Ein Fall von Schleichwerbung

Tatort: Bienzle und die Ölheizung

Von Karen Krüger

Ein Schuß Rapsöl? Szene aus „Bienzle und der Sizilianer”

Ein Schuß Rapsöl? Szene aus „Bienzle und der Sizilianer”

24. Juli 2005 Wenn an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten der „Tatort“-Kommissar Bienzle mit Hut und schwäbischem Zungenschlag seine Ermittlungen aufnimmt, hat die zuständige Redaktion des Südwestrundfunks ganze Arbeit geleistet.

Denn „Bienzle und der Sizilianer“ ist neben den Serien „Marienhof“ und „In aller Freundschaft“ eines der traurigen Produkte des Schleichwerbekrimis a la Bavaria, der uns seit Wochen in Atem hält. Und an Spannung, Fallstricken und unerwarteten Wendungen ist dieser Skandal der „Tatort“-Geschichte um die Familie eines italienischen Pizza-Bäckers im Allgäu bei weitem überlegen. Nach dem Bericht der Wirtschaftsprüfer der KPMG, vor allem aber der Revisoren des SWR, mußten ganze Bildfolgen und Dialoge neu geschnitten und synchronisiert werden, um sie von sogenannten „Placements“ zu befreien. Schadensbegrenzung, heißt die Devise.

Waffe unter dem Kopfkissen

Weil gute Schleichwerbung sich im Detail versteckt, blieb die Grundhandlung dieser „Bienzle“-Episode unberührt: Der Italiener Giovanni Ricci (Luca Zamperoni) aus Palermo betreibt eine Pizzeria im Allgäu. Verheiratet mit der Tochter eines Käsereibesitzers, hat er sich akzentfrei in die süddeutsche Jägerzaunlandschaft integriert. Der deutsche Schwiegervater ist ein Despot, die Schwiegermutter eine Glucke, die ihren erwachsenen Töchtern Ruth (Astrid Posner) und Marlene (Alma Leiberg) gerne das Reden abnimmt. Während die Eltern schwäbelnd den Garten umgraben und Simon (Marcus Michalski), der abgelegte Verlobte der Tochter, mit trauriger Miene um die Häuser streift, vergnügt sich Marlene mit Giovannis Bruder Luigi (Orazio Zambelletti). Dessen Vergangenheit zeichnet sich auf seinem Körper ab: Doch woher die zahlreichen Schuß- und Stichnarben kommen und was die Waffe unter seinem Kopfkissen zu bedeuten hat, verschweigt der Sizilianer seiner Liebsten.

Marlene schwört ewige Liebe und fragt nicht weiter. Die Eisdielenromantik endet, als Luigi am Stuttgarter Flughafen erschossen wird. Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck) glaubt an einen Maffiamord. Er ermittelt mit gewohnt charmanter Gelassenheit. Zwischen Verhör und Spurensuche besucht er seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die im Allgäu eine Wellness-Kur macht. „Bienzle und der Sizilianer“ (Regie: Hartmut Griesmayr, Buch: Felix Huby und Zoram Solomun) ist ein Feuerwerk deutsch-italienischer Klischees, das kaum berauscht.

21.750 Euro für Schleichwerbung

Doch kommen wir zum wahren Krimi in diesem Krimi: Weitaus weniger harmlos als die Handlung ist die Raffinesse, mit welcher die SWR-Tochter „Maran-Film“ sogenannte „Placements“ in die Dialoge integriert hat. Für 21.750 Euro legte die Produktionsfirma Bienzles Assistenten Gächter Worte in den Mund, mit denen der Ermittler in der Originalfassung dieses „Tatorts“ die gesundheitlichen Vorzüge von Rapsöl anpreist: Frühmorgens, in Giovannis Pizzeria, beim Auslöffeln eines mit Rapsöl vermengten Joghurts, „cholesterinfrei, viel Vitamin E, hält jung und das Hirn frei“, rechtfertigt er den Genuß vor drei feixenden Einheimischen. Einige Szenen zuvor ist Gächter an seinem Schreibtisch zu sehen, vor ihm stehen Joghurt und ein Fläschchen Rapsöl. Auch Hausmeister Rominger (Walter Schultheiß) ist im Auftrag der Werbeindustrie unterwegs. Statt sich wie sonst in das Privatleben der Hausbewohner einzumischen, preist er diesmal die Vorteile einer Ölheizung gegenüber der Gasversorgung und erinnert, ganz nebenbei, an die neue Emissionsschutzverordnung.

