Wenn Berühmtheiten aus den Druckmedien sterben, werden sie mitunter mit einem Gedenkgottesdienst in St. Bride's gewürdigt. Seit dem sechzehnten Jahrhundert, als William Caxtons Lehrling das Druckverfahren in Fleet Street einführte, hat diese nach dem Großen Brand von 1666 von Christopher Wren wiedererrichtete Kirche Verbindungen zur Presse.
Als sich jetzt Verleger, Chefredakteure und Journalisten dort versammelten, wurde nicht eines Toten gedacht, sondern einer Adresse: 85 Fleet Street. Und derjenige, der in eine bessere Welt befördert wurde, war ein Unternehmen: Die Nachrichtenagentur Reuters, um deren Auszug aus ihrem stattlichen Lutyens-Bau es hier ging. Reuters & Fleet Street 1939-2005 stand auf dem Bogen, genauso wie der Name und die Lebensdaten des Verstorbenen bei einer Gedenkveranstaltung.
Was aber hier besiegelt wurde, war das Ende einer Ära, die in zahlreichen Erinnerungsbüchern besungen und an Stammtischen verklärt worden ist. Denn mit dem Umzug von Reuters nach Canary Wharf, in das ehemalige Dockgelände, ist die letzte Bastion des jahrhundertealten Zentrums der britischen Presselandschaft gefallen. In Fleet Street bleiben nur noch ein Dutzend Redakteure der DC Thomson Verlagsgruppe, die unter anderem das Komikheft The Beano herausgibt.
Dort wo einst die Druckmaschinen liefen, wo trunkene Journalisten in den Kneipen diskutierten und die Verleger Hof hielten, herrscht nun das Finanzwesen. In den alten Redaktionsräzumen des in den neunziger Jahren nach Canary Wharf übergesiedleten Telegraph hat Goldman Sachs sein britsches Hauptquartier, und bei Reuters wird demnächst UBS einziehen. Das Gebäude wurde im Zuge einer radikalen Sanierung für mehr als dreißig Millionen Pfund verkauft.
Reuters füllt mit dem Erlös nicht nur die Kasse, es werden Immobilienkosten in Höhe von fünf Millionen Pfund im Jahr eingespart. Die 2500 Mitarbeiter werden in ihren neuen Büros an der schnell in Reuters Plaza umbenannten Fußgängerzone Vorlieb nehmen müssen und mit der anonymen Architektur rund um den Turm von Cesar Pelli, wo Fitneßzentren und kalorienarme Salate die rauchgefüllten Kneipen und gedehnten Mittagessen der Spesenritter der alten Fleet-Street-Zeiten ersetzt haben.
Mit Sentimentalitäten hat Tim Glocer, der amerikanische Geschäftsführer von Reuters, wenig im Sinn. Für ihn war 85 Fleet Street bloß ein hoffnungslos veraltetes Gebäude. Der Umzug habe den Vorzug, alle über zehn verschiedene Standorte verteilten Mitarbeiter unter einem Dach zu vereinen. Zudem hätten manche der alten Büros nicht einmal eine Klimaanlage gehabt. Als gewiefter New Yorker Unternehmer aber hat Glocer den Symbolcharakter dieses Umzugs erkannt und seine Firma durch den Gottesdienst mehr ins Gespräch gebracht als durch eine kostspielige Werbekampagne.
Das Ereignis erhielt durch die Anwesenheit von Rupert Murdoch eine besonders pikante Note. Der Mann, der die Druckgewerkschaften überrumpelte, als er seine Blätter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Wapping in eine mit der neuen Technologie ausgestatteten Festung überführte, hat schließlich das Ende der Fleet Street eingeläutet. Inzwischen sind die Zeitungsverlage über die ganze Stadt verstreut, und die alte Kumpanei zwischen den Mitarbeitern rivalisierender Titel läßt sich schon aus logistischen Gründen nicht mehr herstellen.
Und es war ausgerechnet Murdoch, der den Bibeltext las, obwohl sein deklamatorisches Talent weit hinter seiner unternehmerischen Dynamik herhinkt. Man hatte die Passage aus dem Buch Ecclesiasticus gewählt, in der es um die Männer geht, die über die Erde herrschten und die berühmt waren durch ihre Macht; die Rat erteilten durch ihre Einsicht, die prophetisch alle Dinge erschauten; Fürsten des Volkes wegen ihrer Klugheit, angesehen wegen ihres Scharfsinns, redekundig durch ihre Kenntnis der Schriften, Lehrer von Sinnsprüchen durch ihre Lebenserfahrung.
Murdoch las von den ehrwürdigen Männern, deren Hoffnung nicht vergeht. Bei ihren Nachkommen bleibt ihr Gut, ihr Erbe bei Ihren Enkeln . . . Ihre Nachkommen haben für immer Bestand, ihr Ruhm wird niemals ausgelöscht. Und während er las, mochten nicht wenige daran gedacht haben, ob der alternde Mann dabei auch die eigene Nachfolge im Sinn hatte.
Zur selben Stunde, in der die versammelten Honoratioren der britischen Presse sich selber auf die Schulter klopften und sich der Rührseligkeit des alten Beatles-Schlagers In My Life hingaben, feilte am anderen Flußufer der Erzbischof von Canterbury an einem furiosen Angriff auf die Medien, deren Usancen das öffentliche Leben entstellten. Nach diesem Ernst dürfte den in nostalgischen Erinnerungen schwelgenden Teilnehmern des Gottesdienstes kaum zumute gewesen sein.
Text: F.A.Z., 17.06.2005, Nr. 138 / Seite 40
Bildmaterial: AP, REUTERS