
Der Auftakt von „Birdwatchers - Das Land der roten Menschen“ gehört zu den brillantesten Ouvertüren, die man seit langem gesehen hat.
13. Juli 2009 Es ist besser, man geht von einem Klischee aus, als dass man bei einem endet, sagte Marco Bechis. Der italienische Regisseur sitzt in einem Berliner Hotel, weit, weit weg vom brasilianischen Urwald, in dem sein Film spielt, aber wenn man diesen Film gesehen hat, weiß man auch sofort, was der Mann mit den grauen Haaren und dem freundlichen Lächeln meint. Da taucht anfangs der Regenwald aus der Vogelperspektive auf, dann gleitet ein Boot mit Touristen über einen Fluss, und aus dem Dickicht erscheinen bewaffnete Indios, bemalt, nur mit Lendenschurzen bekleidet. Es ist ganz still, bis auf die Geräusche des Dschungels, die Kinder, Frauen und Männer verharren unbewegt am Ufer, die Touristen nehmen den Thrill naturbelassener Wilder schweigend und mit leicht furchtsamen Blicken auf. Im nächsten Moment sieht man, wie die Wilden sich auf einer Lichtung Jeans und T-Shirts überziehen, mit einer Frau im Jeep über die Bezahlung verhandeln, auf die Ladefläche klettern und abfahren.
Der Auftakt von Birdwatchers - Das Land der roten Menschen gehört zu den brillantesten Ouvertüren, die man seit langem gesehen hat. Er spielt mit den Konditionierungen des Publikums, er führt die Erwartungen in die Irre - um dann erst richtig anzufangen. Nach der Show kommt der Alltag, und er ist trist. Zwei Mitglieder der Gruppe von Guarani-Kaiowá haben sich erhängt, Nadio, der Anführer, beschließt daraufhin, mit der kleinen Gruppe das zugewiesene Reservat einfach zu verlassen. Was sie dabei erleben, davon erzählt Birdwatchers.
Bewegt ist untertrieben

Er spielt mit den Konditionierungen des Publikums, er führt die Erwartungen in die Irre - um dann erst richtig anzufangen.
Marco Bechis hat lange an dem Projekt gearbeitet, er wollte zunächst etwas ganz anderes erzählen, die tarzanartige Abenteuergeschichte einer Frau, die von Indios entführt wird und unter ihnen lebt - vielleicht werde ich das ja auch noch mal machen. Die Geduld und Gelassenheit, mit denen er spricht, haben vielleicht auch damit zu tun, dass er mit Anfang fünfzig, mit einer Biographie, die man mit ein wenig Untertreibung bewegt nennen kann, niemanden mehr missionieren muss.
In Chile geboren, in Brasilien und Argentinien aufgewachsen, war Marco Bechis mit Anfang zwanzig, als das Militär in Argentinien putschte, ein Militanter, ein Aktivist, der als Grundschullehrer in den Norden des Landes ging, um die indigenen Völker in einem anderen Geiste als dem der katholischen Kirche zu unterrichten. Er wurde vom Regime verhaftet, in ein Lager verschleppt, gefoltert, dank des Einflusses seiner Eltern freigelassen und von der Junta schließlich des Landes verwiesen. Er studierte Film in Mailand, lebt seither in Italien, und er hat seine eigene Geschichte auch in zwei Filmen reflektiert, in Junta (1999) und in Figli/Hijos (2001), der in Deutschland nie ins Kino kam. Beide handeln, sehr subtil und ohne das Politkinopathos eines Costa-Gavras, von der Militärdiktatur und ihren Folgen.
Darsteller als Filmemacher
Nach zwei Filmen über Verschwundene, sagt Bechis, habe er endlich auch mal von Überlebenden erzählen wollen. Politisch ist Birdwatchers natürlich auch, weil die Situation der Guarani in Brasilien ein Desaster ist. Eines der ersten Völker, das mit den Europäern vor fünfhundert Jahren in Kontakt kam, ist es heute eine Minderheit von nicht einmal fünfzigtausend Menschen in Brasilien, mit hoher Selbstmordrate und wenig Arbeit.
Aber Bechis ist kein Dokumentarist. Ihn interessieren zwar die Lebensumstände, sonst hätte er kaum diesen Film gemacht, aber er will keinen exotischen Thrill und auch kein Thesenkino. Er habe es immer mit Godard gehalten, sagt er, nicht einfach politische Filme zu machen, sondern Filme auf eine politische Weise zu machen. Das setzt nicht nur einen Blick voraus, der sich klar ist über seine blinden Flecken, der die Fallgruben der Projektion zu umgehen versucht; es hieß in diesem Fall vor allem, die Guarani selber in die Herstellung des Filmes einzubinden, statt sie bloß dessen Gegenstand sein zu lassen.
