
"Die einzige Wirklichkeit, für die ich mich interessiere, ist die des menschlichen Verhaltens" - Nicolas Roeg
15. August 2008 Der britische Regisseur Nicolas Roeg ist einer der großen Unterschätzten des Weltkinos. Er zielt mit seiner Kamera mitten hinein ins reine Denken, ins Unsichtbare des Intimen. An diesem Freitag feiert er seinen Achtzigsten Geburtstag. Ein Interview.
Sehen Sie Ihre früheren Filme eigentlich manchmal wieder?
Nein, die alten Dinger sind für mich nicht interessant. Es ist sehr schwer, etwas wiederzusehen, das man für sich abgeschlossen hat.
Ihr neuer Film Puffball greift einiges wieder auf, was Sie bereits in früheren Filmen gemacht haben. Nach spätestens fünf Minuten kann man sehen, dass es ein Film von Ihnen ist.
Mich erschreckt es immer, dass sich die Leute sehr schnell ihre Meinung bilden. Gerade dieser Film hat ganz schlimme Kritiken bekommen. Alle Leute fragen immer: Worum geht es? Aber meine Filme haben keine Genres. Es geht um das Leben: Glück, Hoffnung, Ehrgeiz, Gier, Magie, um alles. Und das Ende meiner Filme ist keine Botschaft. Es ist einfach ein Ende, weil jeder Film ein Ende haben muss. Man erfasst nie ganz das, was man tut. Um es mal mit der Malerei zu vergleichen: Man ist entweder zu nahe am Bild dran oder zu weit weg. Ich finde auch keinen meiner Filme perfekt.
Gibt es einen Ihrer Filme, der für Sie am nächsten dran ist an der Perfektion?
Das ist eine verflixte Frage, eine Falle! Am perfektesten ist immer der letzte Film.
Viele Ihrer Filme scheinen von der Natur und unserem Verhältnis zu ihr zu handeln.
Das stimmt absolut. Aber ich bin natürlich kein Naturalist. Die reine Wirklichkeit hat mich nie interessiert. Eher schon bin ich ein Supernaturalist. Die einzige Wirklichkeit, für die ich mich interessiere, ist die des menschlichen Verhaltens. Der Mensch und die menschliche Natur sind außerordentlich. Oft verhalten sich die Menschen in meinen Filmen ungewohnt, unnormal in den Augen der Anderen. Aber ich verstehe eigentlich immer alles, was die Figuren tun. Ich mag diesen Satz: Nimm das Vertraute und mach es unvertraut (take the familiar and make it strange) - ich weiß nicht, wer das gesagt hat. Wir leben unser Leben so. Plötzlich erwachen wir in der Mitte der Nacht und haben Angst. Alles, was wir kennen, ist fremd. Um solche Erfahrungen geht es mir. Das Leben selbst ist übernatürlich. Aufregend. Es gibt kein größeres Drama als dies.
Immer wieder begegnet man in Ihren Filmen Szenen, die man für Tagträume halten kann, für Phantasien. Wie würden Sie das nennen?
Das ist die Schönheit des Filmemachens, die das Kino vom Theater, von der Malerei, sogar von der Literatur unterscheidet: Plotline und Storyline, das was heute alle so wichtig nehmen, sind völlig unwichtig für das Gelingen und die Ausdruckskraft eines Films. Die Bilder ändern alles. Auf der Leinwand kann man Dinge sehen und in Bilder verwandeln, die tiefer gehen, ins Unbewusste, die selbst fürs eigene Bewusstsein unsichtbar sind. Ich hasse es übrigens, wenn man das dann als Flashback oder Flashforward beschreibt. Das ist einfach das, was im Leben dauernd passiert. Das Leben funktioniert anders, die inneren Dinge und Erlebnisse sind das Entscheidende. Das Kino kann sie sichtbar machen. Es ist ein phantastisches wunderbares Medium.
Wie schaffen Sie es, dass trotz Ihres Desinteresses an Realismus Ihre Darsteller so natürlich, ungezwungen, so glaubhaft wirken?
