04. Januar 2005 Familienserien im Fernsehen stehen von jeher in Wechselbeziehung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie greifen das jeweils aktuelle Familienbild auf, versuchen aber auch, ein Idealbild menschlichen Zusammenlebens zu entwerfen.
Um dieses Leben in Gemeinschaft und en famille, jeder weiß das, ist es hierzulande zur Zeit nicht sonderlich gut bestellt: Familien gibt es immer weniger. In der bevölkerungsreichsten Nation der Europäischen Union werden so wenige Kinder geboren wie sonst fast nirgends auf der Welt. Trotzdem - oder vielleicht deshalb? - treten Familien neuerdings im Fernsehen wieder häufiger in Erscheinung. Dort waren sie zuvor nur noch eine Randerscheinung gewesen. Das hat sich jedoch nicht erst mit der Super Nanny bei RTL gewandelt.
Midlife-crisis ohne Kinder
Ähnlich wie in der Politik, wo vor nicht allzu langer Zeit in Sachen Familie mit Blick auf die zuständige Ministerin von Gedöns die Rede war, wurde auch im Fernsehen, dem vielgeschmähten Zauberspiegel, der uns doch nur vor Augen hält, was die Stunde geschlagen hat, Familie kleingeschrieben. Den Ton gaben vornehmlich die Neurosen von Zeitgenossen mit vorgezogener Midlife-crisis an wie Ally McBeal, (Felix) Edel & (Sandra) Starck oder der lustigen Weiber von Sex and the City. Sie waren zwar allesamt (auch) von dem Verlangen nach Zuwachs getrieben, dieser erwies sich aber stets aufs neue als unerreichbar - schließlich war kein Mann gut genug und kein Abenteuer es wert, verpaßt zu werden. Und wenn es dann doch klappte, mit Kindersegen oder dem one and only ward die Serie bald nicht mehr gesehen.
Der Kriminalfall im Abendprogramm hat nach wie vor Konjunktur, der Tatort schlägt nach wie vor alles, sofern nicht gerade ein Trupp vergessener Pseudoprominenter in den Dschungel zieht. Am Nachmittag ist das Fernsehen in diversen Gerichts- und Pseudopsycho-Shows zum innerbetrieblichen Kriegsschauplatz geraten, auf dem sich zerstrittene Clans aufs gruseligste bekämpfen. Da steht dann ein Ben vor der Kamera, der den Nachbar Klaus beschuldigt, seine Frau Nina umgebracht zu haben, und das, obwohl er an Gedächtnisschwund leidet; oder es wird einer Anja unterstellt, ihre Tochter zwei Tage ans Bett gefesselt zu haben. Familie tritt hier ausschließlich in Form ihrer größtmöglichen Zerrüttung in Erscheinung.
Elfhundertsiebenundfünfzig Intrigen
Familienfilme und Familienserien zählen seit der ersten Sendestunde zum Inventar der deutschen Fernsehkultur, ob in Gestalt der frühen Hesselbachs aus den Aufbaujahren, der bodenständigen Drombuschs aus Darmstadt und als Trivialvariante à la Schwarzwaldklinik in den achtziger Jahren, als satirische Travestie der Keimzelle der Gesellschaft wie in Ein Herz und eine Seele mit Ekel Alfred oder als fernsehhistorisches Ereignis etwa des Jahrhundertromans von Heinrich Breloer über die Schriftstellerfamilie Mann vor zwei Jahren erst. Selbst die Ewings respektive Carringtons in den amerikanischen Serien Dallas und Denver waren mit ihren elfhundertsiebenundfünfzig Intrigen im Anfang und bis zum bitteren Ende nichts anderes als Familien, die sich liebten, vor allem aber schlugen.
Filmtheoretiker stellen gern den Gegensatz auf, daß man sich im Kino in unendliche Traumwelten verliert, während man beim häuslichen Fernsehen ganz bei sich ist, das Wohnzimmer sozusagen frei Haus ins Wohnzimmer kommt. Das gestaltet sich seit Jahr und Tag - unabhängig von Fernsehmoden - vor allem in zwei Varianten: wattigweich in den Geschichten aus dem Forsthaus Falkenau oder hyperrealistisch und mitunter aufgesetzt aufklärerisch wie in der Lindenstraße, die in nun tausend Folgen vom Niedergang des deutschen Kleinbürgertums zeugt.
Sie sind wieder da
Als hörten die Senderverantwortlichen die demographische Bombe ticken und wollten dagegen ansenden, sind sie plötzlich wieder da, die Brinkmanns, die Simons und andere. Da darf Klaus Jürgen Wussow auf seine ältesten Tage abermals im Glottertal praktizieren, da taumelt Edgar Reitz' Hermännsche in grauer Haarpracht durch die Ära der Wiedervereinigung, da hievt das ZDF mit den Albertis gar eine moderne Patchwork-Familie ins Programm, die, so der Sender, zeigt, wie das Leben ist und wie es jeder kennt - eben nicht perfekt. Und da wagt sich das ZDF auch mit den Serien Papa ist der Boss und Typisch Mann! an ein humoristisch geläutertes Männerbild, welches das schwache Geschlecht vor allem in Sachen Familientauglichkeit untersucht.
