Fernsehen

Faustrecht ist Pflichterfüllung

Von Dietmar Dath

Kiefer Sutherland als Jack Bauer im Kampf gegen den Terror

Kiefer Sutherland als Jack Bauer im Kampf gegen den Terror

15. März 2004 Einer bei Feuilleton und Underground-Publizistik gleichermaßen beliebten Idee zum Trotz, wonach jeder Pop-Künstler, der einen gewissen fixen, bescheidenen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad überschreitet, nur ein Affe sein kann, bleibt festzuhalten: Popularität ist ein Vergrößerungsglas. Wer fast nichts kann, kann überhaupt nichts mehr, sobald ihn die Massen lieben, wer gut ist, wird dadurch nur noch besser. Der Schauspieler Kiefer Sutherland hat den Popularitätsschub, den seine Darstellung des Antiterrorpolizisten Jack Bauer in der Fernsehserie "24" mit sich gebracht hat, ansehnlich überstanden.

Leute mit kompaktem Dachschaden spielt Sutherland nämlich immer gern, seine Physiognomie, findet er, kommt dem entgegen: "Ich sehe nicht gerade aus wie der typische positive Held", ein Problem, das er mit anderen sehr guten Schauspielern wie Gary Sinise oder Kevin Bacon teilt. Nicht, daß er deshalb ausschließlich Irre spielten würde - ausgerechnet im "Twin Peaks"-Spielfilm "Fire Walk with Me" von 1991, den mit David Lynch immerhin ein echter Irrer gedreht hat, gibt Sutherland einen ganz normalen, höchstens leicht schüchternen Polizisten.

Beeindruckende Sammlung menschlicher Seelenhaushaltsdefizite

Es muß auch nicht, wie bei Klaus Kinski, immer dieselbe Macke sein, die der Star verkauft: Vom hitzköpfigen jugendlichen Kinderquäler in "Stand by me" (1986) über den seinem General sklavisch untergebenen, eiskalten Offizier in "Eine Frage der Ehre" (1992) bis zum leicht dämlichen, haltlos schießwütigen Drogengangster in seinem eigenen Regiedebüt "Truth Or Consequences N.M." (1997) hat er seinem Schauspieler-Portfolio eine beeindruckende Sammlung menschlicher Seelenhaushaltsdefizite einverleibt.

Was für die Kritik abfällt, wenn ein Darsteller so ein Programm mit wenigen Lücken konsequent durchhält, ist eine Reihe von Schaustücken einer Theorie des Verhältnisses von Beklopptheit und Rollenverhalten an sich. Nicht nur verschiedene Drehbücher brauchen verschiedene Wahnsinnige, sondern auch verschiedene Gesellschaften - wer es im spanischen Mittelalter als Inquisitor zu was gebracht hätte, muß im Schweden der siebziger Jahre eine gesellschaftliche Randexistenz als Frauenmörder führen.

Bei der Rolle, die Sutherland seinen größten Erfolg seit Jahrzehnten, vielleicht den größten seiner bisherigen Karriere verschafft hat, Jack Bauer von der Los-Angeles-Zweigstelle der Bundesbehörde CTU, passen die Umstände, als hätte sie jemand mit dem Stahlhammer ineinandergetrieben: Auf so einen hat das verunsichertste Amerika, das es je gab, nur gewartet. Er sägt Kronzeugen den Kopf ab, um damit gegenüber Gangstern seine Glaubwürdigkeit zu dokumentieren, schüttelt einem Rechtsradikalen erfreut die Hand, der gerade ein Regierungsgebäude gesprengt hat, fügt sich Verletzungen zu und läßt sich zur Not sogar auf einen Handel ein, bei dem jemand straffrei ausgeht, der ihn erschießt. Erst mal rein in die Situation, wie wir rauskommen, können wir uns dann immer noch überlegen.

„Den Kriminalroman auf die kalten Straßen der amerikanischen Metropolen holen"

Das Sichverlassenmüssen des mit Kriminellen konfrontierten Helden auf sein eigenes Urteil ist an sich keine neue Idee. Sam Spade und Philip Marlowe, die großen klassischen Privatdetektive, waren aber keine amoklaufenden Solitäre, sondern Privatiers der Gerechtigkeit. Ihr Ehrenkodex ersetzte die gesetzesförmige Begründung des Zugriffs auf Bösewichter, ihre Dunkelheit war die einer freien Marktwirtschaft, in der das Handwerk als nicht industriezeitaltergemäß zwar gerade abstirbt, aber ein paar vereinzelte Handwerker - Tierpräparatoren, Schuster, Detektive - noch recht und schlecht überleben.

