Von Thomas Scheen, Johannesburg
11. Dezember 2006 Alle hatten sie davon abgeraten, nach Freetown zu reisen: der Botschafter, die Mitarbeiter der Vereinten Nationen und nicht zuletzt die frisch aus Sierra Leone nach Guinea in Sicherheit gebrachten deutschen Entwicklungshelfer. Es sah tatsächlich nicht gut aus in jenem Mai 2000: Die blutrünstigen Rebellen der Vereinigten Revolutionären Front (RUF) standen vor dem Sturm auf die Hauptstadt, die Blauhelmsoldaten aus Jordanien hatten ihre Positionen längst aufgegeben, und in Erwartung der kaum zu beschreibenden Grausamkeiten, deren die Rebellen fähig waren, war die Selbstmordrate in der Stadt dem Vernehmen nach dramatisch angestiegen.
Kein Wunder, daß am darauffolgenden Tag lediglich zwei Passagiere den letzten Hubschrauberflug von Conakry nach Freetown gebucht hatten: der Journalist und ein Belgier aus Antwerpen, den dringende Geschäfte in den Krieg zogen. Und weil die beiden Landsmänner waren, beschloß der erfahrene Flame, den naiven Wallonen ein bißchen herumzuführen. Es wurde einer der denkwürdigsten Abende im Leben des damals noch unerfahrenen Korrespondenten.
Draußen knallten die Gewehrschüsse
Den Namen der Kneipe in der malerischen Bucht von Freetown hat er vergessen, nicht aber die Gäste dieses seltsamen Etablissements: südafrikanische Hubschrauberpiloten mit Angola-Erfahrung, ehemalige französische Fremdenlegionäre, ein Haufen verwegener Gestalten aus Belgien, Israel und Bulgarien, und der Besitzer des Schuppens war ein Russe. Es gab frischen Schwertfisch an Anis, dazu Unmengen Bourbon, und während draußen Gewehrschüsse knallten, hatten die Gäste nur ein Thema: wie sich der laufende Angriff der RUF auf ihre Geschäfte auswirke: ihre Geschäfte mit Diamanten. Wenn da nicht die sehr reale Ballerei gewesen wäre, man hätte glauben können, den Dreharbeiten zu einem klischeebeladenen Söldnerepos beizuwohnen. Als die Schießerei irgendwann abflaute und an eine Rückkehr ins Hotel zu denken war, bot sich einer der Legionäre als Begleitschutz an. Auf der Straße vor dem Restaurant lagen zwei erschossene Regierungssoldaten. Der Franzose leerte ihnen schnell die Munitionstaschen, zückte seine eigene Pistole und setzte sein breitestes Grinsen auf: Bienvenue en enfer.
Sierra Leone war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich die Hölle auf Erden. Seit neun Jahren tobte in dem westafrikanischen Land ein Bürgerkrieg, in dem sogenannte Rebellen Zivilisten Hände und Arme abhackten. Die Regierung wiederum bediente sich einer genauso brutalen Miliz namens Kamajor, und dazwischen lavierte die Kundschaft des Russen: Waffenhändler, Söldner und Glücksritter aus aller Herren Ländern, die sich mal für die eine, mal für die andere Seite verdingten, je nachdem, wer gerade Kono kontrollierte. Kono war das Zauberwort. In Kono lagen die ertragsreichsten Diamantenminen Westafrikas. Und nur darum ging es bei diesem Krieg.
Auf der Jagd nach dem rosa Diamanten
Nun hat sich Hollywood der bösen Jahre in Sierra Leone angenommen, und herausgekommen ist ein Film namens Blood Diamond, in dem Leonardo DiCaprio einen Söldner aus Zimbabwe spielt, der auf der Jagd nach einem seltenen rosa Diamanten ist. Den wiederum hütet ein Sierra-Leoner, der als Zwangsarbeiter in den Diamantenminen heute nicht weiß, ob er den Morgen noch erlebt, und der den Stein einsetzen will, um seinen zum Kindersoldaten gewordenen Sohn aus den Fängen der Rebellen zu befreien.
