FAZ.NET Spezial: Berlinale 2005

Das Verschwinden der Bilder

Von Peter Körte

21. Februar 2005 Unter dem Pflaster des Potsdamer Platzes liegt zwar nicht der Strand, aber die Wildnis ist nur ein paar Minuten entfernt. Wenn der Platz vor dem Berlinalepalast auf einmal fast menschenleer ist, weil drinnen im Saal die nächste Vorführung begonnen hat, kann man an einem kalten, sonnigen Vormittag diese Stadtkulisse, in der urbanes Leben inszeniert wird, einfach hinter sich lassen. In weniger als fünf Minuten steht man mitten im Tiergarten.

Da ist der Trampelpfad quer über die Wiese, den Julia Hummer in der Schlußszene von Christian Petzolds "Gespenster" nimmt. Sie hat sich vier Schwarzweißfotos auf einem Blatt Papier angeschaut. Sie hat das Blatt wieder in den Papierkorb neben der Parkbank geworfen und uns den Rücken zugekehrt. Wir werden nie erfahren, was sie in ihnen gesehen und übersehen hat.

Fetzen, Farben mit besonderer Kraft

Ein bißchen geht es einem auch so, wenn man die vielen Bilder dieser 55. Berlinale noch einmal in eine Reihenfolge zu bringen versucht. Lauter Fetzen, lauter Farben, unter denen einige eine besondere Kraft entwickeln. Das Grau: Der alte Mitterrand, "Le promeneur du champ de mars", sitzt im Zug und sagt, daß Grau seine Lieblingsfarbe sei, weil sie so unendlich viele Schattierungen habe. Das unwirkliche Rot in "Gespenster", in das Sabine Timoteo und Julia Hummer getaucht sind wie in ein Entwicklerbad, während sie tanzen und die Welt um sich herum vergessen.

Das harte, weißliche Licht von Tanger, das Licht von "Les temps qui changent", in dem ein Mann (Gerard Depardieu) nach dreißig Jahren seine alte Liebe (Catherine Deneuve) wiederzugewinnen sucht. Das Grün der Schale, das Rot des Fleisches, das Schwarz der Kerne: die Melonen, die in "The Wayward Cloud" als Durstlöscher und Sexualobjekt dienen. Das milde, helle Blau der Trainingsanzüge und das Rostrot der Cousteau-Pudelmützen in "Die Tiefseetaucher". Das Blutrot auf dem weißen Hemd des gescheiterten Pianisten in "Der Schlag, der mein Herz verspielte".

Der ärgerlichste Film

Sechs Filme, die bleiben, die verschiedener kaum sein könnten, die nicht alle funktionieren, in denen jedoch die ganze Ökonomie des Kinos steckt: die spielerische Verschwendung und die Askese, die nervöse Unruhe und die Sublimierung, die Anarchie und die Ordnung. Doch leider war da auch noch das penetrante Sepia in Lájos Koltais Verfilmung von Imre Kertész' "Roman eines Schicksallosen". Die Kamera mischt sich mit einer bizarren Mischung aus Pietät und Obszönität in die Reihen der Häftlinge auf dem Appellplatz von Buchenwald, und eine Requiemsoße von Ennio Morricone gibt es noch dazu.

Das war der ärgerlichste Film, und daß er nicht völlig unterging, verdankt er der Höflichkeit eines Imre Kertész, der auf der Pressekonferenz so diskret, wie es seine Art ist, andeutete, daß er das Drehbuch nur geschrieben habe, um ein bereits existierendes, schlimmeres zu verhindern. Die Bilder, die sich Koltai gemacht hat, gehen auf seine Rechnung: Holocaust-Kitsch.

Wovon das Fernsehen nichts wissen will

Doch neben dem Grauen, das kulinarisch wird, gab es die Bilder, die wie ein Schlag in den Magen wirken. Zweimal wurde im Wettbewerb vom Genozid in Ruanda erzählt - die Leichen sind zwar Komparsen, die Schrecken aber real. Es gab Kindersoldaten in Uganda, die Rekonstruktion der Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila, den schmutzigen Krieg in Tschetschenien in den Dokumentationen, die nicht bloß den eher zwiespältigen Ruf der Berlinale als politisches Festival bekräftigten, sondern die vor allem zeigten, wovon das Fernsehen nichts wissen will.

Quer durch die Sektionen fügen sich so Weltausschnitte wie auf einer Collage zusammen - und genau dafür gibt es Festivals: Damit die Bilder hart und unvermittelt aufeinanderprallen und von der Fähigkeit des Kinos erzählen, sich ein Bild der Welt zu machen, das disparat ist, aber nicht beliebig.