Die Pulp-Autoren der Hardboiled-Ära mußten "den Kriminalroman aus der Muffigkeit der viktorianischen Landhäuser auf die kalten Straßen der amerikanischen Metropolen holen" (Gunter Blank), und weil es ihnen gelang, hat auch Camus sie gern gelesen: untergehender Individualismus, existentieller geht's nicht. Schon bei Spillanes Mike Hammer war aus diesem Heldentyp allerdings ein präpotenter Faschist geworden, dessen Motto "Might makes Right" eher nach Carl Schmitts Souverän riecht als nach Camus' "Mensch in der Revolte". Wo Marlowe und Spade noch melancholisch darüber wurden, daß es für einen ganzen Haufen Menschen kein moralisches Gesetz in ihrem Innern mehr gibt, vermißt Hammer das gar nicht mehr; er hat das Paradies einer Ordnung, in dem Gesetz und Gewissen eins waren und das einmal "der bürgerliche Rechtsstaat" hat heißen sollen, längst vergessen.

Mike-Hammer-Ich-AG

Mit Jack Bauer kehrt nun diese Figur, die bei Dashiell Hammett und Raymond Chandler aus dem Staat gefallen war - sie wäre gern Polizist geworden, aber die wachsame, ehrenhafte Truppe, zu der sie gehören könnte und die ebenso zwingend zur Gesellschaft gehörte, gab es nicht mehr -, in den Staat zurück, als Bluthund mit schmutzigen Händen: Was die Mike-Hammer-Ich-AG geübt hat, kann der moderne Beamte wieder gebrauchen.

Formal liegt das, zeigt die Serie, daran, daß unter bestimmten Bedingungen eine gestörte Persönlichkeit ein besserer Staatsdiener ist als eine angepaßte, ja, daß ein Irrer vielleicht der einzig nützliche Agent wird, wenn die Umwelt nicht mehr aus Personen besteht, sondern aus stetem Informationsfluß, permanenter multiperspektivischer Signalüberlastung - die Mehrfachbilder, die Synchronizitäten, die Ebenenvielfalt regieren die Lage. Wer sich nicht fortreißen lassen soll, der muß charakterfest sein, und welcher Charakter wäre fester als ein beschädigter, nicht windkanalgeeigneter, voller Macken und Narben?

Fragt sich nur, ob der Staat ihm auch vertrauen kann und ob er eine Wahl hat dabei. Der soziologisch-ökonomische Schriftsteller Albert O. Hirschman stieß bei seinen Untersuchungen zum Problem der Loyalität auf eine seltsame Form treuen Verhaltens in großen Organisationen: Je schlimmer es um den Verein steht, desto eiserner hält ein bestimmter Personentyp zum großen Ganzen, desto weniger glaubt er, es sich leisten zu können, auszubrechen, wirklich solitär zu handeln. Ex post, wenn die Organisationen dann zerbrochen sind, rechtfertigen sich mit dieser Selbstbeschreibung zwar auch Opportunisten: Es stand so schlimm, wenn ich versucht hätte, abzuhauen, hätten sie mich kaltgemacht. Das sind jene, die noch nicht einmal kurz vor der endgültigen Niederlage den Angriff auf den schlechten eigenen Heerführer wagen.

Ein aktivistischer, zwangsneurotischer Soziopath

Jack Bauer ist ein anderes Kaliber: Auch, ja gerade wenn ihn sein Staat verrät, weil es schlimmer als je steht, wenn man ihn auf jede denkbare Art hängenläßt, hält er zum System, weil er, selbst ein Chaot, wirklich glaubt, was die Mehrheit der Bürger glauben muß, damit der Staat nicht auseinanderbricht: daß es zum Bestehenden keine Alternative gibt als das rachsüchtige, blutgierige Chaos, aus dem Bauer seine Energie schöpft.

Weil er aber gleichzeitig Dezisionist ist, wo die Bürger passiv loyal sein sollen, wird er zum Doppelagenten der politischen Geschichte: Gleichzeitig die treueste Bulldogge des Bestehenden und Vorkämpfer sowie psychologischer Schauplatz der krassesten Veränderung. Das wird am deutlichsten faßbar in den finalen Enthüllungen der zweiten Staffel von "24", wenn sich herausstellt, wer eigentlich die innere Sicherheit bedroht - es soll hier nicht verraten werden, denn auch ohne diese Information sieht man Bauer an, daß er nicht irgendwelchen Autoritäten des Status quo gehorcht, sondern dessen abstrakter Idee, die er stets für sich selbst definiert, wie nur je ein Anarchist. Für Amerika würde er zur Not den Präsidenten erschießen, den er respektiert und bewundert und in dem sich doch "Amerika" recht eigentlich konkretisiert.

So ist Jack Bauer - der beste Dienstleister der inneren Sicherheit in Zeiten der gnadenlosen Privatisierung zahlreicher gesamtgesellschaftlicher Aufgaben von Gesundheitswesen bis Kommunikation: ein aktivistischer, zwangsneurotischer Soziopath, der seinen Job aus innerer Getriebenheit statt obsoletem Gemeinsinn bis zum kompletten Verschleiß von Leib und Seele durchzieht.

Die Serie "24" läuft zur Zeit in Doppelfolgen dienstags um 20.15 Uhr bei RTL 2. Die ersten beiden Folgen kamen auf eine Einschaltquote von im Schnitt 1,97 Millionen Zuschauern.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2004, Nr. 64 / Seite 37
Bildmaterial: AP

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