Indiana Jones

Gib mir die Peitsche, Indy!

Von Marco Dettweiler

20. Mai 2008 „Tätarätää tä tä tää“. Mein Gott! Wie lange musste ich auf die Fanfare der Freiheit warten. Fast 20 Jahre hast du mich im Kino alleine sitzen lassen! Jetzt bist du wieder da. Indiana Jones! Peitsche, Hut, Lederjacke und Umhängetasche: die Insignien des Abenteurers. Meine Finger legen sich um die Lehnen des Kinosessels ebenso fest wie das dünne Ende deiner Peitsche um den morschen Balken. Deine Hände lassen zum richtigen Zeitpunkt los. Meine auch. Ich will klatschen. Ich will applaudieren. Ich will dir zujubeln. Schon jetzt. Während der ersten Kampf-Szene. Yeah! Die Show ist in vollem Gange! Und ich bin als einer der ersten dabei, der „Königreich des Kristallschädels“ sehen darf.

Ach herrlich, ich mag den „Look“ der Indiana Jones-Filme immer noch. Spielberg zieht das voll durch, auch im vierten Teil. Okay, eines hat sich geändert: Indy, du bist älter geworden. Doch das macht nichts. Ich bin auch in die Jahre gekommen. Im Unterschied zu mir hast du nochmal die alten Sportsklamotten angezogen, um dich ins Abenteuer zu stürzen; die Gefahr zu riechen, die Gegner zu spüren. „Tätarätää tä tä tää.“ Das ist der Sound des Lebens: Alle aus dem Weg, jetzt komme ich! Wer so rasant lebt, darf sich ruhig als Archäologie-Professor ab und zu erholen. „Nur halbtags“ antwortest du lakonisch deinem dir bis dahin unbekannten Sohn Mutt auf die Frage „Du bist also gar kein Pauker?“

Verdammt, was antworte ich einem Sohn, wenn er mich fragt, was ich so den ganzen Tag mache? „Ich schreibe.“ Wo? „Am Schreibtisch.“ Jeden Tag? „Ja.“ Die ganze Woche? „Nein, nur fünf Tage.“ Und in der anderen Zeit? „Ein bisschen Sport.“

Mein Ex-Freund Neo

Indy, mein Freund, ich muss dir etwas gestehen. Als du mich die letzten zwei Jahrzehnte allein gelassen hast, bin ich dir untreu geworden: mit „Neo“, dem Weltverbesserer aus Matrix. Er schluckte diese rote Pille und durfte dann fliegen lernen, konnte Kugeln mit der bloßen Hand auffangen und bekam diese unglaublich hübsche, in hautenges Latex gepresste Trinity. Dann hat Neo den Fehler gemacht, auf diesen esoterischen Trip zu kommen, um die Welt nicht nur zu retten, sondern auch aufzuklären. Neo nuschelte nur noch unausgegorene philosophische Halbsätze, um danach in seiner schwarzen Kutte in die Luft zu gehen. Nach dem dritten Teil der Matrix-Trilogie kehrte ich wieder zurück in meinen Schreibtischstuhl, froh, nicht Neo sein zu müssen. Trinity war eh tot. Und Neo stieg der Ruhm zu Kopf.

Indy, ich muss dir noch etwas beichten. Damals, als ich dich mit deiner anderen Identität bei „Krieg der Sterne“ als Han Solo das erste Mal gesehen habe, habe ich dein Potential nicht erkannt. Mein Liebling war Luke Skywalker. Ich weiß, es war ein Irrtum. Alle anderen wussten schon damals, dass du viel lässiger bist. Außerdem hast du die zauberhafte Prinzessin Leia abgeschleppt. Du hast dich nicht von unglaubwürdigen Idealen leiten lassen, sondern darauf geachtet, dass die Kohle stimmt und du Spaß hast. Du warst frech, uneinsichtig und unvorsichtig. Du warst halt ein echter Mann. Aber, sorry, du hattest kein Laserschwert! Das war dein Fehler und deswegen galt meine ganze Liebe diesem jungen Jedi-Ritter. Es war das Laserschwert, wirklich nur das Laserschwert.

Nachdem das Imperium zurückgeschlagen hatte und die Jedi-Ritter eine schwere Niederlage einstecken mussten, hast du deinen Millennium Falken stehen lassen, um als akademischer Abenteurer auf der Erde gegen die Bösen zu kämpfen. Wie konnte ich solange an dieser dämlichen Heulsuse Luke festhalten? Das Laserschwert hat mich Lichtjahre von der Erkenntnis fern gehalten: Eine Peitsche ist wirklich cool. Als du sie als Leathermantool der Archäologen eingeführt hast, wollte ich auch so eine lederne Liane zum Mitnehmen haben. Zehn Jahre war ich alt, da bot mir ein Freund eine Peitsche aus Gummi an, vielleicht ein bis zwei Meter lang. Ich hatte bereits die zwei Mark bezahlt, fing mit den Übungen an, bevor meine Mutter mir sagte, dass ich so ein Quatsch nicht bräuchte. Ich musste sie wieder zurückgeben. Und von den wieder gewonnenen zwei Mark konnte ich noch nicht einmal zur Entschädigung ein zweites Mal ins Kino gehen.

Warte Indy - ich komme!

Als in der Zeit von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ mein erster Abenteuerurlaub mit Rucksack anstand, hätte ich nach Jordanien, in den Himalaya oder nach Asien in den Dschungel fliegen müssen. Mit der Ausrüstung aus Hut, Peitsche, Umhängetasche und Lederjacke hätte ich meine ersten Aufgaben meistern müssen. Keine Frage: Aus mir wäre ein Abenteurer geworden. Doch was mache ich? Noch am Plastikpeitschentrauma leidend fahre ich mit dem Interrailticket im Rucksack und Birkenstock an den Füßen in den Süden Europas. Für den Filzhut wäre es am Strand viel zu warm gewesen. Die Peitsche hätte ich nicht gebraucht, die Zöllner hätten sie mir sowieso weggenommen. Niemand wollte mich überfallen, um mir die Bundeslade, den Heiligen Gral oder einen Kristallschädel zu entreißen.

Jetzt, hier in meinem Sessel im klimatisierten Kinosaal mit T-Shirt und Jeans sitzend, den Arbeitstag noch vor mir habend, wird mir klar: Indy, ich hätte mich gegen den Willen meiner Mutter durchsetzen müssen. Die Plastikpeitsche wäre der Anfang meines Abenteuers gewesen. Gefährliche Orte habe ich feige gemieden. In all den Touristengegenden hättest auch du, Indy, gegähnt vor Langeweile. Während du dich gerade mit dieser hübschen und harten Russin im peruanischen Dschungel anlegst, bereue ich zutiefst, nicht du sein zu können. Dein Kollege Oxley bringt das Dilemma auf den Punkt: „Was vergeudet man Lebenszeit, wenn man wartet.“ Genau! Noch ist es nicht zu spät. „Tätarätää tä tä tää.“ Warte Indy - ich komme!



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Universal Pict.Int.Ger./Cinetext

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