Pro Sieben Sat.1

Guten Tag, Schalom

Von Michael Hanfeld

Diese Schüsseln gehören nun Springer

Diese Schüsseln gehören nun Springer

05. August 2005 Es bedurfte nur der Begrüßung, um zu erkennen, was am Freitag in München geschehen ist: „Guten Tag, liebe Gäste, Schalom“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner. In wenigen Sätzen erklärte er, wie auf einen Schlag ein deutscher Medienkonzern entsteht, den die Welt so noch nicht gesehen hat.

Der Springer-Verlag übernimmt die größte deutsche Privatsendergruppe Pro Sieben Sat.1. Die Unternehmen fusionieren nicht, sie verschmelzen, die Sender schlüpfen unter das Dach von Springer. Alles wird eins. Bertelsmann, der vierfach größere Konzern, hat plötzlich einen Gegenspieler auf Augenhöhe und - gerät in Panik.

Der Springer-Chef Döpfner hat verwirklicht, wovon sein alter Gegenspieler Leo Kirch träumte. Er hat dessen Vision eines intergierten Medienunternehmens unter umgekehrten Konzernvorzeichen in die Tat umgesetzt. Nicht Leo Kirch übernahm Springer, Springer überwand die lange Ära innerer Zerstrittenheit und brachte im entscheidenden Moment Kirchs finanzielles Chaoskartenhaus zum Einsturz. Wo man Rupert Murdoch fürchtete und Haim Saban wähnte, steht nun Springer. Ein Medienhaus, das zwar den geschäftlichen Zahlen nach nicht über die Möglichkeiten von Bertelsmann verfügt, publizistisch aber schon, mit „Bild“ und „Welt“ und Pro Sieben und Sat.1. Darauf wird sich die ganze Medienwelt, nicht nur die deutsche, einstellen müssen. Und nicht nur die Wirtschaft, auch die Politik, national wie international. Guten Tag, liebe Gäste, und Schalom.

Das besondere Verhältnis zu Israel

Mathias Döpfners Begrüßung war sicherlich ein Gebot der Höflicheit den israelischen Journalisten und auch Haim Saban gegenüber. Zugleich drückt sich in ihr die Kontinuität eines politischen Glaubensbekenntnisses aus, das auf den Unternehmensgründer Axel Cäser Springer zurückgeht. Die Hinwendung zu guten transatlantischen Beziehungen und das besondere Verhältnis zu Israel steht bei Springer in den Statuten. Daß mit Haim Saban ein israelisch-amerikanischer Investor Springer nun die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 zuführt, um die man zuvor jahrelang vergebens gekämpft hatte, gibt dem medienhistorischen Ereignis eine besondere Note mehr.

Hier wächst zusammen, was tatsächlich reibungslos zusammenpaßt und in den Augen der Transaktionäre wohl zwingend zusammengehört. Die Dimension dieses Geschäfts ist unglaublich: 2,47 Milliarden Euro, nicht wie zuvor gemutmaßt 1,1 bis 1,3 Milliarden Euro, wird Springer die Übernahme der Sender kosten, das gesamte finanzielle Volumen wurde auf der Verschmelzungspressekonferenz mit 4,15 Milliarden Euro angegeben. Der Clou dabei ist, daß Haim Saban und einige seiner Finanziers zwar nun viel Geld mitnehmen und Teilhaber bei Springer werden, sich dort aber an der Mehrheit von Friede Springer ganz und gar nichts ändert.

Friede Springer behält die Mehrheit

Springer übernimmt bei Pro Sieben Sat.1 hundert Prozent der Stammaktien und bekommt 62,5 Prozent des Gesamtkapitals, im nunmehr vergrößerten Konzern hält Friede Springer aber weiterhin 55 Prozent des Kapitals und Stimmrechte über sechzig Prozent. Ihr und ihrem Vertrauten Döpfner redet also niemand ins Geschäft. Die Witwe bewahrt Springers Erbe, und doch soll der Schritt zum börsennotierten, internationalen Medienplayer gelingen. Das ist ein Kunststück, zu einem hohen Preis zwar, weil man Kredite in Höhe von rund drei Milliarden aufnehmen muß, aber ein Kunststück bleibt es.