Marco Bechis hat über Monate mit einer Gruppe von Guarani-Kaiowá gearbeitet, am Drehbuch, an den Szenen, er hat ihnen zu demonstrieren versucht, wie ein Film wirkt, indem er ihnen Sequenzen aus Die Vögel und Spiel mir das Lied vom Tod vorführte. Sie sollten nicht etwas ihnen völlig Fremdes oder Äußerliches darstellen, sie sollten sich mit ihrer Situation beschäftigen - aber eben in Form eines Films. Das ist kein Brechtscher V-Effekt, zum Glück, denn Bechis erreicht mit seiner Methode viel mehr, weil sein Film die Dinge auch ohne schroffe Gesten und bedeutungsschwere Brüche in einem anderen Licht erscheinen lässt - nicht nur den Zuschauern, sondern auch seinen Darstellern.
Sie sind einfach beharrlich
Die Gruppe von Guarani besetzt ein Stück Land direkt am Straßenrand, es gehört zu einer der großen Farmen, auf denen im Mato Grosso do Sul - was dichter Wald des Südens bedeutet - extensive Rinderzucht betrieben wird und großflächig Nutzpflanzen angebaut werden. Dort, wo der einst dichte Wald, die Lebensgrundlage der Guarani, gerodet wurde, suchen sie sich ihren Platz. Eine neue Heimat. Das ist, bis zu diesem Punkt, auch die Geschichte von Ambrósio Vilhalva, der den Nadio spielt, der vier Jahre auf einem Stück Land am Straßenrand ausharrte und Bechis zu dem Film inspirierte. Es herrscht keine große Harmonie in der Gruppe, es wird auch keine gutgemeinte Parabel vom Widerstand daraus. Sie sind einfach beharrlich, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Nadio trinkt, der eine Junge will Schamane werden, der andere kauft sich glitzernde Sneakers, der angehende Schamane flirtet mit der Tochter des Grundbesitzers, und der Konflikt eskaliert, wenn der Grundbesitzer erst einen Anwalt einschaltet und schließlich noch weiter geht, nachdem er seine Familie erst mal für eine Weile fortgeschickt hat.
Bechis zeigt den Weißen jedoch nicht einfach als einen rücksichtslosen Erben der Konquistadoren. Man sieht einen Mann, dessen Familie seit Generationen mit harter Arbeit das Land kultiviert hat, und man sieht die Guarani, für welche die Vorstellung, die Erde, auf der sie leben, sei ihr Eigentum, absurd ist. Beide Standpunkte sind unvereinbar, eine neutrale Instanz existiert nicht, und es geht deshalb vor allem darum, dass diese Pattsituation zur Abwechslung einmal aus der Sicht der Guarani dargestellt wird, die da mit einer Selbstverständlichkeit ihre Hütten aus Plastikplanen und gefundenen Materialien bauen, dass man sich zwangsläufig fragen muss, welche Perspektive denn mehr Berechtigung hat. Daraus, aus diesem chronischen Missverhältnis und -verständnis, entsteht auch der Humor des Films, weil man sich ebenso mit den Guarani amüsiert, die den abgestellten weißen Aufseher in seinem Wohnwagen hinhalten, verspotten und düpieren, wie mit der bekifften Tochter des Farmers, die den angehenden Schamanen im Wald Mopedfahren üben lässt
Akt der Piraterie
Birdwatchers hat auch keinen harmonischen Ausklang. Die appellative Geste, man möge sich doch vielleicht mal um einen dieser sogenannten runden Tische versammeln, liegt ihm fern. Marco Bechis weiß genau, wie die Dinge stehen, es ist klar, wo seine Sympathien liegen - aber er schenkt sich jede begütigende, versöhnlerische Geste. Birdwatchers zieht seine Kraft daraus, dass er die Guarani in spielerischer Form ihr eigenes Schicksal darstellen lässt und dabei auf Mitleid und Anklage verzichtet. Am Ende liegt tief unter einem wieder der undurchdringliche Regenwald, es ist eine sehr ferne, sehr fremde Welt, und was man gesehen hat, könnte ein Märchen sein oder eine Parabel - wenn da nicht Tragik und Tote wären.
Denn wenn es auch für knapp zwei Stunden gelungen ist, aus der Perspektive der touristischen Vogelbeobachter herauszutreten und nicht über die Guarani zu erzählen, sondern sie in einem Medium, das nicht das ihre ist, von sich erzählen zu lassen, so ändert das unmittelbar gar nichts an ihrer realen Situation. Was Marco Bechis tut, ist, im filmischen wie im moralischen Sinn, eine Frage der Einstellung und der Wahrhaftigkeit.
Sein Film ist in Brasilien gefloppt, außer Kritikern und Intellektuellen hat ihn kaum einer sehen wollen, aber im Mato Grosso del Sud, sagt der Regisseur mit großem Vergnügen, kursierten unzählige Kopien des Films auf DVD, an denen er keinen Cent verdiene. Vielleicht ist dieser Akt der Piraterie ja auch ein Anfang, wenn die Guarani, die dort leben, sich ein Medium der Weißen aneignen, um ein bewegtes Bild von sich selbst zu entwerfen.
Ab Donnerstag im Kino
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Verleih