Von Alexander Jürgs
22. Dezember 2005 Es gibt eine Opposition in Iran, die die antisemitischen Ausfälle von Präsident Ahmadineschad scharf kritisiert. Genauso gibt es dort engagierte Kämpfer gegen die Diskriminierung der Frauen, gegen Polizeigewalt oder das Nuklearprogramm der Regierung. Doch wer diese Stimmen hören will, findet sie nur noch im Internet, auf den Plattformen von kritischen Online-Journalisten oder in den Weblogs, den Internettagebüchern, die von zahlreichen jungen Iranern geschrieben werden. Dabei ist Zensur auch hier keine Seltenheit. Immer häufiger läßt das iranische Informationsministerium unbequeme Websites sperren.
Seit dem Oktober 2004 kämpft der Staat mit neuen Gesetzen und Haftstrafen gegen Cyber-Verbrechen. Wenig später protestierte Amnesty International gegen die willkürliche Inhaftierung von fünfundzwanzig Online-Journalisten. Den Internetboom kann die Zensur trotzdem nicht stoppen. Mehr als 700.000 registrierte Weblogs, von denen rund zehn Prozent regelmäßig geführt werden, wurden gerade gezählt. Zum Vergleich: Im Nachbarland Irak gibt es weniger als fünfzig Online-Tagebuchschreiber. Das Internet ist seit 2000 in keinem anderen Land des Nahen Ostens schneller gewachsen als in Iran, stellt ein Bericht von Reporter ohne Grenzen fest.
Stimme eines liberalen Iran
Diese Lawine losgetreten hat Hossein Derakhshan. Die Weblogs in Iran sind ein dezentrales Netzwerk der freien Information - das ist der Grund, warum die Politiker sie nicht besonders mögen, sagt er. Der 1975 in Teheran geborene Derakhshan war Kolumnist der liberalen Zeitung Asr-e Azadegan, bis diese von den Mullahs verboten wurde. Danach schrieb er für die Zeitung Hayat-e No, emigrierte im Dezember 2000 aber nach Kanada. In Toronto begann er, ein Internettagebuch zu führen, das sich mit iranischer Politik, Popmusik und Netzkultur beschäftigt. Im November 2001 stellte er eine persischsprachige Anleitung, wie man ein Weblog unterhält, ins Netz. Innerhalb von einem Monat entstanden mehr als hundert Internettagebücher in Iran. Das Netz wurde zum neuen Medium der von den Studenten getragenen Opposition, Derakhshan, der sich auf seiner Website Hoder nennt, zur Vaterfigur der jungen Blogger.
Der Journalist, der auch für den BBC World Service arbeitet, darf heute nicht mehr in sein Heimatland reisen. Im letzten Frühjahr hat er Iran besucht, um vom Präsidentenwahlkampf zu berichten. Bei seiner Ausreise wurde er von Beamten des Informationsministeriums verhört. Erst nachdem er eine Entschuldigung für einige seiner Texte unterschrieben hatte, durfte er das Land wieder verlassen. Als er die Entschuldigung später widerrief, teilte ihm das Ministerium mit, er sei fortan in Iran nicht mehr erwünscht.
Diesen fundamentalistischen Schwachsinnigen nennt Derakhshan Präsident Ahmadineschad auf seiner englischsprachigen Website (hoder.com/weblog). Seine Offenheit wird nicht dazu beitragen, ihm sein Heimatland wieder zu öffnen. Aber sein Tagebuch ist wichtig als Stimme eines liberalen Iran.
Text: F.A.Z., 22.12.2005, Nr. 298 / Seite 40
Bildmaterial: AP
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