Berliner Zeitungsmarkt

Finanzinvestor 3i kurz vor dem Kauf der „Berliner Zeitung“

Von Daniel Schäfer

Beendet ein Finanzinvestor den “Berliner Zeitungskrieg“?

Beendet ein Finanzinvestor den "Berliner Zeitungskrieg"?

12. Oktober 2005 Daß die Medienbranche wenig Berührungsängste mit Beteiligungsgesellschaften hat, zeigte schon die von Franz Müntefering angezettelte "Heuschrecken"-Debatte. Die Berichterstattung über Finanzinvestoren und deren Wirken war weitaus differenzierter als die eindimensionale Stimmungsmache aus der Politik. Doch da mußte man über die ausländischen Firmenkäufer ja auch nur berichten, als Arbeitgeber erlebte sie bisher noch kein deutscher Tageszeitungsjournalist. Das kann sich schon sehr bald ändern: Wie bereits gemeldet (F.A.Z. vom 11. Oktober), will der britische Finanzinvestor 3i die "Berliner Zeitung" kaufen.

Derzeit laufen die Verhandlungen mit dem Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag auf Hochtouren, nach Angaben aus Branchenkreisen steht eine Einigung kurz bevor. Ende dieser oder im Verlauf kommender Woche soll der "Buy-out-Deal" - so nennen Beteiligungsmanager derartige Übernahmen - verkündet werden. 3i will den kompletten Berliner Verlag kaufen, dem neben der Tageszeitung das Boulevardblatt "Berliner Kurier" und das Stadtmagazin "Tip" gehören.

150 Millionen Euro für den Berliner Verlag

Mit dem Interesse an dem heiß umkämpften Berliner Zeitungsmarkt reitet der 3i-Deutschland-Chef Stephan Krümmer sein Steckenpferd. Denn der 48 Jahre alte Finanzmanager, der im Februar an die Spitze des deutschen Zweigs der Londoner Beteiligungsgesellschaft gerückt war, gilt als treibende Kraft hinter dem geplanten Kauf. Krümmer ist ein ausgewiesener Medienexperte, hat er doch einen nicht unerheblichen Teil seiner Karriere bei Bertelsmann verbracht, davon vier Jahre als Assistent des langjährigen Vorstandschefs Marc Wössner. Krümmer war aber noch nicht an Bord von 3i, als sich die Beteiligungsgesellschaft im Frühjahr 2004 erfolglos um die kränkelnde "Frankfurter Rundschau" bemühte.

Die persönliche Affinität des Deutschland-Chefs allein kann aber nicht erklären, warum sich 3i gerade für die deutsche Tageszeitungsbranche interessiert, die zuletzt ihre schwerste Krise seit ihrem Bestehen erlitt. So wird in der Finanzbranche denn auch darüber gerätselt, wie 3i damit eine hohe Rendite erreichen kann. Ein Hebel könnte sicherlich der Kaufpreis sein. Denn 3i soll rund 150 Millionen Euro für den Berliner Verlag bezahlen - das wäre sehr viel weniger, als Holtzbrinck vor drei Jahren auf den Tisch legen mußte. Mit Kostensenkungen, Wachstum und einem generellen Aufschwung in der Branche ließe sich der Verlag in einigen Jahren zu einem höheren Preis an ein anderes Medienunternehmen verkaufen - zumal strategische Bieter in der Regel mehr bezahlen können. Soweit das Gedankenspiel.

Stets um ihren Ruf besorgt

Zur Strategie von 3i würde die Zielsetzung passen, den Verlag weiterentwickeln zu wollen. In Medienberichten geäußerte Spekulationen, 3i könnte nur als ein Zwischenerwerber dienen, der den Berliner Verlag später an einen anderen Interessenten weitergibt, gelten als extrem unwahrscheinlich. In der Vergangenheit hatten sich zwar die Essener WAZ-Gruppe, der Hamburger Bauer-Verlag und der Kölner Verleger DuMont für ein Engagement in der Hauptstadt interessiert. Doch der "Quick-Flip", also ein kurzfristiger Handel mit einem Unternehmen, passen nicht in die Kultur von 3i.

In der Vergangenheit war die Gesellschaft, die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und damit eine der ältesten ihrer Art ist, stets um ihren Ruf besorgt und hat sich dementsprechend zumeist längerfristig engagiert. Nur einmal, beim Erwerb des Schweizer Dessous-Herstellers Beldona vor sieben Jahren, gab 3i das Unternehmen schon nach sieben Monaten wieder ab - "mit großen Bauchschmerzen", wie ein ehemaliger Mitarbeiter sagt.

Wieder gut im Geschäft

Die britische Beteiligungsgesellschaft ist eine der größten in Europa. Spektakuläre Großübernahmen, die für Konkurrenten wie Permira oder BC Partners zum Alltag gehören, sind für 3i aber die Ausnahme. Die börsennotierte Gesellschaft konzentriert sich auf mittelständische Beteiligungen und erwirbt in Deutschland jedes Jahr sechs bis zehn Unternehmen. Vor einigen Jahren hat 3i durch mißlungene Übernahmen in der Technologiebranche viel Geld verloren und auch in Deutschland ihre Mitarbeiterzahl drastisch zusammengestrichen.

Nun aber ist 3i wieder gut im Geschäft. Im Mediensektor hat 3i schon viel Erfahrung, wenngleich eine Tageszeitung derzeit nicht mehr zum Portfolio gehört. Doch die europäische Medienbranche gewinnt für Beteiligungsfonds an Attraktivität; so brachte zuletzt Permira den Bezahlfernsehsender Premiere an die Börse, und Hellman & Friedman wollte im Zuge des Pro Sieben Sat.1-Kaufs die Anteile am Axel Springer-Verlag ausweiten. Unlängst ist mit Elevation Partners ein explizit auf die Medienbranche ausgerichteter amerikanischer Beteiligungs-Fonds entstanden - mit Bono, dem Frontmann der britischen Rockband U2, als Gründungspartner.

Text: F.A.Z., 12.10.2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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