28. Februar 2005 Der Mann von der Security windet sich. Fragen zu beantworten gehört nicht zu seinem Zuständigkeitsbereich. "Ob ich auch selbst hier einziehen würde? Ein Kick wär's schon. So auf engem Raum; mit Leuten die man nicht kennt. Ich bin das ja aus meiner Zeit in der Kaserne gewohnt."
Auf einmal kommt Bewegung in den Koloß. Ein Kollege von einem Regionalblatt ist über den Zaun aus Heuballen geklettert und streckt die Hand nach einer der schwarzweißen Kühe aus. "Nein, nicht streicheln!" gellt es laut durch den Stall. "Das hat die tierärztliche Aufsicht verboten!" Erschrocken zieht der Ertappte die Hand zurück.
Never ending story
Rührend, wie man sich bei RTL 2 um das Wohl von Tieren sorgt. Aber die Zeit ist sowieso um; die nächste Gruppe von Journalisten wartet bereits, um die Besichtigungstour im neuen Teleknast von RTL 2 und Endemol fortzusetzen: "Big Brother - Das Dorf".
Morgen, am Dienstag, ziehen die sechzehn Kandidaten ein. Damit dann möglichst viele das Spektakel verfolgen, ist die Presse geladen. Sogar aus Brasilien, raunt man sich zu, sei jemand angereist, um sich ein Bild von der neuen Dimension des "Big Brother"-Wahns zu machen. Von einer ganzen "Big Brother"-Stadt war in manchen Artikeln die Rede, nachdem der Endemol-Geschäftsführer Borris Brandt im vergangenen Herbst erstmals über die neue Idee einer never ending story geplaudert hatte.
Überraschend putzig
Kinder könnten in der neuen "Big Brother"-Welt gezeugt und geboren werden, sagte Brandt und träumte von Hochzeiten zwischen den Kandidaten und Todesfällen. Ein Leben wie im Hollywood-Film "Die Truman-Show" befürchteten hingegen die deutschen Medienwächter. Die Gefahr für Moral und Menschenwürde sei enorm, hieß es damals.
Für soviel Bedrohungspotential wirkt die Ansammlung der kleinen Häuschen rund um einen Marktplatz mit Brunnen und unfertiger Kirche im Hintergrund, den RTL 2 und Endemol den Besuchern präsentiert, überraschend putzig.
Hort des Bösen
Der Marktplatz atmet den freundlichen Mief eines westfälischen Freilichtmuseums, im Stall nebenan muhen die Kühe. Den Hort des Bösen hatte man sich anders vorgestellt. Einzig der Lautsprecher an der Straßenlaterne kündigt an, worum es hier eigentlich geht. Hohe Zäune mit Stacheldraht schirmen das Gelände in Köln-Ossendorf ab.
Und wenn man genau hinsieht, kann man hier und da auch ein Mikrofon in der Dorfkulisse entdecken. "Sechzig sind es insgesamt", erklärt die freundliche RTL-2-Mitarbeiterin, die den Journalistentroß unter ihre Fittiche genommen hat. Auf den 4925 Quadratmetern Lebensraum registrieren sie jedes Geräusch der Dorfbewohner; die rund hundert auf dem Gelände versteckten Kameras liefern das passende Bild dazu.
Am Reißbrett entwickelt
Die Überwachung ist total. Von solchen Kontrollmöglichkeiten kann jede Dorfgemeinschaft im wirklichen Leben nur träumen. Vorbei ist's also mit der Gemütlichkeit. Willkommen in der Überwachungswelt von RTL 2 und Endemol.
",Big Brother' wird immer mehr ein Abbild der Gesellschaft und kommt dem wahren Leben immer näher", verkündet Rainer Laux, der Produzent der Reality-Show. Gemeinsam mit Borris Brandt hat er die Idee für das Dorf am Reißbrett entwickelt.
Vierundzwanzig Stunden live
Beiden war klar, daß die Höhe der Einschaltquoten von "Big Brother" nur zu halten sei, wenn man der Fangemeinde mehr böte als bislang. Im vergangenen Jahr lag die Zahl der Zuschauer, die regelmäßig um 19 Uhr die Tageszusammenfassung auf RTL 2 anschalteten, bei 1,53 Millionen.