Viel mehr noch als in der Fiktion taucht die Familie neuerdings im dokumentarischen und semidokumentarischen Genre auf, jenem Bereich der Unterhaltung also, in dem Laiendarsteller Schauspielern die Arbeit abnehmen. Die sogenannten Dokusoaps haben zwar auch einige Zeit gebraucht, aber früher als andere Genres entdeckt, daß die Familie neben dem Arbeitsplatz der Ort ist, an dem das Leben Geschichten schreibt, wie sie nur den begabtesten Autoren einfallen würden.
Der wunderbare Wahnsinn
Während die nichtgeborenen Kinder Sozialpolitiker aller Parteien zu bedrohlichen Zukunftsszenarien inspirieren - und sie sich immer noch zu selten fragen, was sie tun können, um die Familie nicht zum Auslaufmodell werden zu lassen -, zeigen die öffentlich-rechtlichen wie die privaten Sender eine Dokumentation um die andere über den wunderbaren Wahnsinn im Leben von Großfamilien. RTL und RTL 2 entsenden Super-Nannys und Super-Mamas an die Familienfront, an der Eltern verzweifeln, weil sie mit ihrem Nachwuchs nicht mehr klarkommen.
In Ich tausche meine Familie schickt der Kölner Sender gleich die ganze Sippschaft zum Ortswechsel, auf daß neue Perspektiven zu höherer Erkenntnis führen oder wenigstens zu ein bißchen Spaß. Und der Hessische Rundfunk hatte zuletzt mit Abenteuer Baby eine kleine Dokumentarserie im Programm, wie wir sie nicht zum ersten Mal gesehen haben, handelnd vom Chaos, das die Lebensumkrempler im Strampelanzug verursachen.
Jede Dritte bleibt kinderlos
Die Mehrheit der Frauen zwischen neunundzwanzig und vierunddreißig wünscht sich hierzulande mindestens zwei Kinder, jede dritte Frau mit Ende Dreißig aber bleibt kinderlos. Das Interesse an Familie ist also durchaus vorhanden, nur scheinen sich die Geister an der Frage zu scheiden, ob man unbedingt selbst eine haben sollte. Oder ob sie sich mit den Dingen, die in unserer Gesellschaft vielleicht wichtiger sind, nicht vereinbaren läßt? Und - vor allem die Frauen - nicht vielleicht von vielem ausschließt, an dem diejenigen teilhaben, die wir über das Thema in Talkrunden im Fernsehen immer reden sehen?
Oder ob es mit einem veralteten Bild von Familie zusammenhängt, das sich nur verwirklichen läßt, wenn sich einer von beiden freiwillig in die Kittelschürzen-Rolle an Heim und Herd findet, die in den fünfziger Jahren selbstverständlich war, seither aber nicht mehr? Eine romantisch-verklärte Betrachtung, die sich auch nur aufrechterhalten läßt, wenn man alle wirtschaftlichen Zwänge einer Familie außer acht und Papa Investmentbanker sein läßt, schlägt sich in manchen Filmen und Serien noch immer nieder. Doch läßt sich aus einer derartigen Familie als Hort der Harmonie und Eintracht, mit Mutti in der Küche und den Kindern an ihrem Rockzipfel, während Vati im Audi A 8 die Auffahrt hochfährt, wenig dramatisches Potential schlagen. Das ist also in doppelter Hinsicht von gestern.
Lernen von Amerika
Das amerikanische Fernsehen hat bereits vor Jahren vorgemacht, wie man mit dem Familienleben als Gegenstand hervorragendes Fernsehen machen kann, mit Sinn, Unterhaltung und Verstand. Da gibt es die Serie Unsere besten Jahre, die ab und an in den Dritten wiederholt wird, oder Für alle Fälle Amy, in der drei Generationen unter einem Dach leben.
Selbst eine so morbid-bös-verquirlte Veranstaltung wie Six Feet under vermag es, den Konflikt zwischen den Generationen, die aufeinander angewiesen sind, aber häufig genug nicht einmal miteinander sprechen können, in einer Weise aufzubereiten, die zum Lachen, Weinen und immer auch zum Nachdenken ist. Demgegenüber scheint dem Genre Familienserie hierzulande allzuoft das Attribut seicht verliehen zu sein. Es ist entweder ernsthaft oder veralbernd, dabei liegt darin nicht unbedingt ein Gegensatz.
Ungeahntes Glück
Vielleicht nehmen Familien, die medialen Zuspruch, Anregung und Unterhaltung suchen, oder solche, die es werden wollen oder auch nicht, das zeitgemäße, breitere (halb-)dokumentarische Angebot deshalb so gern in Anspruch, wie der Zuspruch für die Super Nanny augenfällig macht, weil Familie da so aufscheint, wie sie ist: chaotisch, nervenaufreibend und von ungeahntem Glück. Daß das bürgerliche Selbstbildnis der Familie einen Knacks bekommen hat, darüber jedenfalls täuscht keine Fernsehwelt im Glottertal oder in Falkenau mehr hinweg.
Mal sehen, was es mit der gepriesenen Serie der verzweifelten Damen der amerikanischen Serie Desperate Housewives auf sich hat, an denen sich die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe die Rechte gesichert, aber noch nicht entschieden hat, auf welchem Kanal und wann es losgeht. So könnte uns womöglich 2005 die großangelegte familienpolitische Offensive im deutschen Fernsehen erwarten, und das nicht allein aus frommer Nächstenliebe. Denn auch dort hat man erkannt: Nur wenn wir nicht ausgestorben sind, schauen wir morgen noch fern.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2 / Seite 33
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