23. Januar 2005 Der Focus-Chef Helmut Markwort über seine Kindheit im Dritten Reich, die Amerikaner, den Spiegel, Bin Ladin, seine Rolle bei Burda und die Frage, wie es mit dem Verlag Milchstraße weitergeht.
Als Chef von Focus kennt Sie jeder. Seit ein paar Tagen aber betreuen Sie für Burda den Verlag Milchstraße. Was passiert da im Augenblick?
Ich spreche ausführlich mit den Chefredakteuren. Wir wollen die Mitarbeiter und die Zeitschriften besser kennenlernen, sortieren Fakten, wir vergleichen Zahlen und analysieren Probleme. Handeln können wir erst, wenn das Kartellamt den Kauf genehmigt hat.
Sie leiten einen sogenannten Integrationsausschuß Milchstraße. Das klingt, als bleibe dort alles, wie es war, nur unter anderen Vorzeichen. Da hat Dirk Manthey wohl nicht recht, wenn er von einer feindlichen Übernahme spricht?
Das war wohl ein lapsus linguae, denn Dirk Manthey hat ja seine wesentlichen Anteile schon lange verkauft, und zwar freiwillig. Wir bemühen uns um eine faire Zusammenarbeit, aber jeder kann sich ausrechnen, daß nicht jeder und alles bleiben kann, wenn ein Verlag einen anderen integriert.
Was machen Sie eigentlich alles bei Burda? Oder besser gesagt: Was machen Sie nicht?
Ich bin journalistisches Vorstandsmitglied, außerdem zuständig für Hörfunk und Fernsehen, arbeite aber in der Redaktion wie immer und hocke die ganze Freitagnacht hier herum und redigiere. Daß ich so lange arbeite und bis zu meinem 72. Lebensjahr unterschrieben habe - was später die Norm sein wird -, soll aber die tollen jungen Leute an meiner Seite nicht bremsen. Deswegen ist Uli Baur, zwanzig Jahre jünger als ich, jetzt Chefredakteur. Ich wollte Kollegen nach innen und außen aufwerten, damit sie kein Prinz-Charles-Syndrom erleiden. Menschen in Führungspositionen haben die Aufgabe, früh die Nachfolge zu regeln.
Sie haben vor mehr als zehn Jahren Focus gegründet. Hat es Sie gestört, daß Focus so negativ beurteilt worden ist, gerade von intellektueller Seite?
Natürlich habe ich mich darüber geärgert. Ich glaube, daß das weniger mit unserer modernen Erzählform zu tun hat. Wir waren diesen Linkskonformisten nicht political correct genug. Ich glaube, daß diese nichtlinke, bürgerliche Position, die im Focus zu Wort kommt, die arbeitende Mehrheit anspricht: Leute, die ich so treffe, Mittelständler, die eher am Gelderwerb interessiert sind. Die arbeiten Tag und Nacht, die lesen nicht soviel, haben aber einen klaren Standpunkt. Daß ich für die eine Zeitschrift gemacht habe, hat viele gestört.
Ich habe nie verstanden, daß Journalisten uns einen Mißerfolg gewünscht und hämisch prophezeit haben: Bald wird das Blatt eingehen, dann gibt es Abfindungen und sonst nichts. Journalisten sollten doch viele Blätter, Denkpositionen und auch Arbeitsplätze wollen. Außerdem lösen Neuheiten oft atavistische Reflexe aus. Die Griechen wußten dafür eine hübsche Begründung: Nachdem Pythagoras das Hypotenusenquadrat entdeckt hatte, opferte er den Göttern eine Hekatombe Rinder, und seitdem, so sagen die Griechen, brüllen die Ochsen immer los, wenn etwas Neues erfunden wird.
Wären Sie gern Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung geworden?
Das entspricht nicht meinem Temperament. Die SZ ist ja ein Autorenblatt.
Angeblich hat Gerd Schulte-Hillen Ihnen mehrmals den Stern angeboten.
