31. Juli 2007 War ja zum Glück nur eine Mogelpackung, diese DVD, die sich "Wintermärchen" nannte und aussah, als habe ein Praktikant sie montiert und ein Handball-Ignorant sie betextet. Jetzt gibt es den Dokumentarfilm, der diesen Namen verdient, und er heißt ganz unprätentiös "Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WM".
Da malt zwar auch eine Angestellte in Schönschrift das Wort "Wintermärchen" auf eine Schaufensterscheibe im oberbergischen Ort Wiehl, wo das Team Quartier bezogen hatte, aber der Regisseur Winfried Oelsner hat schon vorab erklärt, dass ihm etwas anderes vorschwebe als Sönke Wortmanns "Sommermärchen", das er zwar "ganz nett", aber als Dokumentarfilm doch enttäuschend fand.
Scharfer Blick fürs Beiläufige
Der 35jährige Oelsner, der bisher nur "Tsunami - Terror in der Nordsee" (2005) gedreht hat, ist kein Handballer, aber es reicht ja, dass der Filmproduzent Frank Stephan Limbach Oberliga gespielt hat. Beider "Projekt Gold" ist ein besserer Film als das "Sommermärchen" geworden, und das liegt nicht bloß daran, dass die Handballer nicht wie von Image-Beratern und PR-Agenten ferngesteuerte Fußballstars daherreden. Daraus ergeben sich zugleich kuriose Szenen wie im ICE, als die Mannschaft nach dem Eröffnungsspiel in Berlin in den Zug steigt, ohne Entourage, und erst mal ein paar Fahrgäste bitten muss, die reservierten Plätze zu räumen.
Oelsner arbeitet mit mehr Genauigkeit und scharfem Blick fürs Beiläufige, statt immer auf den maximalen Effekt zu schielen; um so packender ist es dann, wenn plötzlich überall an den Scheiben der hell erleuchteten Dortmunder Westfalenhalle Menschen stehen und gegen das Glas trommeln, wenn die Spieler (und die Kamera mit ihnen) sich auf dem nächtlichen Parkplatz umdrehen und kaum fassen können, was da gerade passiert.
De Höner ist zum Glück nicht zu hören
Die Kölner Karnevalskapelle De Höner ist zum Glück weder zu hören noch zu sehen, dafür schaut man zu, wie Christian Schwarzer nach dem Spiel Salzstangen in sich hineinstopft, wie ein Spieler allen Ernstes ein Buch liest in der Kabine; es gibt auch leicht ironische Anspielungen auf das "Sommermärchen" und natürlich das, was man mittlerweile aus dem neuen Genre der hautnahen Sportlerobservierung kennt: Taktikbesprechungen, Kabinenalltag, Busfahrten, die helfenden Hände des Physiotherapeuten. Oelsner hat es allerdings nicht lassen können, die Spieler aufs Hotelbett zu setzen und zu interviewen, was schon bei Wortmann arg verspannt wirkte; in der Wahl der Spielszenen ist der Film bisweilen etwas indifferent, und den Fernsehton hätte es bei den Spielen auch nicht gebraucht. Und wenn man sich fürs Teambuilding interessiert, für die psychische Verfassung der Spieler, dann hätte man auch ab und zu ein wenig genauer fragen dürfen.
Aber es ist, bei allen kleineren Einwänden, einfach toll, dass dieser Film ins Kino kommt, dass er das Spiel gewissermaßen in die Breite zieht - auch wenn er die viereinhalb Millionen Zuschauer des "Sommermärchens" nicht erreichen wird. Er hat einfach mehr zu erzählen als Wortmann, auch weil er nicht um jeden Preis noch einmal eine Stimmung beschwören will. Gerade deshalb ist er eine viel klarere und haltbarere Erinnerung an jene großen Tage im Januar und Februar.
Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WM läuft im Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 16
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Filmverleih, reuters