Unbedrohlich ist es freilich nicht. Auf das bis dato hinter vorgehaltener Hand vorgetragene Klagen der Bertelsmänner muß man dabei nichts geben. Sie gefallen sich in der Rolle der omnipotenten Strippenzieher, die nicht nur über die mit Abstand profitabelste deutsche Fernsehgruppe, die RTL-Familie, gebieten. Zu ihnen gehört Gruner + Jahr, und dieses Zeitungshaus wiederum ist mit entscheidungsmächtiger Minderheit am „Spiegel“ beteiligt. Worauf der Springer-Vorstandsvorsitzende Döpfner in seiner Pressekonferenz mit Blick auf „Stern“ und „Spiegel“ auch gleich bedeutungsvoll hinwies. Nicht zu vergessen die Bertelsmann-Stiftung, die, für viele unsichtbar, in weite Bereiche der deutschen Politik und Medienlandschaft hineinwirkt, weit über die Konzerngrenzen hinaus.

Bertelsmann hat keine „Bild“

Doch Bertelsmann hat nicht die „Bild“-Zeitung und nicht die „Bild am Sonntag“, zwei von drei Medienfaktoren, auf die der Bundeskanzler beizeiten gerne setzte. Sie treiben den allgemeinen Trend zu einer Boulevardisierung voran, welche die publizistische wie die politische Landschaft in immer stärkerem Maße bestimmt. Gegen den Boulevard Politik zu machen, das scheint vielen heute fast unmöglich. Und nicht nur in der Politik ist die Frage entscheidend, ob „Bild“ für oder gegen einen ist, in der Showbranche und im Sport ist das ganz genauso. Nimmt man dies zusammen mit der unterhaltenden und damit selbstredend auch gesellschaftspolitisch wirkenden Macht der Fernsehsender, wird alles darauf ankommen, daß zwischen den publizistischen Blöcken eine „Firewall“ besteht und sich die von Döpfner für das neue Unternehmen versprochene Kontinuität nicht nur darin ausdrückt, daß im Vorstand und unter den Geschäftsführern keine Köpfe rollen.

Der vergrößerte Springer-Konzern ruft natürlich die Erinnerung an die sechziger Jahre, den Straßenkampf und jene Zeiten wach, in denen Günter Walraff bei der „Bild“-Zeitung der getarnte Redakteur Hans Esser war. Doch ist das Geschichte. Auch kommen jene Kritiker wie die Journalistengewerkschaften DJV und Verdi zu spät, die nun - wie Verdi - fordern, daß „Meinungsmacht“ in Deutschland nicht nur kartellrechtlich und durch Rundfunkstaatsverträge begrenzt werden müßten.

Gefährliche politische Kontrolle

Man wäre geneigt, dem zuzustimmen, wenn es dafür die richtige Idee gäbe. Und wenn die Kritiker auch genauso laut auf die Barrikaden gegangen wären, als Bertelsmann die RTL-Gruppe komplett übernahm, die nun - als Revanche - mit dem Gedanken spielt, sich an einer landesweiten Gratiszeitung zu beteiligen, mit der ein skandinavischer Zeitungskonzern (möglicherweise gemeinsam mit dem Holtzbrinck-Verlag) die Regionalzeitungen und vor allem Springers „Bild“ das Fürchten lehren will. Doch was, bitte, sollen „übergreifende Kriterien zur Eingrenzung von Medienmacht quer über Branchengrenzen hinweg“ sein, wie sie Verdi nun fordert? Das klingt nach eine gefährlichen politischen Kontrolle. Und was wird dann aus der SPD-Medienholdung DDVG, deren Konstruktion eine in sich seltsame, aber wenigstens noch mittelständige ist, die eines Tages ja vielleicht auch in einem größeten Medienkonzern aufgehen könnte.