Ja, da hat es mehrere Gespräche gegeben. Nachdem Schulte-Hillen kürzlich offen darüber gesprochen hat, kann ich das Angebot bestätigen.
Wann war das?
Bevor ich mit dem Focus angefangen habe. Ich habe ihm gesagt, ich starte lieber eine eigene Zeitschrift. Es ist ein Unterschied, Chefredakteur eines selbstgegründeten Blattes zu sein oder der zwölfte Nachfolger von Henri Nannen oder Rudolf Augstein.
Sie hätten den Stern umformen können.
Ich war ja mal beim Stern. Bevor ich selber Chefredakteur wurde, war mein letzter Chefredakteur Henri Nannen. Ich habe das Düsseldorfer Büro geleitet. Weil ich mich auskannte, habe ich Schulte-Hillen gesagt, ich habe keine Lust, mit einer Badehose in dieses Haifischbecken zu springen. Der Stern war damals geschlossen links. Wenn bei mir in der Focus-Redaktion jemand sagt, der Schröder ist ein guter Kanzler und der Fischer hat Qualitäten, dann ist das ein normaler Diskussionsbeitrag. Wenn damals beim Stern jemand gesagt hätte, der Strauß ist tüchtig, da hätte sich zu dem keiner mehr in die Kantine gesetzt.
Sie haben unlängst gesagt, Ihnen behage nicht, wie der Spiegel sich entwickelt hat.
Ich wollte, der Spiegel wäre so geblieben, wie er beim Start von Focus war. Als wir anfingen, haben die damaligen Chefredakteure gehöhnt, daß wir ein Nachrichtenmagazin in Farbe machen wollten. Aber Augstein hat erkannt, daß wir auf dem richtigen Weg waren, und hat dann bei sich Revolution von oben gespielt. Jetzt sind wir ähnlich, aber doch verschieden. Meine Maxime ist nicht Meinungsvielfalt, sondern Informationsvielfalt. Wer nicht erwähnt wird, ist ein Niemand; ein Thema, das nicht genannt wird, findet nicht statt in der Debatte. Diese Debatten hat der Spiegel fünfzig Jahre lang allein bestimmt, er herrschte auch mit der Macht des Totschweigens über Personen und Themen.
Spiegel und Zeit haben in den siebziger Jahren Politik gemacht - oder das zumindest geglaubt.
Nannen und Augstein haben direkt miteinander gewetteifert, wer von ihnen die Ostpolitik journalistisch mehr befördert hat.
Könnten Sie sich vorstellen, zu sagen: Hier bekennen wir jetzt Farbe und fördern diesen Politiker, diese Politik, weil sie so wichtig ist wie damals die Entspannungspolitik?
Bei Personen weniger, bei Themen will ich das nicht ausschließen. Wenn ich von einer Sache hundertprozentig überzeugt bin, kann ich mir auch ein gewisses Pathos vorstellen.
Engagieren Sie sich politisch?
Parteipolitisch habe ich das hinter mir. Ich bin 1968, als andere mit Steinen geschmissen haben, in die FDP eingetreten und war einige Jahre aktiv. Ich wollte was für die Freiheit und für die Liberalen tun. Der Einmarsch in Prag hat mich erschüttert.
Sie haben vor einiger Zeit einen Coup durch das Interview mit dem Bundespräsidenten gelandet. Glauben Sie, daß Horst Köhler dieses Amt neu definiert?
Das Interview wurde lange diskutiert, weil es offen und ehrlich war. Ich hoffe, daß Horst Köhler so weitermacht, wie er bisher aufgetreten ist. Wir brauchen eine neue Definition vom Bundespräsidenten.
In Ihrer Sendung Bookmark haben Sie Hans Magnus Enzensberger interviewt, der nie ins Fernsehen geht. Wie ist Ihr Verhältnis zu den deutschen Intellektuellen?