Nun könnte man einwenden, daß Hollywood immer dramatisieren muß. Doch so einfach ist es nicht. Zunächst orientiert sich der Film an tatsächlichen Vorkommnissen in Sierra Leone, zum anderen ist Blood Diamond, der seit vergangener Woche in den amerikanischen Kinos läuft und im Februar in Deutschland zu sehen sein wird, nach Auskunft seines Regisseurs Edward Zwick ein Film mit einer Botschaft - nämlich der, daß an den schönen Edelsteinen eine Menge Blut klebt. Seither fürchtet der größte Diamantenkonzern der Welt, die südafrikanische De-Beers-Gruppe, um ihr Weihnachtsgeschäft. Der Film bereitet uns große Sorge, sagt De-Beers-Pressesprecher Tom Tweedy. Das ist vermutlich die Untertreibung des Jahres.
Aura des Zwielichten und Zynischen
Der Firma De Beers und ihren sagenhaft reichen Besitzern, der Oppenheimer-Familie, haftet wie keinem zweiten Konzern die Aura des Zwielichten und Zynischen an. De Beers kontrolliert siebzig Prozent der afrikanischen Diamantenproduktion, die auf jährlich 8,3 Milliarden Dollar geschätzt wird. Eine Zeitlang kaufte De Beers alle Edelsteine, die angeboten wurden, um den Preis künstlich hochzuhalten, und Fragen nach der Herkunft wurden nicht gestellt. De-Beers-Händler flogen in kleinen Flugzeugen regelmäßig in den angolanischen Busch, um einem der schlimmsten Blutsäufer des Kontinents, dem Rebellen Jonas Savimbi, Diamanten abzukaufen, und der Herr investierte dafür in Boden-Luft-Raketen. De Beers war alles andere als ein politisch korrekter Konzern. Doch das sei Geschichte, sagt man heute bei De Beers.
Was haben die Südafrikaner in den vergangenen Monaten nicht alles unternommen, um dem Film den Wind aus den Segeln zu nehmen: Journalistenreisen in Diamantenminen organisiert; groß und weitschweifig die Anti-Aids-Projekte für ihre Angestellten vorgestellt; die für südafrikanische Verhältnisse exzellente Entlohnung ihrer Bergarbeiter gelobt und auf die wirtschaftlichen Segnungen der Diamantenindustrie Afrika hingewiesen.
Hollywoods Opfer
Das Argument hat Gewicht. Im südlichen Afrika beschäftigt die Diamantenindustrie rund 28.000 Menschen. Alles in allem erwirtschaftet die Industrie allein auf dem Schwarzen Kontinent 8,3 Milliarden Dollar jährlich. Fünfundsechzig Prozent aller Diamanten der Welt stammen aus Afrika, und De Beers kontrolliert siebzig Prozent des afrikanischen Marktes, also fünfundvierzig Prozent des Weltmarktes. Für Botswana, wo die ertragsreichsten Minen der Welt liegen, sind Diamanten sogar die Haupteinnahmequelle: Siebzig Prozent seiner Exporterlöse erwirtschaftet das Land mit Diamanten, die mehr als dreißig Prozent seines Bruttosozialproduktes darstellen. Weltweit beschäftigt die Industrie rund zehn Millionen Menschen.
De Beers ist mittlerweile peinlich darauf bedacht, nicht mehr mit Blutdiamanten in Verbindung gebracht zu werden. Und sieht sich als Opfer von Hollywood, denn De Beers hatte seine Käufe in Sierra Leone 1987, vier Jahre vor Beginn des Bürgerkrieges, eingestellt. Die Käufer in Sierra Leone kamen aus einer ganz anderen Ecke: Israelis, Ukrainer, Kanadier und die mittlerweile aufgelöste südafrikanische Söldnerfirma Executive Outcomes. Dennoch haftet dem Konzern das alte Image an wie Teer und Federn.
Mechanismus zur Selbstkontrolle
Gleichwohl ist Sierra Leone ursächlich für die neue Politik De Beers. Als die Nichtregierungsorganisation Global Witness vor dem Hintergrund des Dramas in Sierra Leone in den neunziger Jahren eine großangelegte Kampagne gegen Blutdiamanten startete, konnte De Beers zwar darauf verweisen, in Freetown nicht aktiv zu sein, aber da war ja noch der bis an die Zähne bewaffnete Jonas Savimbi im angolanischen Busch. Die Kampagne drohte zu einem wirtschaftlichen Fiasko zu werden. Der Konzern reagierte erstaunlich schnell. In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und verschiedenen NGOs schuf die Diamantenindustrie einen nach der südafrikanischen Diamantenstadt Kimberley benannten Mechanismus zur Selbstkontrolle, den Kimberley-Prozeß. Kurz gesagt, dürfen demnach nur noch Diamanten gehandelt werden, die als konfliktfrei gelten und deren Herkunft über staatliche Zertifikate eindeutig zu rekonstruieren ist.
