Interview

„Mein Vater ist oft an mir verzweifelt“

Will zum 65. Geburtstag nichts wissen vom Ruhestand: Verleger Hubert Burda

Will zum 65. Geburtstag nichts wissen vom Ruhestand: Verleger Hubert Burda

29. Januar 2005 Das Bundeskartellamt hat dem Münchner Medienkonzern Hubert Burda Media (“Focus“, „Bunte“, „Elle“) grünes Licht für die Übernahme der Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße gegeben. Im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ kündigt Konzernchef Hubert Burda ein Sparprogramm bei der Mediengruppe an, zu der unter anderem die Zeitschriften „TV Spielfilm", „Amica“ und „Cinema“ gehören.

„Die Strukturkosten sind in den Boomjahren 1999/2000 außer Kontrolle geraten. Darunter leidet die Milchstraße noch heute. Jetzt rechnen wir und führen Gespräche“, lautet die Bestandsaufnahme von Burda, der am 9.Februar 65 Jahre alt wird.

Außerdem verrät Burda, der 1986 per Realteilung die alleinige Verantwortung für den elterlichen Verlag übernahm, und der es heute in der Gruppe mit 239 Titeln in 19 Ländern auf einen Umsatz von zwei Milliarden Euro bringt, was sein größter Erfolg war, und warum er nichts von einem Dasein als Renter mit 65 Jahren hält.


Herr Burda, Sie haben den Umsatz Ihres Konzerns in 20 Jahren verzehnfacht. Sind Kunsthistoriker die besseren Manager?

Manager nicht, aber Verleger.

Sie sind Verleger.

In diesem Beruf ist ein geisteswissenschaftlicher Background nicht schlecht.

Warum?

Weil man den kulturellen Kontext verstehen muß. Immer wenn sich ein neues Medium durchgesetzt hat, hat sich auch die Gesellschaft verändert. Nehmen Sie Gutenberg oder das Internet. Dann hilft es, wenn man zum Beispiel weiß, wie die französische Enzyklopädie, mit ihren Vorläufern der Infographiken, entstanden ist - eines der Vorbilder für "Focus".

War "Focus" Ihr größter Erfolg?

Natürlich. Das war mein Lebenstraum seit den sechziger Jahren. Ich dachte immer, es müsse einen Weg geben, dem "Spiegel" Paroli zu bieten. Die Chance bot sich Anfang der neunziger Jahre mit der digitalen Revolution. Das Gute war, daß Helmut Markwort genauso dachte. Ein Verleger kann noch so gute Ideen haben, der Chefredakteur macht das Match. Der steht auf dem Centre Court. Daß Markwort und ich zusammenkamen, das war's.

Deswegen haben Sie Markwort auch mit der Führung Ihrer Neuerwerbung Milchstraße betreut?

Die Milchstraße ist ein von einem journalistischen Verleger geführtes Haus. Das tut sich leichter mit jemandem wie Markwort.

Das Kartellamt hat die Übernahme genehmigt. Was sind jetzt die nächsten Schritte?

Wir rechnen und führen Gespräche.

Mit welchem Ergebnis?

Das Problem bei der Milchstraße sind die Strukturkosten. Sie sind in den Boomjahren 1999/2000 außer Kontrolle geraten. Darunter leidet die Milchstraße noch heute.

Sie sagten mal, in der Redaktion ist Verschwendung erlaubt. Gelten dort keine ökonomischen Gesetze?

Kreative Prozesse sind immer Verschwendung - im positiven Sinn. Da hat einer eine gute Geschichte, die man nicht bringt, weil ein anderer eine bessere hat.

Wie stark hat Sie Ihr Elternhaus beeinflußt?

Natürlich prägt es, wenn beide Eltern Verleger sind. Meine Mutter war in den fünfziger Jahren viel erfolgreicher als mein Vater. Der hat seine Gewinne sofort wieder investiert. Kürzlich habe ich einen Brief aus dem Jahr 1954 gefunden. Da sucht er Geldgeber für eine Papierfabrik, die er bauen will - für 10 Millionen. Hey, 10 Millionen! Da kann er kaum die Papierrechnung von 46000 Mark bezahlen und denkt an eine Fabrik. Meine Mutter hielt ihn immer für einen Phantasten. Die Vision meines Vaters war: Ich will, daß diese farbige Welt von mir so schön wie möglich gedruckt wird, und deswegen nannte er die Zeitschrift "Bunte".

Ihre Mutter Aenne war derweil mit "Burda Moden" für das Bodenständige zuständig.

Meine Mutter sagte damals: Ich will, daß die deutsche Arbeiterin schön aussieht. "Burda Moden" ist ja fast ein Katalog, etwas ganz Handfestes. Das hat mit Presse nur bedingt zu tun.

