27. September 2005 Der außergewöhnliche Spielfilm Paradise now beleuchtet die Lebenswelten zweier junger Selbstmordattentäter in Palästina. Außerdem verarbeitet Leander Haußmann seine NVA-Erlebnisse mehr schlecht als recht, während der kleine Eisbär auf den Galapagosinseln strandet.
Wächter der Nacht (Nochnoi dozor)
Actionfilm, Rußland 2004.
Wächter der Nacht, eine Art russische Antwort auf den Herrn der Ringe, schildert den unablässigen Kampf zwischen Licht und Finsternis in den Straßenschluchten, Wohnungsruinen und überfüllten Metrozügen des Molochs Moskau. Nach der Mythologie von Drehbuchautor Sergej Lukjanenko teilt ein Waffenstillstandsabkommen den Lichtmächten den Tag und den Finsterlingen die Nacht zu, wobei jede Partei die Vertragstreue der anderen durch Inspekteure überwacht. Die Agenten der Dunkelheit steuern teure Limousinen und fallen durch dämonische Eleganz und Raubtierheiterkeit auf. Die Arbeiter des Lichts hingegen, die mit einem alten Auto der Elektrizitätswerke Dienst tun, wirken übermüdet und ungewaschen und werden von animationstechnischen Wahnvisionen verfolgt, die in Lukjanenko den professionellen Psychiater verraten. So soll der geplagte Hauptheld als Lichtinspekteur eigentlich eine Hexe entlarven, die er aber um einen Zauber gegen seine untreue Frau bittet - bis Assistenten, die seinem Gewissen entsprungen sein könnten, die schwarze Magie beenden. Verschämt Schweineblut schlürfende Vampirmenschen, ein Eulenmädchen und eine fluchbeladene Jungfrau verbreiten die Schauermärchenatmosphäre eines neuen Mittelalters.
Jungfrau (40), männlich, sucht ...
Komödie, Vereinigte Staaten 2005.
Andy Stitzer (Steven Carell) ist ein zufriedener Mann. Er hat einen überschaubaren Job, eine nette Wohnung und eine ordentliche Sammlung Actionfiguren. Was er allerdings nicht hat, ist Sex. Andy ist mit seinen 40 Jahren immer noch Jungfrau, und so langsam möchte er diesen Zustand doch lieber beenden. Seine Freunde versuchen, ihm dabei unter die Arme zu greifen.
Gut also, daß Trish in Andys Leben tritt. Sie, ebenfalls 40 und Mutter von drei Kindern, scheint die ideale Kandidatin für das Projekt Entjungferung zu sein. Aber mehr als platonische Liebe ist zunächst für Andy nicht drin. Die Komödie verlegt das klassische Drama der Pubertät - wer hat noch nicht, wer will noch mal - in die Lebensmitte ihres leicht trotteligen Protagonisten und setzt dabei unverdrossen auf den deftigen Slapstick-Humor von Filmen wie American Pie.
NVA
Komödie, Deutschland 2005
Leander Haußmann inszeniert nach Sonnenallee mit NVA seinen zweiten persönlichen Abschied von der DDR. Selbst Geschädigter der NVA, der Nationalen Volksarmee, wählt er dazu das Genre der Komödie. Leider keine allzu gute Wahl. Das Ergebnis sind mühsam gedämpftes Chargieren quer durch alle Dienstränge und schale Gags, unter denen die sogenannte Musikbox noch der spektakulärste ist: Weil die DDR bekanntlich nicht gerade ein Paradies für Unterhaltungselektronik war, sperrte man einen Soldaten in einen Spind, warf ein paar Groschen deutscher Notenbank ein, und der Soldat mußte singen. Sang er nicht, wurde er durchgerüttelt oder der Spind auf den Kopf gestellt. Viel mehr gibt das Militär hier nicht her. Anstatt das starre Exerzierreglement des Militärfilms als Chance zu nutzen, bleibt der Film in Habachtstellung: Einzug in die Fidel-Castro-Kaserne, Episoden aus dem militärischen Alltag, wie er in jeder Armee der Welt herrscht. Aufmucken und wegducken, schlechtes Essen, Heimweh nach der Freundin, Triebstau und das genreübliche Personal vom Schleimer bis zum Rebellen.
