22. Januar 2004 So etwas hat selbst der europäische Kulturkanal Arte noch nie erlebt: Daß prominente Intellektuelle für ein Fernsehprogramm auf die Barrikaden gehen, ist in der Republik des Geistes ein Novum. In der Zeitung "Libération" haben sie einen Aufruf veröffentlicht. Er gilt dem Spartensender "Histoire" (Geschichte), der im Kabel und in Satellitenangeboten ein kümmerliches Dasein fristet, aber in der Tat ein hochstehendes Programm ausstrahlt. Es besteht aus Dokumentationen und Diskussion. Auf "Histoire" wurden die historischen Prozesse gegen Barbie und Papon gezeigt.
Unterschrieben haben den Aufruf der Philosoph Jacques Derrida und der Historiker Jacques Le Goff, Elisabeth Badinter wie Claude Lanzmann sowie einige weitere Intellektuelle. Sie fürchten, daß "Histoire" in seiner jetzigen Verbreitung kaum Überlebenschancen hat, weil es den privaten Betreibern nur ums Geld gehe. Sie fordern für den Sender einen Platz im digitalen terrestrischen Fernsehen. Das digitale terrestrische Fernsehen ist in Frankreich deshalb wichtig, weil es Kabelfernsehen nur in den Ballungszentren gibt und sich nur zwei Satellitenangebote (Canal+ und TPS) die Zuschauer streitig machen. In weiten Gebieten empfangen viele Franzosen nach wie vor sechs oder weniger Programme. Die französische Télécom wird jetzt ein Angebot von 33 Sendern zusammenstellen. "Histoire", schreiben Derrida & Co., leiste einen wichtigen Beitrag zur Demokratie und Debattenkultur und sei von erzieherischem Wert. Die Intellektuellen appellieren an Chirac, der für die "exception culturelle" und eine pluralistische Weltsicht kämpfe und gegen die "Hegemonie" der amerikanischen Programme, im Namen der Republik: "Wir müssen den Sender retten."
Möglicherweise ist es dafür schon zu spät. Offenbar sind die Einschaltquoten tatsächlich so gering, daß die Betreiber an ein Ende denken mögen, konkrete Anzeichen dafür gibt es noch nicht. Doch stehen die Aussichten auf eine landesweite Ausstrahlung schlecht. Während "Libération" den offenen Brief veröffentlichte, brachte die gut informierte Wirtschaftszeitung "Les Echos" die Meldung, daß die Entscheidung über die Auswahl der Sender im digitalen Fernsehen gefallen sei. Nicht "Histoire", sondern "Festival" werde von allen und ohne Aufpreis dereinst digital zu empfangen sein. "Festival" hat mehr Zuschauer und ein breiteres thematisches Spektrum. Und noch einen anderen Vorteil: Zu seinen Aktionären gehört France Télécom selbst, die das Angebot zusammenstellt. "Histoire" hingegen ist ein reiner Privatsender. Offiziell gibt man sich bei France Télécom bedeckt: Noch sei nichts entschieden, in ein paar Tagen werde man die Auswahl bekanntgeben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2004, Nr. 19 / Seite 36