Wann wurden Sie auf das Geschäft vorbereitet?

Sehr früh. Schon mit zehn hat mich mein Vater zur französischen Kommandantur nach Baden-Baden mitgenommen. Er verhandelte um die Lizenzen. Aenne hat ihn immer wieder auf den Boden geholt und mit Zahlen und Fakten konfrontiert. Ich hoffe, und es scheint, daß beides in mir steckt. Effektivität und Kreativität, dieses Zirkusmilieu eben.

Zu seinem 65. Geburtstag holte Ihr Vater für eine Zirkusvorstellung sechs Elefanten nach Offenburg. Wollen Sie ihn nun übertreffen?

Nein. Ich habe immer versucht, ihn in nichts zu kopieren - manchmal etwas töricht. Mein Freund Peter Handke und ich haben mal dem französischen Avantgarde-Regisseur Jean-Luc Godard den Bambi verliehen. Eine vollkommen sinnlose Aktion. Ich glaube, mein Vater ist oft an mir verzweifelt.

Als Sie den Verlag übernommen haben, sind Sie schnell von Offenburg nach München gezogen.

Ich arbeite an beiden Standorten. In München entstehen andere Zeitschriften als in Offenburg. Vielleicht liegt auch darin die größere Bandbreite eines Verlagshauses. Wir machen Zeitschriften für alle Teile der Bevölkerung, von Garten, Mode, Kochen über Finanzen, Entertainment bis hin zur Chip Technology. Ein Verleger muß seismographisch spüren, was sich in der Gesellschaft, in der Technik oder in den Einkaufsgewohnheiten verändert.

Was ist der Trend der Stunde?

Consumer Technology. Digital Lifestyle. iPod, Mobiltelefone. Das kann man sehr gut an seinen Kindern studieren, die heute ganz anders miteinander kommunizieren.

Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Heute kann ich nicht mehr ausschließlich Zeitschriften, Fernsehen oder Radio anbieten. Ich brauche das Internet, brauche mediale Communities - also Gemeinschaften, die sich thematisch und inhaltlich vernetzen.

Wird es daher immer mehr und immer kleinere Titel geben, zugeschnitten auf eine spezielle Klientel?

Es wird immer auch Zeitschriften mit einer Auflage von 100 000 geben. Der Trend zur Personalisierung wird aber durch alle Bereiche gehen. Dafür brauchen Sie Community-Marketing.

Wäre die Krönung Ihres Lebenswerkes ein Börsengang?

Mit einer Aktiengesellschaft wäre ich nicht da, wo ich bin.

Warum nicht?

Weil ich nur so auch die hohen Risiken gehen konnte. Das Wesen der AG ist ja, daß man von anderen Menschen Geld erhält, um Märkte zu erobern - ein wunderbares Modell für viele Industriezweige.

Aber nicht für Medien?

Wir sind kein reines Industriegeschäft. Wir machen "people's business". Der Erfolg eines Verlegers entsteht durch das richtige Gefühl für die Menschen. Wenn ich durch eine Redaktion gehe, muß ich die Freude spüren und dieses gewaltige Privileg, ein Blatt zu machen. Mein Vater hat das sehr gepflegt. Er hatte keine Ruhe, wenn er nicht einmal die Woche ein Fest gemacht hat. Nichts Großartiges, meist nur Bier und Brezeln. Aber ein Fest, das Leben als Fest.

Ihr Vater war mit 80 noch Unternehmer - ist er in der Beziehung für Sie ein Vorbild? Oder denken Sie mit 65 an den Ruhestand?

Weder in der Antike noch in anderen Kulturen war es denkbar, daß Leute mit 65 Jahren aufgehört hätten. Die Pensionsgrenze ist eine sinnvolle Erfindung der Industrialisierung zum Schutz des Arbeiters. Meine Aufgabe ist es, weiterzumachen und die nächste Generation aufzubauen.

Viele Familienunternehmen scheitern gerade an dieser Frage, verschwinden nach der dritten Generation.

Wichtig ist, rechtzeitig die Nachfolge zu regeln. So ist es heute meine Hauptaufgabe, die Generation nach mir in Führungsaufgaben zu bringen, und damit ein Hauptanliegen, die "young leaders of tomorrow" im Unternehmen zu identifizieren.

Und irgendwann übernehmen Ihre Kinder aus zweiter Ehe?

Das wird man in 10 bis 20 Jahren sehen. Wenn sie keine Lust haben sollten, wäre es für ein Familienunternehmen nicht klug, sie in etwas hineinzuzwingen. Aber dies ist ein Verlag. Ich wüßte keine Tätigkeit, die mehr Gestaltungsmöglichkeit gibt, als ein Verlagshaus zu führen.

Sie sind überzeugt, daß es keinen besseren Job gibt als Ihren?

Welcher sollte das sein?

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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