Ich betrachte jeden einzeln. Enzensberger ist eine Lichtgestalt, herausragend, was er schreibt, was er denkt und was er bewegt. Mein Zugang ist sprachlich und literarisch weniger abstrakt. Schopenhauer, Popper, Sloterdijk sind auch ein Lesevergnügen. Wer Sprache zur Verschleierung von Gedanken benutzt, den stelle ich ins Regal. Das hat mit Weltanschauung nichts zu tun. Ich lese gerne Rühmkorf, obwohl ich in vielen Dingen ganz anders denke als er. Aber er ist ein erfrischender Geist.
Am Anfang wollte ich als Journalist auch um jeden Preis ins Feuilleton. Ich bin am Theater sozialisiert geworden. Am Darmstädter Landestheater war ich zwei, drei Jahre während meiner Gymnasialzeit Statist beim großen Gustav Rudolf Sellner und habe unendlich viele Inszenierungen wachsen sehen. Ich bin immer ganz früh hingegangen, als die Statisten noch gar nicht im Probeplan waren, habe die Sprachmelodien, die Inszenierungen geradezu aufgesogen. Anschließend habe ich begeistert die Rezensionen von Georg Hensel gelesen. Damals war ich felsenfest entschlossen: Du wirst Dramaturg oder Regisseur.
Nicht Feuilletonredakteur?
Als Gymnasiast bin ich zum Darmstädter Tagblatt marschiert, um auf eine Schüleraufführung hinzuweisen. Schreib doch selber, sagte der Redakteur. Ich habe mich an eine Klapperschreibmaschine gesetzt und unsere Aufführung angepriesen. Da sagte der Redakteur: Das kann man ja sogar drucken. Was sollen wir denn für ein Kürzel drunter schreiben? Da war ich vom Journalismus infiziert und habe mich um ein Volontariat bemüht und es auch bekommen. Man mußte in allen Ressorts volontieren: Lokales, Sport, Wirtschaft, Politik, Feuilleton. Da muß ich sagen, das Feuilleton war für mich eine Enttäuschung. Es war wenig zu tun, nur eine Seite pro Tag. Die Premieren hat natürlich der große Chefkritiker rezensiert, auch die Bücher. In den anderen Ressorts konnte ich jede Menge schreiben. Privat gehe ich noch immer regelmäßig ins Theater und spiele auch ab und zu.
Eine Frage, die mit Bernd Eichinger und dem Untergang zu tun hat: Wenn man sich eine bestimmte Generation von Journalisten ansieht - Augstein, Nannen, Fest -, gibt es eine Obsession für Adolf Hitler. Bei Ihnen fällt mir das nicht auf.
Mich beschäftigt am meisten der 20. Juli, der gesamte Widerstand. Meine Familie gehörte zu keinem Widerstandsmilieu, weder Adel noch Kommunisten, noch strenge Katholiken.
Warum der Widerstand?
Weil ich Angst habe, ich hätte ein Nazi werden können. Ich wünschte mir so sehr, ich wäre bei Stauffenberg gewesen, obwohl mir kein Mentor geholfen hat. Ich bin 1936 geboren, war oft im Luftschutzkeller und habe bei uns zu Hause den Völkischen Beobachter gelesen. Da habe ich täglich die Bruttoregistertonnen der Schiffe, die die Marine versenkt hat, und die abgeschossenen Panzer aus dem Heeresbericht zusammengezählt.
Als kleiner Junge war ich traurig, daß ich noch nicht zur Hitlerjugend durfte. Ich war altersmäßig ganz knapp vor dem Jungvolk. Die anderen hatten alle ein Fahrtenmesser. Die campierten nachts draußen im Zeltlager und haben am Lagerfeuer gesungen, und ich mußte bemuttert im Bett liegen. Die Berieselung war gefährlich wie Gehirnwäsche. Ich war dieser Propaganda ausgesetzt, aus dem Radio und weil ich im Völkischen Beobachter jede Zeile gelesen habe. Es gab keine andere Zeitung.
Wie sahen Sie damals, als Kind, Hitler?