So robbt der Film durchs Gelände, und irgendwann merkt man: Noch schlimmer als eine Militärklamotte ist eine Militärklamotte, die sich immer wieder dafür schämt, eine zu sein. Haußmann erzählt seine Geschichte so farblos und unspezifisch, daß noch der Mauerfall wie eine Verlegenheitslösung wirkt, die dem Ganzen zu einem Schluß verhilft. Und kaum hat er ein passendes Bild für den Aufbruch in Freiheit und Erwachsensein gefunden, muß er wieder die Löffel der Offiziere bedeutungsvoll in den Tassen klappern und anschließend den Stützpunkt in die Luft gehen lassen. Aberwitz ist genug vorhanden, um böse Pointen zu zünden, doch der Hang zum Brachialhumor verhindert, daß die schwarze Grundierung, die zu jeder guten Komödie gehört und die in Robert Altmans M.A.S.H. auch das Militär einfärbte, je zu sehen ist.
Paradise Now
Drama, Deutschland / Niederlande / Israel / Frankreich 2005.
Paradise Now zählt zu der Gruppe gelungener Spielfilme, die politisch Position beziehen, ohne daß sie eine Lösung anzubieten sich anmaßten, und die gleichzeitig deutlich machen, daß sie Fiktion sind, mit Wahrheitsanspruch. Es geht um die Geschichte zweier Selbstmordattentäter, ihren Alltag, ihre Familien. Said und Khaled sind seit ihrer Kindheit befreundet, Saids Vater wurde wegen Kollaboration mit den Israelis hingerichtet, als Said zehn war, Khaled verliert gerade seinen Job, beides keine außergewöhnlichen Schicksale in Nablus. Said ist dabei, sich in die Tochter eines berühmten Selbstmordattentäters zu verlieben, die Gewalt ablehnt und in einer Menschenrechtsorganisation arbeitet, was irgendwann beiläufig erwähnt wird. Eines Tages werden die Dinge besser sein, sagt sie zum Fahrer eines Sammeltaxis. Sie sind wohl nicht von hier, ist seine Antwort.
Der israelisch-palästinensische Konflikt, davon ist der Regisseur Hany Abu-Assad überzeugt, der als Palästinenser in Israel lebt mit einem israelischen Produzenten gearbeitet hat, liegt längst jenseits jeder Moralität. Es gibt kein moralisches Gleichgewicht beim Töten, soll das heißen, und auch wenn der Film nah an seinen Figuren und deren Motiven bleibt, hält er zu ihrer Entscheidung, sich selbst und möglichst viele israelische Soldaten und Zivilisten in den Tod zu sprengen, gehörigen Abstand. Aber er beurteilt sie nicht. Wir sehen das Reinigungsritual, bevor sie als menschliche Bomben verkabelt werden, wie sie sich frisch rasiert und gewaschen zum Essen setzen in einer Anordnung, die nicht zufällig aussieht wie das letzte Abendmahl. Bei der Aufnahme des Märtyrervideos versagt die Kamera zweimal, während der Lehrer, der die beiden rekrutiert hat, ein Pitabrot ißt. Sterben und Töten als alltägliches Geschäft. Wie es auf der anderen Seite aussieht, zeigt Paradise Now nicht, ganz anders wird es nicht sein.
Stage Beauty
Komödie, Großbritannien, Deutschland, Vereinigte Staaten 2004.
England, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der Schauspieler Edward Ned Kynaston (Billy Crudup) feiert Erfolg um Erfolg auf der Bühne - vor allem in Frauenrollen. Seine Desdemona ist legendär. In pompösen Kleidern, mit Puder und Perücke wird er zum größten Star seiner Zeit. Er hat sich - als Mann - die Facetten der Weiblichkeit bis zur Perfektion angeeignet. Seine Garderobiere Maria, gespielt von Clare Danes, verehrt Edward als Mann wie als Künstler. Heimlich aber träumt sie davon, selbst auftreten zu dürfen. Allein, in jenen Zeiten waren die Bretter, die die Welt bedeuten, den Männern vorbehalten.
Bis schließlich König Charles II seine Meinung ändert und künftig im Theater Frauen als Frauen zu sehen wünscht. Maria steigt zum neuen Stern am Theaterhimmel auf, während der Stern ihres einstigen Idols unaufhaltsam sinkt. Kynaston versteht die Welt nicht mehr: Eine Frau, die eine Frau spielt? Wo soll da der Kunstgriff sein? Während er, seiner Berufung und seines Berufes beraubt, den Halt unter den Füßen zu verlieben droht, versucht Maria aber, ihn auf die Bühne zurückzuholen - und für sich zu gewinnen.
You I Love
Drama, Rußland / Deutschland 2003.
Als Timofei, gestreßter Anzeigenleiter einer Moskauer Agentur, Vera kennenlernt, ist er fasziniert von der schönen Nachrichtensprecherin. Auch sie fühlt sich von ihm angezogen, die beiden werden ein Paar und bringen sich gegenseitig ein wenig ins Gleichgewicht. Dann aber läuft Timofei eines Nachst ein junger Mongole ins Auto: Uloomji.