Seit dem 2. März 2004 ist die Show vierundzwanzig Stunden live auf Premiere zu sehen. Vorausgesetzt, man zahlt fünfzehn Euro monatlich für das entsprechende Abonnement. Trotz des hohen Kostenaufwands liegt die Anzahl der monatlichen Zuschauer konstant bei 50 000.
Big Brother als Ersatzfamilie
Manche der Fans stimmen ihren Tagesrhythmus völlig auf die Fernseh-WG ab: Schlurft der blondgefärbte Sascha morgens zum Kühlschrank, dann steht auch bei vielen Dauerguckern das Müsli auf dem Frühstückstisch. Wird abends das Licht im Container ausgedreht, dann ist es auch im wahren Leben Zeit, ins Bett zu gehen. Für viele sei das Leben der Containerbewohner längst eine Ersatzfamilie.
Der durchschnittliche "Big Brother"- Konsument, weiß Borris Brandt, "geht nicht auf die Katastrophen der Welt ein" und "läßt sich durch nichts irritieren". Ihm gefällt das, was "möglichst nah am wirklichen Leben dran ist".
In getrennten Wohnwelten
Mit anderen Worten: In der Welt der "Big Brother"-Fangemeinde drehen sich die Menschen hauptsächlich um sich selbst. Entsprechend überschaubar gestalten die Fernsehmacher deshalb den Handlungsspielraum der Kandidaten. Weder Laux noch Brandt sind auf dem Dorf aufgewachsen. Dennoch erschien ihnen dessen Struktur als geeignetes Szenario.
Ähnlich wie bei der aktuellen Staffel sind die Kandidaten in "Reiche", "Normale" und "Arme" eingeteilt. Ihren Tag verbringen sie in getrennten Wohnwelten - dem sozialen Status angemessen, versteht sich - oder gehen gemeinsam Aufgaben in der Autowerkstatt, dem Mode-Label oder auf dem Bauernhof nach.
Alles ganz einfach
Wer reich ist, ist "Chef" und gibt Anweisungen. Wer "normal" ist, betätigt sich als "Assistent". Für die "Armen" bleibt der Job als "Hiwi". So weit, so klar, alles ganz einfach. Wie schön wäre es, wenn sich im wirklichen Leben auch alles so leicht auflösen ließe.
Daß "im wahren Leben Fleiß belohnt wird", daran erinnert man sich in Zeiten von Hartz IV auch bei RTL 2 und Endemol. Der Weg in ein besseres Leben bleibt deshalb auch den Kandidaten nicht versperrt. Wer spurt und sich ein bißchen anstrengt, wird mit dem Klassenaufstieg belohnt und darf irgendwann selbst als Chef die Beine hochlegen. Im "Big Brother"- Dorf ist das alles drin!
Deutsche Zustände
Abends trifft man sich in der Kneipe. Das Ambiente erinnert allerdings eher an Berlin-Mitte als an ein Dorf in der Provinz. Borris Brandt sieht das ein wenig anders. "Das Dorf ist eine komprimierte Form, wie es in Deutschland tatsächlich aussieht", erklärt er.
"Die Kandidaten sind ein Durchschnitt der Bevölkerung und ihrer sozialen Schichten. Wir haben Räumlichkeiten, die einen Durchschnitt der deutschen Zustände zeigen." Wer die neuen Kandidaten sind, bleibt bis Dienstag ein Geheimnis.
Nett ist es hier
Das Haus der Reichen ist eine kleine Villa mit Terrasse und Pool. Orangerot leuchtet die Sofalandschaft. Ein dicker Flokati dämpft jeden Schritt. Nett ist es hier. Geschmack ist eine Sache des Geldes, scheint das Gespann von RTL und Endemol sagen zu wollen.
