24. November 2006 Als das Auto nachts auf der Landstraße anhält, keine zwanzig Meter von dem kahlen Baum entfernt, der seine Äste über die verschneite Böschung hängen läßt, denkt man, jetzt weiß man, was geschieht. Es ist ja auch wirklich aus mit diesem Franz Brenninger, der seinen Metallbetrieb in einer bayerischen Kleinstadt an die Wand gefahren, das Geld seiner Frau ins Bordell getragen und sein Leben in eine abschüssige Geisterbahn verwandelt hat - keine Hoffnung mehr, jetzt noch ein Tritt aufs Gas, dann Ende und Amen. Andere Filme hätten hier Schluß gemacht.
Aber es kommt anders in Hans Steinbichlers Winterreise, und das ist deshalb so großartig, weil der Tod, um den es geht, zwar nicht stattfindet, aber dennoch allgegenwärtig ist, durch die Dunkelheit, den Schnee, die Leere und vor allem durch das Lied, das Brenninger singt. Es ist ein Stück aus Franz Schuberts Zyklus Winterreise: Eine Straße muß ich gehen, / Die noch keiner ging zurück. Schuberts Lieder sind die Wegmarken dieses Films, sein Leitmotiv, und wenn man sich vorstellt, daß der Untergeher Brenninger von dem Gefühlsberserker Josef Bierbichler gespielt wird, bekommt man eine Ahnung von den Kräften, die Winterreise entfesselt.
Die Kinder sind scheiße
Es ist Bierbichlers Film, von Anfang an. Aber es ist auch Steinbichlers Film, gleich im ersten Bild, das Brenninger beim Hantieren in seiner Werkstatt zeigt - er probiert, ob der Strick, den er sich drehen will, sein Gewicht aushält. Genauso macht es auch der Film, mit Einstellungen, die wie verstolpert wirken, bis man begreift, daß sie genau den Rhythmus Brenningers abbilden, den Takt seines Stolperns und Sichverlierens, den Herzschlag, der ihn aus der Bahn wirft. Wenn es ruhig wird in Winterreise, hält man automatisch den Atem an, denn es dauert nur Augenblicke, bis der nächste Ausbruch kommt, mit dem Brenninger seine Qual herausschreit. Einmal liegt er frühmorgens auf dem Sofa in seinem großen, hohlen Haus, und als seine Frau (Hanna Schygulla) kommt und fragt: Franz, was ist denn in dir drin?, da antwortet er: Alles ist dunkel. Und als wollte er sich auch den letzten Ausweg in sein früheres Leben verbauen, legt er noch nach: Die Kinder sind scheiße.
Am Anfang von Winterreise sieht man Afrika, die Berge Kenias. Dort muß der Film hin, und auf dem Weg dorthin erzählt er die Geschichte. Franz Brenninger ist einer Betrügerbande auf den Leim gegangen, die ihm weisgemacht hat, sie wolle auf seinem Konto ihre Dollarmillionen waschen - die fünfzigtausend Euro, die er für das Geschäft anzahlen mußte, sind weg. Brenninger fliegt nach Kinshasa, mit Leyla (Sibel Kekilli), die er als Übersetzerin angeheuert hat und die ihm als Trösterin und Zuschauerin für seine Eskapaden dient. Nach den Schnee- und Nebelbildern aus Deutschland ist das afrikanische Licht ein Schock, aber mit derselben kalten Raserei, mit der Bierbichler seine Figur durch das oberbayerische Arkadien gesteuert hat, spielt er auch hier sein Spiel zu Ende. Er verirrt sich in den Slums, kniet zwischen Mülltüten, folgt einer Spur in die Berge und bekommt schließlich sein Geld zurück. Und dann, mit dem Koffer voller Dollars in der Hand, gibt er den Kampf auf. Man sieht ihn einen Hügel hinaufgehen, irgendwo in Afrika, dann ist er fort. Wer drei Sonnen am Himmel stehen sehe, heißt es in der Winterreise, der sei nicht mehr von dieser Welt. Franz Brenninger hat die drei Sonnen gesehen.