Ohne Julia Jentsch nur ein Film unter vielen

Die 55. Berlinale war dennoch kein Jahrgang, an den man lange denken wird. Das konnte sie gar nicht sein, weil der stärkste Film nur jenseits des Festivals zu sehen war: Clint Eastwoods "Million Dollar Baby", den Dieter Kosslick hätte haben können, aber nicht haben wollte, weil Eastwood auf keinen Fall, Hilary Swank vielleicht und allein Morgan Freeman gewiß gekommen wäre. Doch ein Morgan Freeman wäre zweifellos besser gewesen als ein Film wie "In Good Company", den man sich gern mal abends im Multiplex anschaut, aber nicht auf einem Festival. Beim Balanceakt, die Cineasten zufriedenzustellen und zugleich ein Spektakel zu zelebrieren, kann halt auch ein gutgelaunter Festivalchef wie Dieter Kosslick nicht jedes Jahr beste Haltungsnoten bekommen.

Auf den abenteuerlich schlechten Eröffnungsfilm folgten asketische Kunstexerzitien und Musicaleinlagen, Übungen im Fernsehproblemfilmformat, biedere historische Bilderbögen, naiv-freundliche Paneuropa-Episoden wie in Hannes Stöhrs "One Day in Europe" oder handwerklich brave Kammerspiele mit einer herausragenden Darstellerleistung wie in Marc Rothemunds "Sophie Scholl - Die letzten Tage", der sich zwar auf wiederentdeckte Verhörprotokolle der Gestapo stützen kann, sich aber ästhetisch bloß auf die kleinen, abgenutzten Lösungen des Fernsehens verläßt. Ohne das Gesicht, ohne die Körpersprache von Julia Jentsch wäre der Film nur einer der vielen Beiträge, die lieber ein sogenanntes Anliegen, dem kein Gutwilliger sich verschließen kann, in Spielfilmhandlungen verpacken, als eine Kinogeschichte zu erzählen. "Das Verschwinden des Kinos hinter den Themen ist Kennzeichen dieses Wettbewerbs", schrieb "Le Monde" schon bei Halbzeit des Festivals.

Der Glamour, der aus der Kälte kam

Der Glamour, es hilft nichts, strahlte in diesem Jahr nicht von der Leinwand; er kam aus der Kälte vor dem Palast, von Bai Ling, der chinesisch-amerikanischen Schauspielerin und Jurorin, die nie mehr als nur das Allernötigste trug und die alle Paparazzi desto heftiger erwärmte, je weniger sie anhatte. Jurypräsident Roland Emmerich dagegen hat sich vorgenommen, künftig ernsthaftere Filme zu machen, wie er in einer Pressekonferenz erklärte; "The Day After Tomorrow" sei ein erster Schritt gewesen. Den zweiten hat er gleich bei der Bärenverteilung gemacht. Mit dem Goldenen Bären für "U-Carmen eKhayelitsha", einer Adaption von Bizets Oper in den Townships von Südafrika, mit zwei dann doch erstaunlichen Preisen für "Sophie Scholl".

Aber mit Juryentscheidungen sollte man nie ernsthaft hadern, schon gar nicht im Namen einer imaginären Gerechtigkeit, die auch nur der ungedeckte Wechsel auf den individuellen Geschmack des Kritikers ist. Nun hat man halt diese Preisträger - und man hat die Bilder, die sich mühelos gegen sie behaupten - auch wenn sie einem manchmal nur so flüchtig vorkommen wie Gespenster.

Die Preisträger der 55. Berlinale

Goldener Bär: "U-Carmen eKhayelitsha" von Mark Dornford-May (Südafrika)

Silberner Bär (Großer Preis der Jury): "Kong Que" ("Peacock") von Gu Changwei (China)
Silberner Bär für die beste Regie: Marc Rothemund für "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (Deutschland)
Silberner Bär für die beste Darstellerin: Julia Jentsch in "Sophie Scholl"
Silberner Bär für den besten Darsteller: Lou Taylor Pucci in "Thumbsucker" (USA)
Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Tsai Ming Liang für das Drehbuch zu "The Wayward Cloud" (Taiwan, China, Frankreich)
Silberner Bär für die beste Filmmusik: Alexandre Desplat für "Der Schlag, der mein Herz verspielte" (Frankreich)
"Der Blaue-Engel-Preis" für den besten europäischen Film: Hany Abu-Assad für "Paradise Now" (Niederlande, Deutschland, Frankreich)



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.02.2005, Nr. 7 / Seite 26
Bildmaterial: AP

 

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