Etwas weniger ausgesucht ist deshalb auch die Einrichtung im klinkerverputzten Haus nebenan. Der "Normale" mag es gediegen. Nippes ziert die Regale. Vor der Haustür liegt eine alberne Fußmatte mit grinsendem Hund.
Ein Besuch im Zoo
Etwas irritierend wirken die jungen Menschen mit Nummern auf dem Rücken, die es sich um das Sofa herum bequem gemacht haben und plaudern. Es handle sich um sogenannte "Testkandidaten", erklärt die Pressebeauftragte. Mehr als 24 Stunden sind sie im Haus und simulieren das "normale" Leben.
Kameras, unsichtbar versteckt hinter Spiegelwänden, filmen sie dabei. Bevor es am Dienstag ernst wird, müssen alle technischen Mängel beseitigt sein. Ob es welche gibt, stellt die Produktion auf diese Weise fest. Die gaffenden Journalisten scheint die Runde nicht zu stören. Keiner nimmt Notiz. Ein bißchen erinnert die Szenerie an einen Besuch im Zoo.
Pädagogische Bedeutung
"Jetzt wird es lustig, jetzt kommen wir zu den ,Armen'", kündigt unsere Dorfführerin an. Der Wohnraum gleicht einer Schwarzwaldstube vor hundert Jahren: Geschlafen und gekocht wird in einem Raum. Der Herd ist aus Eisen und muß mit Holz befeuert werden. Die wenigen Schränke sind schmutzverschmiert.
Wer sich keine Putzfrau leisten kann oder gar selber als solche arbeitet, dem ist in der Welt von "Big Brother" die Hygiene in den eigenen vier Wänden einerlei. Eine Dusche gibt es nicht; waschen kann man sich in einer Wanne aus Zink. "Wir wissen doch gar nicht mehr, was es heißt, im Freien duschen zu müssen. Das, was wir haben, können wir nur schätzen, wenn wir wissen, wie es woanders in der Welt aussieht", erklärt Borris Brandt die pädagogische Bedeutung der unscheinbaren Wanne.
Begrenzte Realität
Verbinden die Macher von "Big Brother" mit der neuen Staffel einen gesellschaftspolitischen Auftrag? Rainer Laux schüttelt den Kopf. "Nein, das nicht. Aber wenn man eine Botschaft hat, die man erzählen will, dann kann man das bei ,Big Brother' besser als anderswo."
Genau da sehen viele Medienkritiker allerdings das Problem der Reality-Show. Als sich letztes Jahr ein Kandidat mit antisemitischen Witzen vor seinen Mitbewohnern brüstete, versäumten es die verantwortlichen Redakteure, die Sendung zu unterbrechen. Nicht nur der Kandidat, sondern auch die Redakteure wurden gefeuert. Die Realität bei "Big Brother" hat ihre Grenzen, und das ist auch richtig so. Sie zu finden, ist eine Gratwanderung. Und genauso riskant wie der Versuch, die Komplexität des wirklichen Lebens durch klischeehafte Vereinfachung zu reduzieren.
Das ist nicht für die Öffentlichkeit
Wie lange die Kandidaten im "Big Brother"-Dorf bleiben werden, ist ungewiß. Die Zuschauer entscheiden. Die Zukunft der Show sieht Borris Brandt hingegen als gesichert an und verweist dabei vor allem auf die goße Resonanz der Sendung im Ausland.
In Deutschland fehle noch das Verständnis. ",Big Brother' ist definitiv die modernste Daily-Soap der Welt und definitiv das modernste Reality-Fernsehen der Welt. Dieses Genremix gibt es bisher so nicht. Ich glaube, daß sich in der Zukunft das Reality-Fernsehen immer weiter mit anderen Genres vermischen wird."
Draußen am Tor zum Dorf hat der Mann von der Security zwei englische Journalisten am Schlafittchen. Die beiden sind um das Dorf herumgeschlichen und haben gefilmt. Doch was sich hinter der Kulisse des Dorfes verbirgt - das ist nicht für die Öffentlichkeit geeignet.
Text: F.A.Z., 28.02.2005, Nr. 49 / Seite 40
Bildmaterial: dpa