Gefragt sind nun zunächst das Bundeskartellamt und die Kommission zur Entwicklung der Konzentrationskontrolle (Kek), deren Überprüfung der Springer-Verschmelzung einige Monate dauern wird. Doch hat man da bereits vorgefühlt, besonders bei den Landesmedienanstalten, welche über die Lizenzen der Privatsender wachen. Der Chef der bayerischen Landesmedienanstalt, Wolf-Dieter Ring, hat sogleich mitgeteilt, daß es aus seiner Sicht keine medienrechtlichen Bedenken gegen die Übernahme von Pro Sieben Sat.1 gebe. Die nach dem Rundfunkstaatsvertrag geltenden Grenzwerte würden „bei weitem“ nicht erreicht, sagte Ring. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sprach von einer „klaren Stärkung des Medienstandorts Deutschland und Bayern“. Es entstehe „ein starker integrierter Medienkonzern für den Print- wie für den elektronischen Markt“. Er erwarte ein langfristiges Engagement von Springer, das nicht nur Arbeitsplätze sichere, sondern auch neue schaffe. Das Geschäft ist also, wie sich leicht erkennen läßt, auch politisch-diplomatisch gut vorbereitet worden.

Saban dankt ab

Haim Saban hingegen dankt mehr oder weniger ab. Unvergessen das Pathos, mit dem er im August 2003 seinen Einstieg bei Pro Sieben Sat.1 zum Schnäppchenpreis von 525 Millionen Euro schilderte. Unvergessen auch, wie er der „New York Times“ in einem außergewöhnlichen Interview gegenüber die besondere politische Bedeutung seines Investments vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und der besonderen Beziehung dieses Landes zu Israel hervorhob. Nun, gestern in München, bedankte er sich zunächst bei seiner Frau, dann seinen Geschäftspartnern und verwies dann auf die hervorragenden Geschäftszahlen. In dem neuen Unternehmen, das Springer nun ist, wird Saban minimal investiert bleiben und den Vorsitz in einem noch zu bildenden „TV-Beirat“ übernehmen. Das dürfte seiner Bedeutung nach schon etwas ganz anderes sein als der Aufsichtsratsvorsitz, den Saban bislang bei Pro Sieben Sat.1 innehatte.

Für Springer ist der jetzige Schritt vor allem auch einer, der in die digitale Zukunft der Medien verweist. Denn verschmelzen werden nicht nur die Unternehmensteile von Springer, die verschiedenen Mediengattungen wuchern aufeinander zu. Zeitungen bekommen nicht nur Konkurrenz durch das Internet, sie wachsen hinein. Dieses wiederum verbindet sich mit dem Fernsehen; welches der beiden Medien dabei den Vorrang hat, ist noch nicht ausgemacht.

Vielhundertfache Programme

Wie gut aber werden sich die technologischen Schritte aushalten oder besser noch lenken lassen, wenn man auf allen Feldern mit eigenen Medien - Zeitungen, Zeitschriften, Sendern und im Internet - vertreten ist? Wenn im Jahr 2010 der deutsche Fernsehmarkt erst einmal komplett digitalisiert ist, wird es nicht nur darauf ankommen, wer welche Sender besitzt. Entscheidend ist, den Zugang zu ihnen mitzubestimmen, etwa über die elektronischen Programmführer, genannt EPG, die das dann vielhundertfache Programm strukturieren. Deshalb schlagen sich die Sender - hier Pro Sieben Sat.1 übrigens ganz genauso wie die RTL-Gruppe - ja auch darum so heftig mit einem Kabelanbieter wie Kabel Deutschland.

Man sollte dabei auch darauf schauen, wie weit RTL und nun Springer-Pro-Sieben-Sat.1 bereits jetzt, da wir über die Verschmelzung und die Geburt eines neuen Mediengiganten sprechen, international ausgreifen. RTL hat sich gerade in einen führenden russischen Fernsehsender eingekauft und den britischen Channel 5 komplett übernommen. Springer ist seit geraumer Zeit in ganz Osteuropa aktiv, besonders erfolgreich in Rußland und Polen, wo man aus dem Stand eine tonangebende Boulevardzeitung auf den Markt gebracht hat. Die Konzentration der Medien schreitet mit Macht und Tempo voran, das wird niemand leugnen.

Die Mitarbeiter der Fernsehsender Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1 und N 24 bekamen von ihrem Chef, Guillaume de Posch, am Freitag morgen übrigens - bevor gegen neun die Mitteilung an die Presse ging - eine E-Mail oder SMS, in der es hieß, daß niemand beunruhigt sein müsse. Es bleibe alles so schön, wie es war. Wir werden sehen.

Text: F.A.Z., 06.08.2005, Nr. 181 / Seite 41
Bildmaterial: REUTERS

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