Ich bin nur unter Frauen aufgewachsen, weil die Männer alle im Krieg waren und teilweise gefallen sind. Die Tanten fuhren nach Nürnberg und erzählten stolz: Ich habe den Führer gesehen! Die haben von dem geschwärmt: Er war Deutschlands Retter, führte ein Volk ohne Raum gegen eine Übermacht von Feinden. Das habe ich in der Schule gelernt. Wir hatten einen Lehrer im Dorf, von dem hieß es, den haben sie nach Dachau gebracht. Der hat immer Grüß Gott gesagt und nicht Heil Hitler. Später, als mir alles klar wurde, hinterher, habe ich alles nachgelesen.
Hatten Sie Zugang zu Thomas Mann?
Nein, da war ich wirklich noch zu klein. Mit neun Jahren habe ich Kampf um Rom gelesen von Felix Dahn, mein erstes dickes Buch. Ich saß in der Fabrik meines Großvaters und habe den Untergang der Goten mit glühenden Wangen verschlungen.
Und dann kamen die Amerikaner.
Die rollten 1945 mit ihren Panzern in die Stadt. Wir wohnten damals in Oberfranken. Alle sagten: Hoffentlich kommen nicht die Russen, hoffentlich kommen die Amerikaner. Oder: Gott sei Dank ist der Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Und dann kamen sie mit Coca-Cola, Kakao und Schokolade und waren nett.
Wir Jungs und Mädels rannten alle hin. Ich konnte sie seltsamerweise verstehen und amerikanischen Slang reden. Die Soldaten nannten mich Jimmy und haben mir eine Uniform schneidern lassen. Die sind mit Panzern und Spähwagen vor die Volksschule gefahren und kamen in die Klasse. Einer von den GIs hat dem Lehrer gesagt: We need him as an interpreter. Come out! Ich bin mit den Amerikanern über die Dörfer gezogen und habe Eier gegen Seife getauscht, ein richtiger kleiner Schwarzmarkthändler. Die Amerikaner haben mich fasziniert.
Dann kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause und sah entsetzt, daß sein Sohn in amerikanischer Sergeantuniform aus dem Fenster winkt. Ich habe erst spät kapiert, was das für meinen Vater für ein Schock war. Mein Einsatz ging sogar so weit, daß ich abends die Grenzkontrollen überwacht habe. Das war in Rodach bei Coburg, da endeten die Straßen in drei von vier Richtungen in der russischen Besatzungszone. Ich mußte abends Posten anrufen und die Anwesenheit notieren.
Als die Einheit versetzt wurde, hat der Kommandant der nachfolgenden Einheit geschrieben, wie wertvoll ich sei, und mich an sie übergeben. Zwei Jahre lang habe ich neben der Schule gedolmetscht. Als ich dann anfing weiterzudenken, habe ich gedacht: Ich war mit neun Jahren von der Nazi-Propaganda infiziert. Mensch, was wäre aus dir geworden?
Als Sie später von der Judenvernichtung erfuhren, gab es da einen Nachschock?
Zuerst habe ich gedacht, die übertreiben, jetzt wird alles schlechtgemacht. Ich habe doch meinen Onkel im Krieg verloren, ein anderer war Zwangsarbeiter in Frankreich. Das waren doch anständige Leute.
Wie gravierend ist für Sie heute die Auseinandersetzung der Kulturen, des Islam und unserer Gesellschaft?
Ich bin in dem Streit näher bei Samuel Huntington als bei Hans Küng. Der Islam ist in der Phase, die das Christentum hinter sich hat: Er ist vital, kräftig, missionarisch, auch kreuzzüglerisch. Der große Unterschied, den viele nicht wahrhaben wollen, ist, daß eine Moschee auch ein politisches Forum ist. Sie ist nicht nur eine Kirche, in der gebetet wird, sondern da wird agitiert, da werden Politik und gesellschaftliches Verhalten gepredigt.
