16. Juli 2003 Medien sind eine gute Sache - wenn nur die Journalisten nicht wären. Sie erst sind es, die die reine, unberührte Information entweihen, indem sie sie zur Nachricht formen. Was dann zum gemeinen Bürger durchdringt, ist ein Informationsgemisch, das sich den Wertungen, den Vorlieben und den strategischen Interessen der Journalisten verdankt. Es nennt sich Zeitung, Fernsehsendung oder Nachrichten-Website.
Wer ein solch getrübtes Bild von journalistischer Arbeit hat, für den dürfte sich nun ein Traum erfüllt haben. Seit einer guten Woche findet er im Internet ein umfangreiches Nachrichtenangebot in deutscher Sprache, das ohne das Zutun von Journalisten erstellt wird: Google News Deutschland. Sicher, die dort präsentierten Artikel müssen zunächst geschrieben werden, und zwar zumeist von Journalisten, doch die Auswahl und Plazierung bei Google News erfolgt nicht von Menschenhand - sondern durch Computeralgorithmen. Neuartig und einzigartig nennt Google, das als Suchmaschine längst erschreckend konkurrenzlos ist, sein neues Nachrichtenangebot, welches in Amerika bereits erprobt und auch mit Preisen bedacht worden ist.
Ohne Ideologien
700 Nachrichtenquellen nutzt Google News Deutschland, aus denen sich der Computer - anders als, so darf man das wohl verstehen, seine menschlichen Kollegen - ohne Bezug auf politische Standpunkte oder Ideologien bedient. Die relevantesten Nachrichten stehen ganz oben; die Auswahl basiere auf vielen Faktoren, teilt Google mit, etwa die Häufigkeit und die Websites, auf denen die Beiträge an anderen Stellen im Web angezeigt werden. Was ohnehin schon überall zu finden ist, taucht also auch noch bei Google auf. Als Mittler zwischen den Informationssuchenden und dem Informationsanbieter versteht sich Google News, dessen technischer Leiter - auch einen Chefredakteur braucht es nicht - betont, den klassischen Medien keine Konkurrenz machen zu wollen.
Als Journalist aus Fleisch und Blut betrachtet man Google News dennoch mit dem natürlichen Mißtrauen gegenüber einem technischen Fortschritt, der unsereins einmal überflüssig machen könnte. Derzeit aber besteht zu Befürchtungen noch kein Anlaß. Was uns Google News Deutschland in seiner ersten Woche vorführt, ist nämlich nicht nur neu- und einzig-, sondern auch ziemlich eigenartig. Wobei sich am wenigsten einwenden läßt gegen die Quellenvielfalt, die neben den meistbeachteten Websites der großen Zeitungen oder Fernsehsender ganz demokratisch auch die Redaktion des Süderländer Volksfreunds zu Wort kommen läßt.
Vor 23 Stunden gefunden
Fragwürdig aber ist der Nutzen einer Auflistung von hundert Artikeln zu einem Thema, von denen achtzig auf ein- und demselben Agenturtext basieren. Die Rangliste wiederum, die sich doch nach der Relevanz richten möchte, scheint mitunter dem Prinzip zu folgen: Die letzten werden die ersten sein. So landet die Berliner Morgenpost ganz oben mit ihrem Bericht über die Mißtöne in der CSU, über die andere einen Tag früher viel ausführlicher berichtet haben. Irritierend ist auch die Google-Angabe, wann der jeweilige Text gefunden wurde: Da kommt es vor, daß Google News einen Artikel vor 55 Minuten gefunden hat, der schon einen knappen Tag im Netz steht. Da ist man von Google anderes gewohnt. Die wichtigste Nachricht aus dem Ressort Unterhaltung hingegen hat Google News vor 23 Stunden gefunden: Hier ist der Computer wohl etwas aus dem Algorithmus gekommen.
Dann wäre da noch die Rubrik In den Nachrichten. Hier listet Google News jeweils zehn Stichwörter auf, die in der aktuellen Berichterstattung eine Rolle spielen: Joschka Fischer, Kfz-Steuer oder VfB Stuttgart, aber auch Kryptisches wie Italien-Urlaubs (sic) oder Co-Moderatorin: Klickt man letzteres Stichwort an, so erfährt man, daß Katarina Witt bei der DDR-Show von RTL mitmacht. Überraschend auch, daß sich hinter dem Stichwort Frankfurt Main die Artikel über die IG-Metall-Krise verbergen. Ein weiteres Stichwort lautet Ende 2004. Hier finden wir eine kunterbunt gemischte Auflistung dessen, was alles bis Ende 2004 passieren soll: die Bundeswehr in Afghanistan verbleiben, die Green Card gültig sein, der Irak seine Schulden zahlen, die zweigeschossige Service-Wohnanlage gleich hinter dem Rathaus in Rommerskirchen fertiggestellt sein.
Eine wertvolle Quelle
Unter Umständen, verteidigt sich Google News, könne das Prozedere zu ungewöhnlichen und sich widersprechenden Gruppierungen führen, gerade deshalb aber stelle man eine wertvolle Quelle da. Der eigentliche Wert von Google News aber liegt weniger in der Qualität seiner Informationen, sondern vielmehr darin, daß der Leser die gelieferten Nachrichten hinterfragt. Wenn Google News 110 Artikel zu der These eines Kritikers aufspürt, daß Harry Potter homosexuell sei, aber ganze sieben zum Tod des bedeutenden Musikers Compay Segundo, so sagt dies einiges aus über das Selbstverständnis, mit dem viele Berichterstatter heute ihrer Arbeit nachgehen.
Wer aber wirklich wissen will, was wichtig ist, der sollte woandershin schauen. Wer sich unter dem Stichwort Roland Koch neue Erkenntnisse über den großen Gegensteuerer der Union erhofft, dem bietet Google News eine Liste mit 3.730 Ergebnissen. An erster Stelle und damit für Google News von größter Relevanz ist ein Bericht von Yahoo! Nachrichten mit dem Titel: Roland Koch und Brigitte Bardot haben ein Herz für Zirkustiere.
Text: @jöt