Von Zhou Derong
11. August 2005 Der Aufstieg der chinesischen Internetsuchmaschine Baidu (www.baidu.com) ist ein Wirtschaftsmärchen, das dringend nach einer Hollywood-Verfilmung verlangt: Zwei junge Chinesen, Robin Li und Eric Xu, beide in den Vereinigten Staaten ausgebildet, kamen Ende 1999 mit einem Koffer voller Dollar und einer Idee nach China zurück. Die Dollars hatten sie von zwei Risikokapitalfirmen aus dem amerikanischen Silicon Valley, Draper Fisher Jurvetson und IDG Ventures. Ihre Idee war es, eine Firma zu gründen, die sich ganz auf den Bereich Internetsuche spezialisiert. Eine Goldgrube.
Vor allem an der Technologiebörse Nasdaq. Dort reagierten die Investoren auf den Börsengang so euphorisch wie zu den seligen Zeiten der New Economy: Sie kauften, was das Zeug hielt. Gleich bei der Handelseröffnung am vergangenen Freitag sprang der Kurs vom bescheidenen Ausgabepreis von 27 Dollar sofort auf 66 Dollar und passierte in nur drei Stunden die Hundert-Dollar-Marke. Am Ende des ersten Handelstags lag der Kurs - nach einem Zwischenhoch von mehr als 151 Dollar - bei stolzen 122,54 Dollar. Mit einem einzigen Sprung ist Baidu zur kapitalschwersten börsennotierten Firma Chinas aufgestiegen.
Schöne neue Welt
Zudem wurden Robin, Eric und fünf weitere Topmanager über Nacht zu Milliardären. Und weitere vierhundert Verantwortliche auf der mittleren Ebene sowie alte Mitarbeiter wachten morgens als Millionäre auf. Schöne neue Welt. Ein Staatsgeheimnis ist indes das, was Baidu eigentlich zu dem gemacht hat, was sie heute ist, nämlich die führende Internetsuchmaschine in China. 2004 hatte Baidu einen Marktanteil von über 33 Prozent, gefolgt von Google mit knapp 23 und Yahoo mit etwa 21 Prozent. Das hatte vor drei Jahren noch ganz anders ausgesehen. Bis September 2002 gehörte Baidu eigentlich zu den vielen Versuchskaninchen, die man mit ein wenig Risikokapital begann und dann ins kapitalistische Meer stieß, um zu sehen, welches überlebe.
Vor drei Jahren hieß der Held noch Google. Dieses Unternehmen hatte 2000 eine chinesische Version der Suchmaschine herausgebracht und eroberte im Nu den chinesischen Markt. Und zwar allein durch Mundpropaganda. Ein Jahr später hatte sich Netease.com, eines der drei beliebtesten Nachrichtenportals in China und ebenfalls an der Nasdaq notiert, den Dienst der Google gesichert. Die Zusammenarbeit lief so gut, daß es nur eine Frage der Zeit schien, bis die beiden anderen, Sina.com und Sohu.com, dem Beispiel folgen würden. Just in diesem Augenblick wurde Google am 3. September 2002 ohne Vorwarnung für mehrere Monate blockiert.
Informationen gegen Google gesammelt?
Zwar blieb bis heute im dunkeln, wie es dazu kommen konnte. Aber im Internet hält sich seither hartnäckig das Gerücht, daß Baidu dahinterstand. So sollte sich ein Topmanager von Baidu schon 2001 mehrmals beim Pekinger Propagandaministerium über subversive Informationen von Google beschwert haben. Anfang 2002 fühlte sich Baidu dann akut bedroht, weil zwei ihrer wichtigsten Partner Abwanderungsabsicht bekundet hätten.
Daraufhin soll man sich bei Baidu entschlossen haben, Informationen gegen Google zu sammeln, und zwar gleich in drei Kategorien, nämlich Politik, Religion und Erotik, um anschließend den Konkurrenten beim Propagandaministerium anzuschwärzen. Zehn Prozent der Surfer, will ein geheimer Bericht von Baidu herausgefunden haben, hätten bei Google nach subversiven wie schädlichen Informationen gesucht. Das habe Peking aufgeschreckt und schließlich zur Sperre geführt. Sind das alles Hirngespinste, wie Baidu sagt?
Tatsache ist, daß Büros von Netease.com in Peking, nachdem das Unternehmen zu Google gewechselt war, mehrmals von der Polizei durchsucht wurden. Tatsache ist auch, daß der Gewinn von Baidu nach der Blockade von Google sprunghaft anstieg. So hatte Baidu 2002 erst zehn Millionen Yuan Gewinn gemacht, 2004 lag der Betrag schon ums zehnfach Höhere bei 111 Millionen Yuan. Mit Unschuldsmiene erklärte Bi Sheng, der Marketingchef von Baidu, anläßlich der Sperraktion gegen Google, daß Baidu, um subversive wie schädliche Informationen herauszufiltern, im voraus eine große Sammlung von verbotenen Begriffen angelegt hat. Sobald ein solcher Begriff auftauche, werde die Seite blockiert.
Google kommt zurück
Tatsächlich ist die Selbstzensur in China heute der Brauch. Auch bei Google, wo man im vergangenen September eine gesäuberte chinesische Nachrichtenseite lancierte. Google hat dafür viel Kritik einstecken müssen, zu Recht. Doch auch heute muß man der Suchmaschine zugute halten, daß sie, anders als Yahoo oder Microsoft, als einzige nicht vor den Kommunisten in die Knie gegangen ist. Nicht nur hat Google von Anfang an darauf bestanden, alle Links in einem konkreten Suchergebnis zu präsentieren. Inzwischen tauchen auf ihrer Nachrichtenseite auch vereinzelt wieder subversive und schädliche Websites auf. Dies macht sie zwar bei den kommunistischen Machthabern unbeliebt. Zu jedem sensiblen Datum wie etwa dem 4. Juni wird Google als erste gesperrt. Und an normalen Tagen muß man aufpassen, nicht versehentlich einen falschen Link anzuklicken. Denn dann wird Google für eine ganze Weile unerreichbar sein.
Auf der anderen Seite ist es aber gerade diese Widerspenstigkeit von Google, die sie zu einer Erfolgsgeschichte in China macht. Bei Google finde man noch die richtigen Nachrichten, sagt man auf der Straße. Und das schlägt sich auch positiv in den Geschäftszahlen nieder. Im ersten Quartal 2005 etwa hatte sie als einzige unter den großen drei kräftig an Marktanteil dazugewonnen, während Yahoo, die eine chinesische Internetfirma um die andere aufkauft, weiter an Einfluß verliert.
Inzwischen trennen nur etwas mehr als fünf Prozent Google (32,2) von Baidu (37,4), obwohl letztere als nationale Industrie von den sogenannten liberal-nationalistischen chinesischen Medien wie etwa der Pekinger Tageszeitung Beijing News kräftig unterstützt wird. Aber auch Google hat inzwischen Verbündete gefunden: Anfang Juni haben sich über tausend chinesische Websites spontan zur Allianz der Anti-Baidu (www.fanbaidu.com) zusammengeschlossen. Sie ist gewiß erst ein kleines Flämmchen. Aber auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Text: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 38
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