Zum Tod von Paul Newman

Der überlebensgroße gute Mensch

Von Claudius Seidl

Paul Newman, 1925 - 2008

Paul Newman, 1925 - 2008

28. September 2008 Es mag sich ein bisschen seltsam anhören, verschroben, unrealistisch, es ist aber die reine Wahrheit. Für einen, der das Kino liebt, für einen, dem Filme nicht nur Werke der Kunst, sondern, im Glücksfall, auch Anleitungen fürs Leben waren oder sind, für so einen ist die Nachricht vom Tod Paul Newmans ein Schock - auch wenn seine schwere Krankheit seit langem kein Geheimnis war. Ohne Paul Newman fühlt sich der Kinogänger einsamer, und von der Hoffnung, dass es zehn Gerechte geben könnte auf der Welt und einen davon in der durch und durch ungerechten Welt der Filme und Fiktionen, von dieser Hoffnung bleibt auch nicht viel übrig.

Na klar, man kann die Todesnachricht auch ganz nüchtern zur Kenntnis nehmen, kann sagen, dass da ein Mann, der im entsprechenden Alter war, von uns gegangen ist - während die Filme ja bleiben; und wer will, kann sich „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ oder „The Hustler“ so lange ansehen, bis er jede Dialogzeile auswendig weiß. Aber wer so denkt, hat die Kraft des Kinos nie gespürt und sich von dessen Magie niemals wirklich verzaubern lassen.

Ein integrer Mann

Dass Paul Newman ein integrer Mann, ein guter Mensch und ein Wohltäter war, konnte man in den Zeitungen lesen. Dass er als Schauspieler ein Könner war, offenbarte jeder Film. Und mancher hat sogar gehört, dass Newman ein begnadeter Auofahrer war, der zusammen mit Rolf Stommelen einmal den zweiten Platz schaffte bei den 24 Stunden von Le Mans, dass er eine gute Tomatensoße kochen konnte und daraus, auf seine alten Tage, ein Geschäft machte, das ihm sehr viel einbrachte, wovon er wiederum das meiste spendete. Aber wie das alles zusammenhing, das teilte sich auf der großen Leinwand mit, in Newmans Filmen, in denen es nie bloß ums Können ging, sondern um Präsenz, Verkörperung, ja um moralische Integrität.

Paul Newman hatte sein Handwerk am berühmten Actor's Studio gelernt und seine Karriere am Theater begonnen, und dass aus ihm trotzdem Paul Newman wurde, der überlebensgroße und zugleich so vertraute Filmstar, das lag vermutlich daran, dass er, mit seinen blauen Augen, dem schmalen Gesicht, den dunklen Haaren, viel zu gut aussah, als dass Mimikry für ihn ein Ausweg und eine Möglichkeit gewesen wären. Er war, gewissermaßen, zum Paul-Newman-Sein verdammt, und in seinen frühen Rollen, als Boxer Rocky Graziano in Robert Wise' „Somebody Up There Likes Me“ zum Beispiel oder als professioneller Billardspieler in Robert Rossens „The Hustler“ ging es genau darum: Wie leicht und verführerisch es ist, sich auf diese Jugend, dieses Aussehen zu verlassen. Und wie schnell einer davon zum Blender, zum Bluffer, zum Vollidioten wird.

Gereift an Krisen und Konflikten

Kaum einem Schauspieler seiner Generation konnte man so gut beim Erwachsenwerden zusehen, kaum einer verstand es so gut, gelebtes Leben und durchlittene Rollen in das Kapital umzuwandeln, von dem der Mensch und der Schauspieler Newman fortan profitieren konnte. Und vielleicht bestand ja darin das Geheimnis seines „Method Acting“: nicht dass er auf der Leinwand sich als Weltmeister des Schauspielkunsthandwerks gerierte; sondern darin, dass er, weil er so intensiv an seinen Rollen arbeitete, selbst an jenen Krisen und Konflikten reifte, wuchs und klüger wurde, die nur in seinen Drehbüchern gestanden hatten.

Er musste wohl durch Tennessee Williams' Psychodramen, durch „Cat on a Hot Tin Roof“ und „Sweet Bird of Youth“, gegangen sein, um in den späten Sechzigern, als Mann von Mitte vierzig, so souverän zu werden, dass er praktisch gar nicht mehr zu spielen brauchte. Er war Butch Cassidy, der Rebell, er war Paul Newman, die Nummer neunzehn auf der Liste von Richard Nixons Feinden; der Unterschied war, von einem Kinosessel aus jedenfalls, kaum mehr zu erkennen.

Mit Würde gealtert

Und insofern war es nicht bloß ein Gag und wesentlich mehr als ein Regieeinfall, sondern eher der ungeheuer kühne Versuch, Paul Newman absolut ernst zu nehmen, als Martin Scorsese 1986, also 25 Jahre nach dem „Hustler“, Paul Newman dieselbe Rolle noch einmal spielen ließ, den älter gewordenen Billardspieler, der vom jungen Tom Cruise herausgefordert wird. Es spricht nicht nur für Newman, dass er die Herausforderung annahm, es spricht erst recht für ihn, dass er das Talent dieses Herausforderers erkannte und den jungen Mann förderte, und das waren so die Geschichten, die zeigten, mit welcher Würde dieser Paul Newman zu altern verstand.

Als sich die Nachricht von Newmans schwerer Krankheit herumzusprechen begann, hat manches amerikanische Magazin auf Newmans Tod spekuliert, und weil Newman aber zäh war, konnte er seine eigenen Nachrufe lesen. Es stand nur Gutes darin. Er wurde 83 Jahre alt; am Freitag ist er gestorben. Er fehlt jetzt schon.

Die wichtigsten Filme Paul Newmans

„Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1958)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Haie der Großstadt“ (1961)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Der Wildeste unter Tausend“ (1963),
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Der Unbeugsame“ (1967)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Zwei Banditen - Butch Cassidy und Sundance Kid“ (1969)

„Der Clou“ (1973)

„Die Sensationsreporterin“ (1981)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (1982)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Die Farbe des Geldes“ (1986)
(Oscar als bester Hauptdarsteller)

„Nobody's Fool ­ Auf Dauer unwiderstehlich“ (1994)
(Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller)

„Road to Perdition“ (2002)
(Oscarnominierung als bester Nebendarsteller)

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, Buena Vista/Cinetext, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Sammlung Richter, Cinetext/van Eick, dpa

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