In dieser Religion gibt es die Trennung von Staat und Kirche nicht. Daraus entstehen elementare Konflikte. Das Christentum ist lau. Die Leute treten aus oder ein, werden nur noch in Karteien geführt, das stört niemanden. Wer dagegen aus dem Islam austritt, der wird verfolgt. Das zweite Problem ist sozialer Art: Deutschland ist nicht aufnahmefähig für die Millionen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns wollen.
Denken Sie, daß sich unsere Gesellschaft fundamental ändert?
Ich fürchte, daß man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen wird, daß es sich um eine Völkerwanderung handelte, daß beispielsweise die Türken Deutschland verändert haben, mit eigenen Parteien in die Parlamente eingezogen sind und ihre Interessen und Mentalitäten durchgesetzt haben. Wenn es immer weniger Deutsche gibt, ist das unausweichlich.
Aber dieser idealistisch-naive Ansatz, die Türkei unbedingt in die EU aufzunehmen, den halte ich für nicht verantwortbar. Da zitiere ich den Altkanzler Helmut Schmidt, der mir gesagt hat, daß die Ost-Erweiterung viel zu hastig vor sich gegangen ist und die Türkei uns überfordert. Schmidt erzählt, daß der türkische Ministerpräsident Demirel ihm schon vor Jahren gesagt habe, die Türkei wolle in die EU, weil sie ein riesiges Bevölkerungsproblem hat und zehn Millionen nach Deutschland schicken muß.
Ist das , was wir jetzt erleben, eine Krise, bei der es um die Zukunft des Landes geht?
Wenn ich an meinen Sohn und meinen Enkel denke, mache ich mir schon Sorgen. Ich habe viel erlebt, das waren Kollateralschäden bei der Aufwärtsentwicklung. Da ging es immer noch nach oben. Trotz Affären wurde alles besser. Jetzt erleben wir existentielle Krisen. Wir reden immer von der Staatsverschuldung auf Kosten unserer Kinder und Enkel, aber wenig von der Gesellschaft, die wir für sie gestalten.
Ich weiß nicht, in welchem Milieu mein Enkel aufwächst. Ob er zu einer Minderheit gehören wird, ob er eine Eigentumswohnung hat, die rund um die Uhr bewacht werden muß. Die Deutschen werden weniger. Deswegen weiß ich nicht, welche Rolle sie spielen. Wir können nur hoffen, daß die vielen Zuwanderer, die wir erwarten, sich assimilieren. Ich habe viele italienische Freunde, die sagen, ihr dürft nicht so viele Ausländer reinlassen, ihr seid zu gutmütig. Eine groteske Situation.
Viele meinen, daß die, die etwas verändern wollten oder könnten, keine Chance dazu haben oder gar nicht da sind?
Für rechtzeitige Änderungen sind unsere Politiker zu feige oder unsere Strukturen zu simpel. Unsere Regeln zwingen Politiker, in Abschnitten von vier Jahren oder, wegen Zwischenwahlen, noch kürzer zu denken. Es ist beispielsweise sicher, daß wir bis 67 oder länger arbeiten müssen. Kaum einer spricht es aus. Norbert Blüm hat die Deutschen jahrzehntelang getäuscht, und an der Spitze hat er Helmut Kohl getäuscht, der sich auf ihn verlassen hat. Blüm muß gewußt haben, wie die Situation ist. Alle Zahlen lagen vor. Aber wenn ein Politiker vor zwanzig Jahren verkündet hätte, die Rente ist ein Problem, ihr werdet weniger kriegen, ihr müßt mehr einzahlen, mehr vorsorgen und bis 67 arbeiten . . .
Kohl hätte die Wahl verloren.
Jeder hätte die Wahl verloren. Also haben wir ein Demokratieproblem, weil sich Parteien erst trauen, ein drängendes Problem anzupacken, wenn sie das Gefühl haben, mindestens fünfzig Prozent sind dafür.
Ist dieser Zeitpunkt gekommen?