Für die Ausstrahlung des „Tatorts“ am Sonntag wurden die entsprechenden Szenen bereinigt. Beide Male waren die Werbedialoge so geschickt in das Geschehen integriert, daß der Zuschauer sie ohne das Wissen des ARD-Skandals nur schwer als Schleichwerbung hätte identifizieren können. Einzig die Tatsache, daß es wohl nicht mal im Allgäu eine Pizzeria mit Frühstücksservice gibt, hätte manch einen vielleicht stutzig gemacht. Aber kaum ist der Gedanke gefaßt, da ist die Szene eben auch schon wieder vorbei - Schleichwerbung kommt schnell und auf leisen Sohlen.

Am Donnerstag wird die Heizung abgelesen

Hausmeister Rominger war schon immer ein Besserwisser. Sein (werbestrategisches) Engagement für die richtige Heizung fügt sich somit in ein bekanntes Bild. Die betroffenen Szenen spielen zudem auf seinem Terrain: dem Treppenhaus. Dort paßt Rominger Bienzle an seiner Wohnungstür ab. Und es kommt zu folgendem Dialog:

Rominger: „Ihre Frau Schmiedinger verreist doch?“

Bienzle: „Ach, des wisset Sie auch schon wieder?“

Rominger: „Und am Donnerstag wird die Heizung abgelesn, und der Installateur kommt für die Modernisierung dere Ölheizung. Isch da jemand bei Ihne?“

Bienzle: „Da gucke mr dann scho danach Herr Romminger.“

Rominger: „Ja, kann ich mich da drauf verlasse? Mir hän nämlich scho wieder neue Emissionsschutzverordnungen.“

In der überarbeiteten Version, die am Sonntag zu sehen ist, wurde „Ölheizung“ durch „Heizung“ ersetzt und „Emissionsschutzverordnungen“ durch „Verordnungen“. Ein wenig aufwendiger gestalteten sich für die SWR-Redaktion die Änderungen in der zweiten Treppenhausszene, die Meran-Film ebenfalls für eine Werbeeinlage ausbauen ließ. Hannelore ist auf dem Weg in die Kur und trifft den Nachbarn auf der Treppe. Rominger: „So, geht's los? Kommet se, isch helf Ihnen.“ Rominger will Hannelores Koffer die Treppe heruntertragen. Doch diese wehrt ab; der Taxifahrer solle sich um das Gepäck kümmern. „Des koschtet doch bloß unnötig Trinkgeld. Des isch wie mit dere Ölheizung, die kommt auch viel billiger als des Gas“, erwidert Rominger in der Originalfassung des „Tatort“. In der für Sonntag abend bereinigten Fassung fehlt der zweite Satz. Die SWR-Redaktion synchronisierte die Stelle um: „Und do beschweret sich d'Leut, daß elles immer teurer und schlechter wird“, sagt Rominger nun statt dessen.

Jedes Produkt unter Verdacht

„Jedes Produkt, das gezeigt wird, wurde unter Verdacht gestellt und geprüft“, sagte der Bavaria-Sprecher Hansgert Eschweiler dieser Zeitung. Daß ein Logo mit der Aufschrift „Allgäu“ in vielen Spielszenen zu sehen ist und sogar die Autos der Käserei ziert (warum steht da kein Käse-Firmenlogo?) und Bienzle seinem Assistenten Gächter aber auch ganz genau beschreibt, wo Hannelores idyllischer Kurort Bad Buchau mit dem schickem Wellness-Hotel liegt (“Am Federsee, im Oberland, Richtung Ravensbrück, bei Wagenbrunn“), erregte jedoch keinen Verdacht. „Wir lieben einfach das Allgäu“, hieß es auf Anfrage in der Redaktion des SWR.

Natürlich - das Mißtrauen mag ein wenig übertrieben erscheinen. Doch ist das dem immensen Vertrauensverlust geschuldet, den die ARD mit dem Schleichwerbeskandal bei ihren Zuschauern verursacht hat. Wir alle zahlen schließlich auch dafür Rundfunkgebühren, daß wir vor Werbeattacken in Spielfilmen - versteckten sowieso - verschont bleiben. Einem Unternehmen, das den türkischen Gemüsehändler Sülo aus dem „Marienhof“ - mutmaßlich - für den Beitritt der Türkei in die EU werben läßt, traut man die Unterstützung des Fremdenverkehrs im Allgäu doch ohne weiteres zu. Zwei ebenfalls von Schleichwerbung betroffene „Bienzle-Tatorte“ wurden übrigens noch unbereinigt gesendet, bevor der Skandal an die Öffentlichkeit geriet. Die Freude am sonntäglichen Fernsehabend kann einem das wirklich verleiden. Neu schneiden und synchronisieren hilft da wenig.

„Bienzle und der Sizilianer“ läuft - ohne Schleichwerbung - am Sonntag, den 24. Juli, um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169 / Seite 45
Bildmaterial: SWR/Schweigert

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