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Eine Autorin erregt China

Von Zhou Derong

22. Dezember 2003 "Ich saß allein an der Bar. Gelangweilt. Jemand sprach mich an. Es war Wang Lei. Seine Begrüßung klang uninspiriert: ,So einsam? Setz dich doch zu uns.' Er war mit zwei Freunden gekommen. ,Veranstaltet ihr eine Swing-Party? Dann habt ihr mich', sagte ich. ,Kein Problem. Bring noch ein Mädchen mit.' ,Abgemacht.' Kurz vor zwei Uhr frühmorgens wollte er dann gehen: ,Zu mir oder zu dir? Wohnst du in der Nähe?' ,Warum so viele Umstände machen? Lassen wir es uns doch gleich hier machen.'

Draußen gingen wir um die Ecke, in die Dunkelheit eingehüllt. Er zog meinen weißen Rock hoch. ,Schön praktisch, nicht wahr?' kommentierte ich. Schweigend drückte er mich nach vorne. Man nennt es wohl den ,dog style', und dann war es schon vorbei. ,War nicht gut', sagte er, ,keine Musik.' ,Auch du warst nicht in bester Verfassung', sagte ich. Doch einst war er mein Traumprinz gewesen. Jetzt bekommt er höchstens fünfzig von hundert Punkten. Ungenügend."

Literatur ohne Fiktion?

Diese Episode stammt aus dem Buch "Liebesbriefe vor dem Tod" ("Yi Qing Shu"), der neuesten literarischen Sensation Chinas. Über die Bezeichnung Literatur gibt es allerdings noch Streit, weil es mit der herkömmlichen Literaturtradition genau in dem gebrochen hat, was bisher Literatur zu Literatur gemacht hat: Sie ist keine Fiktion, vielmehr orientiert sie sich an einer alten chinesischen Weisheit: Das wirkliche Leben ist viel interessanter als alles Ausgedachte.

"Liebesbriefe vor dem Tod" dreht sich folgerichtig um Dinge, die wirklich geschehen sind: Wang Lei ist ein bekannter chinesischer Popsänger und heißt tatsächlich Wang Lei. Und die Geschichte in der Bar und draußen um die Ecke hat sich so zugetragen. Geschrieben hat sie Mu Zimei alias Li Li. Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt und hat Philosophie studiert. Und sie ist heute Kolumnistin wie Carrie, ihr amerikanisches Vorbild in der Kultserie "Sex and the City", deren raubkopierte DVDs in China reißenden Absatz finden. In dem Magazin "Stadtbild", einem Ableger des Parteiorgans der Provinz Guangdong, informiert sie ihre Leser alle zwei Wochen über das Neueste aus der Jugendszene. Nur sie selbst haben die zensierten Kolumnen sowenig befriedigt wie der Popsänger draußen um die Ecke. So entdeckte sie im Juni dieses Jahres das Weblog oder einfach Blog, das Online-Tagebuch.

Voll im Trend

Blogs zu schreiben liegt heute in China voll im Trend. Vor allem unter den Jugendlichen verdrängt es zusehends die einst populären Internetforen, die inzwischen weitgehend durch die kommunistische Cyberpolizei überwacht sind. Blogs zu überwachen aber stellt für die Partei ein Problem dar, weil es einfach zu viele Blogs gibt. Um sie alle zu überwachen, müßte die Partei Hunderttausende Cyberpolizisten zusätzlich einstellen. Da die Partei davor zurückschreckt, kann man sich in den Blogs nach Herzenslust austoben. Für die Betroffenen sind die Darstellungen oft peinlich - viele unter ihnen sind verheiratet und Familienväter. Um so mehr aber freuen sich die Leser: Ihre Fangemeinde wächst schneller als die chinesische Wirtschaft.

Als Fräulein Mus Tagebuch im Spätsommer im Netz die Runde machte, sprang die Besucherzahl auf täglich mehr als sechstausend, während gewöhnlich selbst interessante Blogs höchstens einige hundert Besucher anlocken. Im Oktober verzehnfachte sich die Besucherzahl, schließlich mußte die Website blogcn.com nach mehrmaligem Zusammenbruch vor dem Besucheransturm kapitulieren: Fräulein Mus Tagebuch wurde aus dem Netz genommen. Anfang November stieg dann die populäre sina.com ein, die auf ihrer Website eine bereinigte Version der "Liebesbriefe vor dem Tod" präsentierte. Mit überwältigendem Erfolg: Die Besucherzahl bei sina.com erhöhte sich auf dreißig Millionen täglich, und Fräulein Mu avancierte zum nationalen Thema Nummer eins in der Cyberwelt. In den staatlichen Medien hagelte es zwar moralisierende Kritik, aber davon unberührt, veröffentlichte Bertelsmanns chinesischer Partner, 21st Century Publishing House, die "Liebesbriefe" Ende November als Buch.

Selbstverständlicher Sex

Das Phänomen ist mit erotischem Exhibitionismus allein nicht zu erklären. Erstaunlich war, mit welcher Selbstverständlichkeit das Thema Sex in den "Liebesbriefen" behandelt wird: nicht mehr als Tabubruch oder Emanzipation, sondern als lustvoll konsumierte Angelegenheit. Bei Fräulein Mu sind Männer so "austauschbar wie Zigarettenmarken". Über Liebe wird auch geredet, aber mehr ironisch als romantisch, und Männer, die Fräulein Mu zu retten versuchen, werden gnadenlos demaskiert, zunächst in ihrem Bett, dann in ihren "Liebesbriefen". Zuweilen entsteht der Eindruck, als tue sie alles, um sich an den Männern zu rächen.

Vielleicht sucht China schon im nächsten Jahr den Superstar oder die zehn berühmtesten Chinesen? Nach der ideologischen Enthauptung der Kommunistischen Partei, dem Verbot von Falun Gong haben viele junge Chinesen ein Problem mit der Sinnsuche - für sie ist das Leben absurd geworden. Vielen scheint so, als biete gerade Fräulein Mu ihnen eine Lösung, wie sie sich aus dieser Absurdität retten könnten. Damit ist weniger ihr lustvoller Lebensstil gemeint als vielmehr die Philosophie, die sie mit dem Titel ihres Buch ausdrückt: "Liebesbriefe vor dem Tod" meinen nicht das biologische Ende, sondern das Ende der Jugend, der Blütezeit. Danach beginnt das Leiden. Fräulein Mus Rat lautet daher: "Handeln", um wenigstens "schöne Erinnerungen in Liebesbriefen aufzubewahren". "Handeln" aber stiftet Unruhe und ist damit ganz und gar nicht im Sinne der Partei, der die innere Stabilität heilig ist. Am vorvergangenen Montag wurden die "Liebesbriefe vor dem Tod" verboten.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2003, Nr. 297 / Seite 33

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