Ich rede mit Schauspielern nie gern darüber, wie sie etwas spielen sollen. Ich bin nie in einen Proberaum gegangen. Das funktioniert für mich nicht, denn Drehen ist lebendig, da redet der Tonmann dazwischen, es stehen viele Leute herum. Das ist etwas anderes. Ich sage gar nicht viel, sondern ich lasse sie aufeinander und auf die Situation reagieren. Großartige Schauspielerei im Kino ist etwas ganz anderes als auf dem Theater. Acting is reacting. Das Schönste beim Regieführen ist für mich, wenn mich Schauspieler überraschen, wenn sie der Figur, dem Text, der Szene etwas hinzufügen, woran ich zuvor nie gedacht hatte. Das Drehbuch ist kein Dogma, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses. Und es hilft den Produzenten. Es gibt natürlich diesen Satz: Kill your darlings. Aber das ist sehr, sehr schwierig. Ich habe darum auch selten allein Drehbücher geschrieben. Ich habe immer gedacht, dass es nicht so sehr um Worte geht wie darum, die Essenz von etwas zu finden. Dabei helfen mir die Schauspieler unter Umständen. Ich stehle mich gern vom Set davon, Manchmal bin ich gar nicht da.
Und die Zärtlichkeit Ihrer Liebesszenen?
Ich konstruiere nichts. Es kommt auf die Haltung an. Sex und Liebe sind sehr nett, wenn sie zusammenkommen, aber es gibt beides auch ohne das andere. Liebe ist intellektuell, Sex körperlich. Die körperlichen Liebesszenen müssen ganz anders sein als der Rest. Primitiver. Intimität ist etwas ganz anderes, das hat mit Nacktheit nichts zu tun. Die berühmte Liebesszene in Wenn die Gondeln Trauer tragen . . . ist vielleicht überschätzt. Es geht um ein verheiratetes Paar, ich wollte damals auch ein Stück Gewohnheit und Vertrautheit in Bilder fassen.
Woran merken Sie, wenn etwas nicht gelungen ist?
Das spürt man einfach. Erfahrung und Gefühl. Alles ist Teil der Arbeit. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich nicht ein Jockey bin und jeder Film ein Rennen. Bei Interviews mit Jockeys hört man immer wieder, dass das Pferd das Rennen gewonnen hat, der Jockey hat es nur reiten lassen. Das sind die besten Jockeys: die das Pferd gehen lassen.
Drehen Sie viel Material für den Schneideraum?
Sehr viel. Ich brauche gar nicht so viele Aufnahmen einer Szene, aber ich liebe es, mit der Kamera herumzugucken, dies und das einzufangen. Auch hier nach Gefühl. Aber ich weiß erst später, was ich wirklich brauche. Es gibt Momente, die man einfach liebt. Das können auch Fehler sein. Oft entstehen die schönsten Dinge aus Fehlern, weil es etwa plötzlich regnet. Gott liebt keine Menschen, die ohne Fehler sind. Film ist nicht beherrscht von Dialogen, sondern von Bildern.
Viele Ihrer Geschichten haben Frauen als Hauptfiguren und sind aus weiblicher Perspektive erzählt. Puffball etwa stammt von der Schriftstellerin Fay Weldon.
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind sehr grundsätzlich, gerade darum haben mich die inneren Gefühle einer Frau immer interessiert. Ich erzähle trotzdem als Mann. Die Grundregel menschlichen Verhaltens lautet: Unser Benehmen ist nur ein Gerüst für unser wahres Selbst. Wir müssen die Gesellschaft irgendwie am Laufen halten, darum verhalten wir uns so, wie es von uns erwartet wird. Aber unser wahrer Charakter wird hinter solchem Verhalten versteckt. Frauen haben es, glaube ich, etwas leichter, die Stimme ihres Inneren zu hören. Aber sie ist auch ihnen in erster Linie verborgen. Es ist eine der ältesten Fragen: Was denkst du gerade, Darling? - Oh! Ertappt. Die meisten Dinge, die wir wirklich denken, bleiben ein Geheimnis. Es ist natürlich der Traum des Filmemachers, diese Momente zu erfassen, zum Ausdruck zu bringen. Denken Sie an Buñuels Belle de Jour.
Einer meiner besten Freunde war der Psychoanalytiker R.D. Laing. Bis er einen meiner Filme sah. Später hat er mir sein Erschrecken erklärt: Die Leute wollen nicht sehen, wenn ihr Intimes aufbricht. Ich sehe das anders. Es hat eine Auswirkung auf Menschen, wenn sie nicht an der Oberfläche kratzen, nicht versuchen, ihr Intimes zu teilen.
Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar