Sam Mendes

Wir sind immer noch in der Wüste

Warum wollen Männer weiterhin Kriege führen?

Warum wollen Männer weiterhin Kriege führen?

05. Januar 2006 „Jarhead“-Regisseur Sam Mendes über einen Film ohne spektakuläre Handlung, die Wüste als Metapher für Krieg und das Arbeiten im Land der Lügen.

Ihre Schwester, die Ihnen gerade Ihr Mobiltelefon gebracht hat, klingt viel britischer als Sie. Sind Sie schon so verdorben von Amerika?

Wer weiß, eigentlich fühle ich mich aber viel englischer, nachdem ich in den letzten Jahren soviel Zeit in Amerika verbracht habe.

Wußten Sie denn vor „Jarhead“ was der Ausdruck „Jarhead“ bedeutet?

Sam Mendes und Jake Gyllenhaal bei den Dreharbeiten zu „Jarhead”

Sam Mendes und Jake Gyllenhaal bei den Dreharbeiten zu „Jarhead”

Bevor ich Anthony Swoffords Buch gelesen hatte, hatte ich keine Ahnung, daß es der Slang-Ausdruck für einen Marine ist.

Waren Sie denn wenigstens in England beim Militär?

Nein, ich hatte schon als Schüler kein Interesse. Meine Mutter hat den erforderlichen Brief aufgesetzt, daß ich weder zum Heer noch zur Luftwaffe noch zur Marine wollte. Ich habe statt dessen „Community Service“ geleistet und versucht, Vierjährigen Lesen beizubringen. An „Jarhead“ hat mich gereizt, daß der Held jemand ist, der mir von ferne ähnelt, er hat eine gute Ausbildung gehabt und viel gelesen. Ich kann mir vorstellen, daß ich ähnlich reagiert hätte wie er.

Haben Sie gezögert, das Buch zu verfilmen? Es liefert nicht gerade den Stoff, aus dem große Hollywood-Epen entstehen.

Ich mochte gerade das Unkonventionelle, das Fehlen einer spektakulären Handlung. In Amerika erwartet man bestimmte Dinge von einem Kriegsfilm. „Jarhead“ ist ein Film über Soldaten, aber kein Kriegsfilm. Es ist ein Nichtkriegsfilm. Gezögert habe ich schon, aber auch meine beiden bisherigen Filme in Amerika waren ja Versuche, sich in moralischen Grauzonen zu bewegen, sie hatten ein ambivalentes Verhältnis zu der Welt, die sie zeigen. Mögen wir den Helden in „American Beauty“ nun, oder verabscheuen wir ihn? Ist Tom Hanks in „Road to Perdition“ ein Held, oder ist er ein unangenehmer Bursche? Der erste Irak-Krieg hat Anthony Swofford auf eine seltsame Weise geprägt. Ich will jetzt nicht prätentiös klingen, aber er geht auf eine Reise, auf die wir alle ein Stück weit gehen sollten, in Amerika und England ganz gewiß. Man muß die moralischen Grauzonen aushalten, gerade wenn der Druck zum Entweder-Oder besonders stark ist. Und wenn man gegen den Krieg ist, was ich bin, muß man das auch nicht direkt in den Film packen, es geht eher darum, etwas Komplizierteres zu begreifen: Warum Männer auch weiterhin Kriege führen wollen, selbst wenn der Krieg wie jetzt ein reines Desaster ist.

War es sehr schwer, dieses Projekt durchzusetzen? Es ist ja unvermeidlich, daß man an die heutige Situation im Irak denkt.

Es war überhaupt nicht leicht. Aber wirklich heikel für mich war es, zu zeigen, wie unschuldig man in gewisser Weise damals war. Man hat „Desert Storm“ als Ende von Saddam wahrgenommen und als den Beginn der modernen Kriegsführung. Die Ironie dieser Annahmen ist uns heute bewußt. Aber der Film nimmt ja nicht die historische Vogelperspektive ein, er bleibt die ganze Zeit in der Perspektive seines Helden, und die ist sehr ambivalent. Das durchzusetzen war ein großer Kampf. Im Theater oder in der Literatur wird Ambivalenz begrüßt, aber im Kino ist sie fast verboten. In einer der ersten Kritiken zu „Jarhead“ stand allen Ernstes: „Mendes läßt uns mit einem Film voller Ambivalenz zurück.“ Aber genau darum geht es. Jeder kann sofort einen Krieg für dumm und sinnlos erklären, da gehört nicht viel dazu. Ich muß allerdings eingestehen, daß wir in Amerika zumindest ein bißchen so tun mußten, als sei es ein konventioneller Kriegsfilm, um die Leute ins Kino zu bekommen. Man kann sich ja nicht hinstellen und sagen, daß die Story im Zweifelsfall mehr mit Beckett oder Camus zu tun hat als mit einem Kriegsfilm.

Aber man kann sich den Schauplatz des Films mühelos auch als Bühnenbild für ein Stück absurdes Theater vorstellen, außerdem kommen Sie ja vom Theater.

Mag sein, daß ich es deshalb stärker in diese Richtung gedrängt habe. Doch ursprünglich fasziniert an dem Stoff hat mich diese Landschaft, die der Mondoberfläche ähnelt. Sie spiegelt auch das emotionale Vakuum, in dem die Soldaten sich befinden. Am Ende wird es zu einer Reise in die Hölle. Und inmitten von verbrannten Körpern und „friendly fire“ sitzt Jamie Foxx als Staff Sergeant und sagt: „Ist das nicht phantastisch?“ Swoff, der neben ihm sitzt, hält ihn für völlig verrückt. Und beide sind glaubhaft. So etwas liebt das amerikanische Publikum natürlich nicht, es will hören, daß der Krieg einen Zweck hat. Diese Wüste ist jedoch die Metapher für alle Kriege im Nahen Osten in den letzten fünfzehn Jahren. „Wir sind noch immer in der Wüste“, das ist der letzte Satz des Films, und der ist momentan schwer zu schlucken.

Hat man Ihnen mißtraut, weil Sie sich als Brite an diesen Stoff gewagt haben?

Klar, dann hat man mich immer einen Europäer genannt, das ist die niedrigste Stufe. Einer, der ankommt und einen Film dreht, der „American Beauty“ heißt, und nun will er auch noch etwas über den Nahen Osten erzählen.

Hat es Ihnen denn geholfen, daß Ihr Blick distanzierter ist?

Visuell ist es sicher ein Vorteil, weil man anders auf diese Welt schaut. Aber Amerikaner mögen es, ich vergröbere jetzt sehr, daß man ihnen sagt, was sie im Kino fühlen sollen, und genau das will ich nicht. „Wo sind die Tränen?“ hat man mich gefragt. Amerikaner sind verrückt nach Tränen im Kino.

Mit dieser Haltung hat man es in Hollywood nicht gerade leicht, oder?

Das ist wahr. Ohne die Oscars für „American Beauty“ hätte ich „Jarhead“ wohl kaum machen können. Aber man hat ja auch kein gottgegebenes Recht, Millionen von Dollar zu bekommen, um einen Film damit zu machen. Man muß dafür kämpfen.

Man hat Ihnen auch vorgehalten, der Anfang von „Jarhead“ sei aus Kubricks „Full Metal Jacket“ geklaut.

Kubrick hat ja das Ausbildungscamp für Marines auch nicht erfunden. „Full Metal Jacket“ ist ein wunderbarer Film, keine Frage, und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Szene nicht herausnehmen soll. Aber im Grunde sehen nur Kritiker und Filmfans die Parallele. Als ich für die Szene in „Jarhead“ Coppolas „Apocalypse Now“ vorführen ließ, habe ich gefragt, wer von den Schauspielern und Komparsen ihn gesehen hatte. Es waren kaum dreißig von mehr als zweihundert Leuten. Viele, die sich jetzt „Jarhead“ ansehen, waren zur Zeit von Desert Storm noch nicht mal im Kindergarten, sie wissen kaum, daß es diesen Krieg gab. Beim Vietnamkrieg war es doch ähnlich. Die Bilder aus Vietnam sind für uns die Bilder aus Filmen von Coppola oder Michael Cimino, die Jahre nach Kriegsende entstanden. Es braucht Zeit, bis sich ein allgemeiner Konsens über einen solchen Krieg herstellt. Das Problem hier ist, daß der Krieg andauert, das verändert die Haltung gegenüber dem Film.

Sie sind von Cambridge und von Shakespeare-Inszenierungen nach Hollywood gekommen. Haben Sie da nicht manchmal Zweifel gehabt, ob das Filmgeschäft der richtige Platz ist?

Sie werden lachen: Ich mag es, weil ich nicht dort leben muß, weil es nicht Teil meines Alltags ist. Es ist wie ein Abenteuer. Ich habe dort wahnsinnig viel gelernt, und ich liebe die Tatsache, daß Hollywood wirklich eine Industrie ist, eine große Maschine, man sieht, wie sie arbeitet, wie Räder ineinandergreifen, wo der Treibstoff eingefüllt wird. Man geht in ein Studio, um einen Film zu machen, und man kommt am Ende mit einem Produkt heraus. Das Land Hollywood, das ich bereist habe, steht unter Gesetzen, die es nirgendwo anders auf der Welt gibt. Geld wird fast verächtlich behandelt, es gibt eine unglaubliche Verschwendung, es gibt viele Lügen, fast alle sagen ja zu einem, und man muß lange warten um herauszufinden, was sie wirklich meinen.

Das Gespräch führte Peter Körte.



Text: F.A.Z., 05.01.2006
Bildmaterial: UIP

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