Ja, viel zu spät. Aber es gibt gerade einen Schub im Bewußtsein. Es gibt auch in der Gesellschaft Schübe. Zum Beispiel Theo van Gogh: Daß da ein linker Intellektueller ermordet wurde, hat über Nacht die Stimmung gedreht. Plötzlich sagt Frau Merkel: Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Das hat sie zwei Jahre nicht zu sagen gewagt. Auch Sozialdemokraten sprechen plötzlich über die Realitäten, die sie längst kennen. Das Wort Leitkultur, unsere freiheitlich-demokratische deutsche Leitkultur, ist im Gespräch.
Ich wollte neulich vom Statistischen Bundesamt Zahlen bekommen, wie viele muslimische Kinder und junge Erwachsene wir in zehn Jahren haben. Man hat mir gesagt, solche Zahlen gebe es nicht, die dürfe man gar nicht ermitteln. Diese Zahlen wird man in Deutschland auch nicht finden. Da geht es um political correctness. Wenn es stimmt, daß bei den wenigen Kindern, die noch geboren werden, die überwiegende Mehrzahl aus den sogenannten bildungsfernen Schichten kommt, und wenn wir die anderen aus den muslimischen Schichten dazurechnen - was haben wir zu erwarten?
Ich bin sicher, daß die Zahlen schon vorliegen und bekannt sind. Die Mathematiker der großen Versicherungsgesellschaften rechnen ja auch eine höhere Lebenserwartung aus als diejenige, die ängstliche Regierungspolitiker in ihre Statistiken schreiben, damit sie die Sozialsysteme schöner färben können. Wir Journalisten haben es leichter als die Politiker - wir müssen nicht wiedergewählt werden. Ich bin mir aber sicher, daß in den Ausschüssen und Arbeitskreisen Leute sitzen, die alle Wahrheiten kennen. Obwohl es, wie Gerhard Schröder sagt, nur siebzehn Politiker im Bundestag gibt, die etwas von Rente verstehen. Die wissen, wieviel wir demnächst einzahlen müssen und wie wenig wir herauskriegen.
Wenn Sie sagen müßten, welche historische Persönlichkeit Sie am liebsten interviewen würden: Welche wäre das? Der Papst?
Der interessiert mich wenig. Die Antworten sind vorhersehbar.
Bin Ladin?
Das wäre eine Versuchung und eine Verantwortung. Eigentlich ist man dazu verpflichtet, diesen Menschen der Gerechtigkeit zuzuführen.
Würden Sie einen Terroristen interviewen?
Ja.
Noch mal zurück zur Milchstraße: Welche der dortigen Titel werden bleiben, welche nicht? Welche Chefredakteure? Und wie viele Mitarbeiter? Werden Sie Blätter fusionieren?
Gut gefragt, aber die Antworten kann ich erst geben, wenn wir - nach Zustimmung des Kartellamtes - alle Entscheidungsunterlagen komplett haben. Die Milchstraße ist ein kompliziertes Unternehmen. Jede Zeitschrift erscheint in einer eigenen Firma, und das Berichtswesen ist mit dem von Burda nicht vergleichbar. Wir sind erst am Beginn unserer Recherche.
Übernehmen Sie die Aufgabe bei der Milchstraße dauerhaft, oder ist das ein Job auf Zeit?
Die Integration ist ein Job auf Zeit, die Zuständigkeit im Vorstand bleibt.
Und wie sehen Sie die Lage auf dem Zeitschriftenmarkt allgemein? Insbesondere für Magazine wie Focus, Spiegel oder Bunte und Stern?
Zeitschriften, die ein klares Profil haben, müssen sich keine Sorgen machen. Sie bleiben wichtig für Leser und Anzeigenkunden.
Persönlich haben Sie journalistisch alles erreicht. Sehen Sie sich selber als Glückskind?
Ich glaube schon.
Das Gespräch führte Frank Schirrmacher.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2005, Nr. 19 / Seite 38
Bildmaterial: AP