Es geschieht, was keiner gedacht hätte. Zwischen Uloomji und Timofei entwickelt sich eine skurrile Freundschaft, aus der eine Liebesbeziehung wird. Vera ist zunächst irritiert, dann aber fasziniert von dem Beziehungsdreieck, daß sie und die beiden Männer bilden. Durch Uloomji und dessen Sicht auf die Welt und das Leben nimmt auch Timofeis Dasein eine neue Richtung. Uloomji schlägt wie ein Blitz in sein Leben ein. Turbulent droht es zu werden, als sich Uloomjis mongolische Familie in Moskau ankündigt.
Pommerland
Dokumentarfilm, Deutschland 2005.
Kurz nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union, im Mai 2004, beginnen Volker Koepp und sein Kameramann Thomas Plenert ihre Filmreise nach Hinterpommen. Sie begegnen Menschen wie Frau Luise, Janek oder Janeta. Die Welt hatte sich verändert und Polen auch. Der politische Umbruch brachte die Freiheit - und für viele, in manchen Dörfern für drei Viertel der Bewohner, die Arbeitslosigkeit. Sie sammeln Beeren und Pilzen, die Jungen gehen fort, wenn sie nur können.
Die Filmemacher sind aber auch auf Idealisten getroffen, die einen Neuanfang wagen wollen. Das junge polnische Ehepaar Bastosiewicz zum Beispiel. Die beiden versuchen, die brachliegende Landwirtschaft auf einem der alten Güter mit EU-Geld wiederzubeleben. Neben der Gegenwart beschäftigt Koepp auch die Vergangenheit - die in Hinterpommern auch eine deutsche ist. So begleitet er den 90 Jahre alten Adolf-Heinrich von Arnim, der seine Kindheit und Jugend auf einem der Güter in der Nähe verbrachte, in seine alte Heimat.
Monte Grande - Was ist Leben?
Dokumentarfilm, Schweiz 2004.
Der Filmemacher Franz Reichle ist schon seit seinem vorherigen Film Das Wissen vom Heilen der Frage auf der Spur, wie Körper und Geist als ganzheitliches Wesen existieren können. Um dieses Geheimnis zu lüften, erzählt er seinen neuen Film Monte Grande - Was ist Leben? entlang der Biografie und des Lebenswerks von Francisco Varela, dem berühmten chilenischen Neurobiologen. Für seinen Versuch einer filmischen Visualisierung dessen, woran Varela gearbeitet, wofür er gelebt und was er für sich realisiert hat, traf Reichle den Wissenschaftler kurz vor dessen Tod.
Die drei Kernthemen des Neurobiologen prägen den Film: die Beziehung zwischen Körper und Geist, der Sinn persönlicher Verantwortung und die Spiritualität. Varela selbst erzählt, Familienangehörige, führende Wissenschaftler, Freunde und Denker, wie der Dalai Lama, kommen zu Wort.
Der kleine Eisbär 2 - Die geheimnisvolle Insel
Zeichentrick, Deutschland 2005.
Der Nordpol ist als Abenteuerspielplatz scheinbar nicht groß genug für den kleinen Eisbären Lars und seine Freunde - für den Pinguin Caruso, der so gerne eine Pinguindame an seiner Seite hätte, und für Robby die Robbe. Unfreiwillig landen die Drei in einem Güterzug gen Süden. Nach allerlei Verwicklungen strandet das Trio schließlich auf den Galapagosinseln. Dort schließen sie schnell Freundschaft mit allerlei seltsamem Getier, beobachten frischgeschlüpfte Schildkrötenbabies auf ihrem Weg ins Meer, und Lars ergründet das Geheimnis der Inseln.
Nach dem ersten Eisbärfilm und ihrer preisgekrönten Produktion Lauras Stern schicken die Regisseure Piet de Rycker und Thilo Graf Rothkirch ihr Kinder- und Elternpublikum abermals auf eine zauberhafte Reise in die Welt von Lars und seinen Freunden. Deutsche Komiker haben den behäbig-kuscheligen Trickfilmfiguren ihre bekannten Stimmen geliehen: Anke Engelke, Dirk Bach und Atze Schröder etwa. Neu in der Riege der Synchronsprecher: die kleine Schnappi, das Krokodil-Sängerin Joy Gruttmann.
Text: @rike
Bildmaterial: Constantin, Delphi, Fox, Pro Fun, Real Fiction, Salzgeber, Senator, UIP, Warner