28. November 2003 Wo gibt es denn so etwas? Daß sich Journalisten von "Politikern" - im weitesten Sinne verstanden - und anderen sagen lassen, was sie zu schreiben haben und was nicht? In Bagdad, selbstverständlich, da erwarten wir gar nichts anderes als das, was unsere Korrespondentin dort bei ihrer letzten Reportagereise erlebt hat (und nebenan nachzulesen ist).
Und in Berlin. In Berlin? Genau, in Berlin. Und an vielen anderen Orten dieses Landes, wo Leute sitzen, die daran gewöhnt sind, Journalisten, die ewig auf der Jagd nach noch so kleinen Nachrichten und "O-Tönen" sind, gegeneinander zu ihrem Vorteil auszuspielen. Das führt dazu, daß, wer um ein Interview bittet, keines bekommt, und wer ein Interview bekommt, darum gar nicht erst fragen muß, dann aber auch nicht fragen darf, was er oder sie will. Die Berliner "tageszeitung" hat im Rahmen ihrer Berichterstattung über den Parteitag der SPD zuletzt die Erfahrung gemacht, daß bestimmte Fragen unerwünscht sind und die Möglichkeit, daß sie gestellt werden, sanktioniert wird. Beim nächsten Mal wird man dann eben nicht in den erlauchten Kreise derer aufgenommen, die Informationen "unter drei" bekommen, die also nur für den Hintergrund oder für die Meinungsbildung der Journalisten bestimmt sind und solange auch nicht als Nachrichtenunterdrückung zu bewerten sind, als Dinge von öffentlichem Interesse dabei nicht unter den Tisch fallen.
Eine Epidemie
Doch es ist dies nicht nur die Erfahrung einer Zeitung - weshalb an diesem Freitag auch gleich in mehreren überregionalen und regionalen Tageszeitungen Artikel zu diesem Thema erscheinen. Es ist vielmehr ein Trend, eine Gewohnheit, eine Epidemie, die in der Unterhaltungsindustrie vielleicht noch weiter fortgeschritten ist als in der Politik. Dort wird über Interviews und Porträts eine Fiktion vor allem vom Leben prominenter Figuren entworfen, die mit der Realität nur noch insofern zu tun hat, als es Leute gibt, die sich jeden Tag neue Geschichten einfallen lassen, die sie bestimmten Protagonisten in den Mund und ans Herz legen.
Derweil wird man vom Pressesprecher der Bundesregierung mitunter auf eine Frage wie jene, ob es bei einem Hintergrundgespräch des Kanzlers nicht vielleicht um ein bestimmtes Thema gegangen sein könnte, mit der Bemerkung beschieden, dies sei bereits eine böswillige Unterstellung. Bloß nicht danach fragen und warten, bis man drankommt - das ist die Devise. Wer nicht mitmacht, fliegt raus aus dem Treib- oder Glashaus, in dem die Journalisten selbstverständlich auch durch ihr eigenes Zutun sitzen.
Denn zu einer Verabredung, wie sie manche Politiker, gerade wenn ihre Partei an der Regierung ist, für opportun halten, gehören immer zwei. Und zu der höfischen Öffentlichkeit, wie sie ein Bundeskanzler gerne hätte, gehören Lakaien und Diener, die sich in eine Livree zwängen lassen. Zum Schaden der Öffentlichkeit.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003, Nr. 277 / Seite 38
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