie unbequeme Haltungen ein etwa zum Wiederaufbau der Wirtschaft nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864. Ihre Unabhängigkeit wird schon an der Eigentümerstruktur sichtbar, es ist eine von angesehenen Wissenschaftlern und Unternehmern geführte Stiftung.

Deren Vorsitzender Asger Norgaard Larsen, ein früherer Chefredakteur der JP, bewies seine vom Vater ererbte Standfestigkeit: Der Vater war in der Zeit nationalsozialistischer Besetzung inhaftiert worden. Bisher hat der Kulturkampf um die Zeitung dieser wirtschaftlich weder geschadet noch genützt. Einige - wenige - Abonnenten bestellten sie aus Protest ab, andere bestellten sie aus Solidarität neu. Sichtbare Verschiebungen erfuhr die „Jyllands-Posten“ in den vergangenen Wochen weder bei der Höhe ihrer Auflage - derzeit 150.000, nachdem sie im Jahr 2000 ihren Höchststand mit 200.000 erlebt hatte - noch bei den Anzeigen. Leser und Anzeigenkunden sind augenscheinlich solidarisch.

Text: F.A.Z., 07.02.2006, Nr. 32 / Seite 40
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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