Hollywood

Schauspielerstreit um Stauffenberg

Von Andreas Kilb

Thomas Kretschmann in “Immortal“ (2004)

Thomas Kretschmann in "Immortal" (2004)

03. April 2007 Es gibt nicht viele deutsche Schauspieler, denen es gelingt, sich in Hollywood eine ständige Existenz aufzubauen. Thomas Kretschmann hat es geschafft. Seit elf Jahren lebt er in Los Angeles, inzwischen mit Frau und drei Kindern, und seit seinem Auftritt als Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld in Roman Polanskis Oscar-Gewinnerfilm „Der Pianist“ ist er für die Casting-Agenten der Studios eine feste Größe.

Die Ironie dieses Erfolgs liegt darin, dass Kretschmann ihn mit einer jener Uniformrollen errungen hat, auf die er, wie er sagt, keinesfalls festgelegt werden will und denen er doch seinen beruflichen Aufstieg verdankt. Als junger Leutnant Hans von Witzfeld in Joseph Vilsmaiers Kriegsdrama „Stalingrad“ wurde er einem breiten Publikum in Deutschland bekannt, als U-Boot-Kommandant in „U-571“ gab er nach mehreren Fernsehrollen sein Debüt im amerikanischen Kino. Auch in französischen („Die Bartholomäusnacht“) und italienischen Filmen („Das Stendhal-Syndrom“) hat Kretschmann mitgewirkt; in „Blade II“ spielte er einen Vampir, in der Papstbiographie „Fürchtet euch nicht“ den jungen Johannes Paul II und in „Rohtenburg“ einen kannibalistischen Mörder. Aber bleibenden Eindruck in der Branche hinterließ er immer nur mit Schulterstreifen und Ritterkreuz. Der dekadente Deserteur Fegelein, den Kretschmann in Oliver Hirschbiegels „Untergang“ gibt, ist beinahe so etwas wie ein Kommentar zu diesem Dilemma. Man spürt förmlich, wieviel Spaß er dabei hat, die Karikatur eines Kriegshelden zu verkörpern.

Ungleiches Duell

Eine Oscar-Nominierung fehlt Kretschmann noch zu seinem Glück. Mit der Rolle des Hitler-Attentäters Stauffenberg in dem Projekt „Valkyrie“ („Walküre“), das der Drehbuchautor Chris McQuarrie zusammen mit dem Regisseur Bryan Singer entwickelt hat, hätte er dafür gute Chancen gehabt. Doch nun hat ihm Tom Cruise, dessen Studio United Artists den Film produziert, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Cruise will Stauffenberg selbst spielen (siehe: Kommentar: Tom Cruise spielt Stauffenberg), und Kretschmann fühlt sich brüskiert. Die Rolle sei für ihn geschrieben worden, erklärt er, und wenn er sich den Amerikaner in deutscher Uniform mit Augenklappe vorstelle, finde er das „eher lächerlich“.

Es ist klar, wie dieses ungleiche Duell ausgehen wird. Im Zweiten Weltkrieg beklagten sich die deutschen Emigranten in Hollywood bitter über die Nazi-Rollen, die sie in Filmen wie „Casablanca“ spielen mussten. Für die Generation der Urenkel hat sich seither nicht viel geändert. Neu ist nur, dass sich auch die Stars der Traumfabrik gern in die feldgraue Uniform werfen, wenn es ihrer Karriere hilft. Falls Tom Cruise im nächsten Jahr aber mit „Valkyrie“ Erfolg hat, könnte Thomas Kretschmann doch noch zum Zuge kommen. Denn dann beginnt die Welle der Nachahmerfilme und Stauffenberg-Kopien. Und als Kopie ist ein deutscher Schauspieler den Studios allemal gut genug.

Text: F.A.Z., 03.04.2007, Nr. 79 / Seite 38
Bildmaterial: CINETEXT, Constantin/Cinetext, ddp, dpa, Kinowelt/Cinetext, Senator/Cinetext, Tobis/Cinetext, UIP/Cinetext

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