Bierbichlers Zyklopentanz
Man muß weit zurückgehen im deutschen Film, um eine vergleichbare Symbiose zwischen Regisseur und Hauptdarsteller zu finden, wie sie Sepp Bierbichler und Hans Steinbichler seit Hierankl gefunden haben. Vielleicht hat es dergleichen bei uns überhaupt nur ein einziges Mal gegeben, in dem Duo infernale von Klaus Kinski und Werner Herzog. Wo aber Kinski und Herzog so verbissen miteinander rangen, daß das Ergebnis auf der Leinwand immer nur einen Zwischenstand ihres Duells markierte, da ziehen Steinbichler und Bierbichler am selben Strang. Bierbichler bestimmt die Bewegung, die Lautstärke, Steinbichler das Bild. Das Panoramafenster mit den riesigen Schiebeflügeln in Brenningers Arbeitszimmer etwa ist eine ideale Bühne für Bierbichlers Ausdrucksorgien, aber die Art, wie Steinbichler es zeigt, setzt jedesmal einen anderen Akzent. Einmal steht der Metallfabrikant nackt hoch oben im Fensterrahmen, während im Vordergrund sein Sohn und seine Frau über ihn reden. Der Wahnsinn Brenningers, sein Absturz und sein Tod sind hier vorweggenommen, es fehlt nur der Handlungsrahmen, der das Bild wahr macht, so wie ein musikalisches Thema eine Durchführung braucht.
Neben Bierbichlers Zyklopentanz wirken die Frauen an seiner Seite notwendig blaß. Sibel Kekilli hat nicht viel mehr zu tun, als Stich- und Widerworte zu geben, und Hanna Schygulla kommt mit ihrer leiseren Gestik gegen das Kraftwerk Josef B. nicht an. Winterreise ist ein Einmannfilm, aber man merkt es nicht, weil Steinbichlers Kamera die Welt um ihren Helden herum stets in Unruhe hält, weil sie keinen Moment der Langeweile, der Fernsehrhetorik zuläßt. Eine Energie ist da zu spüren, eine Wildheit, die man aus sagenhaften Zeiten kennt, aus Filmen Fassbinders, Herzogs und des frühen Wenders, und die man zwischen Lola und Lola rennt verloren glaubte. Hans Steinbichler hat sie wiederentdeckt.
Stolz auf die eigenen Beschränktheiten
Daß Michael Hofmanns Eden in der gleichen Woche anläuft wie Winterreise, ist ein wenig ungerecht, denn dieser schöne kleine Film kommt gegen die Wucht von Steinbichlers Bildern nicht an. Eden spielt in dem Schwarzwaldstädtchen Bad Herrenalb und erzählt von der zarten Verstrickung der Kellnerin Eden (Charlotte Roche) mit dem Meisterkoch Gregor (Josef Ostendorf), der im Leben noch keine Frau berührt hat. Weil Eden verheiratet ist, entwickelt sich ein Eifersuchtsdrama, bei dem der Koch seinen enormen Leibesumfang ebenso widerwillig wie erfolgreich gegen den Nebenbuhler einsetzt. Auch in Eden geht es mehr um Stimmungen als um Action, nur daß Hoffmanns Film viel weicher und verspielter als Winterreise ist, ein träumerisches schwäbisches Gegenstück zu Steinbichlers bayerischer Höllenfahrt.
Daß Charlotte Roche Viva-Moderatorin war und Josef Ostendorf für Rinke und Marthaler Theater gespielt hat, merkt man den beiden nicht an, so selbstverständlich tupfen sie ihre seltsame Romanze auf die Leinwand. Manchmal kommt Eden allzu augenzwinkernd daher, allzu stolz auf die eigenen Beschränktheiten, aber das gehört zu den Berufskrankheiten des deutschen Films. Schließlich schöpft er, am Tropf der Förderungen hängend, seine Kraft nicht aus sich selbst. Dazu braucht er Leute wie Bierbichler: Die Ungeheuer, die uns daran erinnern, wie monströs wir selber sind.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 30
Bildmaterial: Pandora Film, X Verleih