30. August 2007 Der deutsche Film ist zwar im Wettbewerb nicht vertreten, aber der erste Blickwechsel am Vorabend der Eröffnung findet dann doch mit deutscher Beteiligung statt. Ein einsamer Reiter kommt da in die Stadt, die Augen unterm in die Stirn gezogenen Hut kaum auszumachen. Aber wenn dann der Namenlose seinen stählernen Blick zum ersten Mal hebt, trifft er auf Marianne Koch, die 1964 als Mexikanerin Marisol mit Clint Eastwood in Sergio Leones Eine Handvoll Dollars spielte.
Mit diesem sogenannten Spaghetti-Western konnte man sich in Technicolor und Techniscope auf die diesjährige Retrospektive einstimmen, mit der Venedig beharrlich Jahr für Jahr die geheime Geschichte des italienischen Kinos ausgräbt. Das ist schon deswegen verdienstvoll, weil die ganz den vermeintlich billigen Effekten geweihten Filme in der Regel ein wirksames Gegengift zu den hehreren Ambitionen des Wettbewerbs darstellen. Wenn sonst nichts mehr hilft, funktionieren die Genres noch immer am zuverlässigsten.
Musik als Motor
Schirmherr der Italo-Western ist wieder mal Quentin Tarantino, der sich ja für allerlei Abseitiges begeistern kann, aber wahrscheinlich keinem Genre so verpflichtet ist wie diesem. Denn die Art und Weise, wie Leone den Western in seine Bestandteile zersägt und zerdehnt, zelebriert Tarantino in jedem seiner Filme ähnlich genüsslich. Und dabei ist er genauso auf die Musik angewiesen wie einst Leone, für den Morricone eine Musik schrieb, die weniger Begleitung als Motor ist. Sie hält zusammen, was sonst in alle Richtungen auseinanderdriften würde, und ihre Präsenz besitzt kaum weniger Körperlichkeit als die Darsteller.
Darin trifft sich Eine Handvoll Dollar kurioserweise mit dem Eröffnungsfilm Atonement, der Verfilmung von Ian McEwans Roman Abbitte. Für Joe Wrights etwas überambitionierten Film hat Dario Marianelli einen interessanten Score geschrieben, in dem das mechanische Hämmern der Schreibmaschine immer wieder den Takt vorgibt. Das ist weniger manieriert, als es scheint, weil es nicht nur ungewöhnlich klingt, sondern durchaus dem Geist des Stoffes gerecht wird, in dem die überspannte Imagination einer minderjährigen Möchtegern-Schriftstellerin Schicksal spielt.
Extravagante Schönheit
Das Klappern der Schreibmaschine ist es auch, was Regisseur Joe Wright die Sprünge zwischen den Zeit- und Realitätsebenen erleichtert und ihm erlaubt, die brave Bebilderung der Vorlage hinter sich zu lassen. Wie schon in Wrights letztem Film Stolz und Vorurteil spielt Keira Knightley eine Hauptrolle, und im smaragdgrünen Kleid besitzt sie hier eine extravagante Schönheit, als sei sie einem der Bilder von Tamara de Lempicka entstiegen. Geschickt verquickt der Film in der sommerlichen Abgeschiedenheit eines englischen Landsitzes am Vorabend des Krieges die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Handelnden, die McEwans Buch auszeichnen. Was das überspannte Mädchen gesehen oder nicht gesehen hat, wird in verschiedenen Anläufen von mehreren Seiten beleuchtet, und manchmal muss man dabei fast an Antonionis Blow-up denken.
Wo aber schon der Roman in zwei Teile zerfiel, da geht auch Wright der Zusammenhalt verloren. Den zweiten Teil, der zwischen Front und Lazarett spielt, inszeniert Wright als großes melodramatisches Schlachtengemälde. Es gibt da etwa eine minutenlange Kamerafahrt durch die Evakuierung von Dünkirchen, in die alles hineingepackt wird, was die Phantasie an ruinösem Metaphern ersinnen kann: Reihenerschießungen von Pferden, taumelnde Verwundete, ein leerlaufendes Jahrmarktskarussell, ein schmetternder Männerchor, ein zerfallendes Seebad. Das ist alles von einer kuriosen Gestaltungswut, die ans Spieluhrenkino von Jean-Pierre Jeunet erinnert, und man muss den Mut bewundern, mit dem Wright hier gegen die Zwänge und Auflagen der Romanverfilmung wütet.
Natürlich werden dem Film seine Ambitionen immer wieder zum Verhängnis, weil man dadurch nur umso deutlicher das Räderwerk der Gefühle malmen hört, aber am Ende gibt es einen großen Auftritt von Vanessa Redgrave, die in ihrem Blick all das zu legen vermag, was der Stoff uns oft vergeblich glauben machen will: ein unendliches Bedauern, dass Realität und Fiktion nicht dauerhaft zu versöhnen sind, und dass die Erfindung nicht ungeschehen machen kann, was in Wirklichkeit passiert ist. Für die Dauer eines Festivals ist man allerdings bereit, das Gegenteil zu glauben.
Text: F.A.Z., 30.08.2007, Nr. 201 / Seite 37
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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