Von Paul Ingendaay, Madrid
12. Januar 2005 Vielleicht hätte es nicht das Fernsehen sein müssen und schon gar nicht eine mittägliche spanische Klatschsendung, wo eine Wahrheit ans Licht kam, die viele ahnten, aber nicht kannten: Ramona Maneiro, vierundvierzig Jahre alt, hat jetzt öffentlich gestanden, ihrem fünfundfünfzigjährigen Freund Ramón Sampedro am 12. Januar 1998 zum Tod verholfen zu haben.
Der ehemalige Seemann aus Galicien, der seinem Leben mit einem Zyankalitrunk ein Ende setzte, nachdem er achtundzwanzig Jahre als Querschnittsgelähmter im Bett verbracht hatte, ist Spaniens meistdiskutierter Fall von Sterbehilfe. In die öffentliche Debatte kam er wieder im vergangenen Herbst, als der junge und schon hochberühmte Filmregisseur Alejandro Amenábar (The Others, Abre los ojos) sein Melodram Mar adentro (Aufs Meer hinaus) vorstellte, das auf dem Leben und Sterben Sampedros beruht.
Vier Millionen Zuschauer
Für den Erfolg des Films in Spanien, wo er in vier Monaten vier Millionen Zuschauer in die Kinos gezogen hat, gibt es kaum Parallelen. Also ist auch das Thema Sterbehilfe wieder schick geworden. Mit fünfzehn Goya-Kandidaturen wird Mar adentro demnächst wohl die wichtigsten Filmpreise des Landes abräumen. Und noch lange vor der Oscar-Verleihung, wo er als bester ausländischer Film nominiert ist, sind schon zahlreiche ausländische Preise auf die Beteiligten herabgeregnet: die Copa Volpi der Mostra von Venedig für den Hauptdarsteller Javier Bardem, der Europäische Filmpreis für Bardem und Amenábar, soeben auch in Los Angeles die Auszeichnung Critic's Choice für den besten ausländischen Film des Jahres 2004.
Der Augenblick, auf den in dem mitreißend gespielten Werk alles zuläuft, der heimlich vorbereitete Tod eines Helden, der sein Leben nicht mehr erträgt, er klang aus dem Mund der helfenden Freundin jetzt so: Ich teilte das Zyankali, das Ramón hatte, in Portionen ein. Ich holte aus der Küche ein Glas mit so viel Wasser, wie er angegeben hatte, und tat die entsprechende Menge Gift hinein. Ich steckte ihm den Strohhalm in den Mund, wie er es wollte. Dann stellte ich mich hinter die Kamera.
Das ausführende Organ
Ramona Maneiro tat nur, wie ihr geheißen worden war. Sie war, sagt sie, die Hand, die dem Freund zum Tod verhalf, das ausführende, nicht das planende Organ. Sampedro hatte an alles gedacht. Auch daran, daß seine Freundin ihn nach Einnahme des Zynkali nicht mehr küssen durfte. Während Ramona Maneiro hinter der Kamera die Bilder kontrollierte, die später im Lokalfernsehen gezeigt werden würden, gab sie dem Sterbenden Zuspruch und munterte ihn mit Koseworten auf. Die letzten Minuten sollen schlimm gewesen sein. Die Frau ertrug sie nicht und flüchtete sich ins Badezimmer.
Ramona Maneiro arbeitete in einer Konservenfabrik, als sie Sampedro 1996 kennenlernte. Sie verliebte sich in ihn wie so manche andere Frau. Von mehreren Seiten heißt es, er sei von seinen Freundinnen wie ein Gott verehrt worden. Das Zimmer im Haus seiner Schwägerin, in welchem er Shakespeare und Dante las, seinen geliebten Wagner hörte und den Geruch des nahen Atlantiks einatmete, ist noch unverändert. Und unverändert ist auch die Hingabe seines Bruders, der Schwägerin, der Neffen, die ihn pflegten und von seinen Sterbeplänen nichts wissen wollten. Es ist Amenábars Film kaum je gutgeschrieben worden, daß er ihrer enttäuschten Liebe ein eindrucksvolles Denkmal setzt.
Briefe aus der Hölle
Ramón Sampedro war mit seinen Gedanken ganz woanders, und er war zäh. Im März 1996 veröffentlichte er das Buch Briefe aus der Hölle, in dem er sein Recht auf einen würdigen Tod darlegte. Gerichte in Barcelona und La Coruña hatten sein Ansinnen ebenso abgewiesen wie das spanische Verfassungsgericht und das Europäische Parlament. Zwei Jahre später mietete er mit Ramona Maneiros Hilfe eine Wohnung in dem galicischen Städtchen Boiro und setzte seinen Selbstmord ins Werk. Das Verfahren gegen die Freundin wurde 1999 eingestellt, unter anderem deswegen, weil sich Tausende mit Sampedros Freitod solidarisch erklärt und sich selbst der Tat bezichtigt hatten. Angesichts der drohenden juristischen Farce wurde das Verfahren gegen Ramona Maneiro eingestellt. Bevor sie die Beihilfe zum Selbstmord jetzt zugab, hatte sie die Verjährungsfrist verstreichen lassen.
Ob Sampedro sterben mußte, darüber haben sich schon mehr Menschen und Organisationen eine Meinung erlaubt, als der Sache zuträglich ist; daß er sterben wollte, steht außer Frage. Die Begeisterung des spanischen Kulturbetriebs über Amenábars Film läßt allerdings vergessen, daß sich der Einzelfall nicht auf eine gesellschaftliche Praxis hochrechnen läßt und daß die ethischen Fußangeln ganz andere sind, wenn man Sampedros Höhle der Selbstreflexion verläßt. Der Schluß vom Partikularen aufs Allgemeine ist in der spanischen Öffentlichkeit kaum durchdacht worden. Wer sich kirchenkritisch und aufgeklärt dünkt, begrüßt Mar adentro wie das Licht, das ins Dunkel fällt. Wer prinzipiell gegen Sterbehilfe ist, schimpft auf den Film, ohne sich einen Deut um dessen Kunstcharakter zu scheren.
Ein feiger Film
Unter den wenigen scharfsinnigen Äußerungen war es die des andalusischen Arztes und Bioethikers Pablo Simón Lorda, die dem Phänomen am ehesten gerecht wurde. Amenábar habe einen schönen, bewegenden Film gedreht und Javier Bardem unübertrefflich gespielt, schrieb Lorda in El País. Aber der Film sei feige. Er setze das Dilemma schon als gelöst voraus, das er behandle. Kein Vergleich mit einem Werk wie Dead Man Walking von Tim Robbins, das dem Zuschauer zumute, das moralische Dilemma der Figuren auch in sich selbst anzutreffen.
Filmkunst, so muß man mit Blick auf Mar adentro folgern, ist nicht das Leben und sollte nicht mit ihm verwechselt werden. Daß Ramón Sampedro vor der Videokamera starb, daß sein Sterben vor Kameras rekonstruiert und daß die letzte Wahrheit darüber abermals vor der Kamera ans Licht kam, könnte eine Warnung sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2005, Nr. 9 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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