Heute sind achtundsechzig Länder im Kimberley-Prozeß organisiert. Das vorläufige Resultat ist, daß der Anteil der Blutdiamanten am weltweiten Handel auf weniger als ein Prozent gesunken ist. Vor wenigen Jahren betrug er je nach Quelle noch zwischen vier und fünfundzwanzig Prozent. Gleichzeitig aber hat dieses System Lücken, die die Glaubwürdigkeit der gesamten Industrie in Mitleidenschaft ziehen. So stammen die heutigen Blutdiamanten nahezu alle aus dem westafrikanischen Bürgerkriegsland Elfenbeinküste. Die Cote d'Ivoire ist nicht Mitglied des Kimberley-Prozesses, kann also theoretisch keine Edelsteine verkaufen. Das Nachbarland Ghana, das über keine eigenen Diamantenvorkommen verfügt, ist jedoch sehr hilfsbereit. Die ivorischen Steine werden schlicht über die Grenze geschmuggelt und in Ghana gegen Bakschisch mit offiziellen Herkunftszertifikaten ausgestattet. Bei der letzten Vollversammlung der Kimberley-Staaten im Oktober wurde Ghana eine Frist von drei Monaten gesetzt, seinen Laden in Ordnung zu bringen. Anderenfalls droht der Ausschluß aus dem Kimberley-Prozeß.
Buschmänner am Rande der Wüste
Wie sensibel De Beers inzwischen auf jeden drohenden Image-Schaden reagiert, zeigt ausgerechnet das Beispiel des Vorzeigelandes Botswana, wo die Südafrikaner in einem Joint-venture mit der Regierung die Diamantenfirma Debswana betreiben. Seit geraumer Zeit siedelt die Regierung in der Kalahari-Wüste lebende Buschmänner in Siedlungen an den Rand der Wüste um, was nicht nur auf Zustimmung stößt. Die botswanische Regierung sagt, mit den Umsiedlungen solle den bislang archaisch lebenden Buschmännern jene Infrastruktur (Schulen und Krankenhäuser) geboten werden, die in der Wüste nicht zu gewährleisten sei. Menschenrechtsgruppen hingegen argwöhnen, es gehe lediglich darum, die Buschmänner aus den Gebieten zu entfernen, in denen Debswana neue Diamantenvorkommen vermutet. Der Streit beschäftigt mittlerweile botswanische Gerichte und droht den guten Ruf von Debswana zu ramponieren. Der Chef von De Beers, Nicky Oppenheimer, witterte wohl neues Unheil, als er den botswanischen Präsidenten unlängst bat, die Umsiedlungen doch bitte ein wenig sensibler zu handhaben.
Und Sierra Leone? Der Bürgerkrieg, der mehrere zehntausend Tote und noch mehr Verstümmelte forderte, endete mit einer brachialen Militärintervention Großbritanniens im zweiten Halbjahr 2000. Zwei Jahre später wählte das Land in freien und fairen Wahlen einen neuen Präsidenten, und die Rebellengruppe RUF, die als Partei teilgenommen hatte, verschwand in der politischen Bedeutungslosigkeit.
Die Diamantenminen von Kono sind längst wieder unter staatlicher Kontrolle und erweisen sich als Segen für das bitterarme Land. Sierra Leone ist im Kimberley-Prozeß engagiert, und die offiziellen Exporterlöse durch Diamanten stiegen allein im vergangenen Jahr um sechzig Prozent auf mehr als 120 Millionen Dollar. Dennoch war Sierra Leone nicht der letzte Auftritt internationaler Söldner auf afrikanischem Boden. Zwar sind Figuren wie der Liberianer Sam Bockarie entweder tot oder sitzen im Gefängnis wie der Niederländer Gus van Kouwenhoven, der von Liberia aus die RUF mit Waffen belieferte. Die anderen alten Bekannten aus Sierra Leone aber - die Reste der britischen Söldnerfirma Sandline International etwa oder der ukrainische Waffenschieber Leonid Millin - sind heute im Nordosten Kongos, in Ituri, aktiv. Dort gibt es Gold und genug Milizionäre, die bereit sind, für eine Handvoll Dollar ganze Dörfer auslöschen. Von Blutgold aber redet bislang niemand.
Text: F.A.Z., 12.12.2006, Nr. 289 / Seite 39
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, REUTERS, Warner Bros./Cinetext
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