Nastassja Kinski

Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Von Andreas Kilb

Starruhm für zehn Jahre: Nastassja Kinski

Starruhm für zehn Jahre: Nastassja Kinski

16. Mai 2006 Wenn man wissen will, was aus der Schauspielerin Nastassja Kinski geworden ist, muß man die DVD-Anbieter konsultieren. Denn seit Michael Winterbottoms Goldgräberwestern „The Claim“ (2000) ist kein Film mit ihr mehr in die Kinos gekommen - wenn man von Sharon von Wietersheims im gleichen Jahr entstandener unsäglicher Ferienhauskomödie „Time Share“ absieht, in der Kinski den Ex-Bond-Darsteller Timothy Dalton bezirzen muß, was ihr ebensowenig glaubhaft gelingt wie der Regisseurin Wietersheim die Imitation eines amerikanischen Mainstreamfilms.

Was Nastassja Kinski für das europäische Kino einmal bedeutet hat, konnte man zuletzt vielleicht vor dreizehn Jahren an ihrem Auftritt als Erzengel Raphaela bei Wim Wenders sehen. „In weiter Ferne, so nah!“ hieß der Film, und das galt besonders für Kinski, die in ihrer ätherischen Entrücktheit so eins mit sich wirkte wie lange nicht mehr. Die Szene, in der sie über den sterbenden Heinz Rühmann wacht, hätte man sich ausschneiden und rahmen mögen: Schöner kann der Tod im Kino nicht aussehen.

Man bedauert sie und das Kino

Seither hat Nastassja Kinski Film um Film gedreht - Fernsehproduktionen wie „All around the Town“ nach Mary Higgins Clark und „Les Liaisons Dangereuses“ nach Choderlos de Laclos, aber auch Kinoprojekte wie das Gangsterdrama „Say Nothing“ (mit William Baldwin) und den französischen Klonthriller „A ton image“ (mit Christopher Lambert). Zwei dieser Filme, das Gauguin-Biopic „Paradies“, in dem Kinski die dänische Ehefrau des Malers spielt, und der Campus-Krimi „Red Letters“, in dem sie als entsprungener Sträfling bei einem Literaturprofessor (Peter Coyote) Zuflucht findet, sind im Februar bei Universal beziehungsweise Koch Media erschienen. Wenn man „Paradies“ und „Red Letters“ sieht, weiß man kaum, wen man mehr bedauern soll: die Schauspielerin oder das Kino, dem sie mit solchen Belanglosigkeiten verlorengeht.

Denn wo der Gauguin-Film wenigstens noch im Glanz der (in Australien aufgenommenen) Südseekulisse badet, geht in „Red Letters“ unter der Regie eines gewissen Bradley Battersby alles schief, was vor und hinter der Kamera überhaupt schiefgehen kann: das Drehbuch, die Besetzung, die Einstellungen, die Dialoge, der Anfang, der Schluß. Peter Coyote mit seinem angegammelten Schwerenötertum ist schon lange keine Versuchung für stramme Collegemädels mehr, und Nastassja Kinski nimmt man die verurteilte Mörderin in Sträflingskluft einfach nicht ab; ihr fehlt die Härte, die Michelle Pfeiffer in „Weißer Oleander“ hatte, in einer ähnlichen, aber ungleich stärkeren Rolle. Seinen Tiefpunkt erreicht der Film, als Kinski sich mit ihrem Ex-Mann (der von Udo Kier gespielt wird) duelliert, während die Kamera draußen vor dem Fenster auf den Ausgang wartet, wie ein Wachhund, der Angst vor Pistolengeknalle hat.

Allzu ungebrochene Lieblichkeit

Auch in Roman Polanskis „Tess“ (im vergangenen Jahr bei Tobis erschienen) spielt Nastassja Kinski eine Mörderin, und auch bei Polanski wirkt sie dabei nicht ganz überzeugend, auch wenn der Film für ihre Auftritte einen ungleich prächtigeren Rahmen bietet. Als „Tess“ 1979 in die Kinos kam, wurde Polanski als Kunsthandwerker geschmäht, der seinen Kubrick nicht gründlich genug studiert habe, und tatsächlich ist der Film, nach einem 1891 erschienenen Roman von Thomas Hardy, nicht so konsequent durchästhetisiert wie „Barry Lyndon“. Aber gerade diese Inkonsequenz wirkt heute sympathisch, weil sie den Horizont der Geschichte nicht zumauert, sondern Seitenblicke auf die horrenden Widersprüche der Frühindustrialisierung zuläßt, das Nebeneinander von Standesdünkel und Profitstreben, von Dampfmaschinen und romantischer Schwärmerei.

Nicht Polanskis handwerkliche Routine erscheint jetzt als Schwachpunkt des Films, sondern Nastassja Kinskis allzu ungebrochene Lieblichkeit. Als Tess am Morgen nach ihrer Hochzeit von ihrem Ehemann, dem sie die „Schande“ ihrer verlorenen Unschuld gebeichtet hat, verstoßen wird, fehlt Kinskis Spiel das Bittere, das zu der Figur gehört, sie ist nur Opfer, Spielball, gefallenes Mädchen, wie es die viktorianische Konvention erheischte, gegen die Hardys Sittenroman geschrieben war. Auf dem Erntewagen, zwischen den Heuballen, ist sie keine Schnitterin von Millet oder van Gogh, sondern ein Stadtfräulein, das sich ins Landleben verlaufen hat. Man sieht, wie sie sich müht, verhärmt zu wirken, und das ist vielleicht das Schlimmste. Den Vanillegeruch, der all ihren Figuren vor „Tess“ anhaftet, schüttelt sie nicht ab.

Jungmädchenzauber im Wohnzimmer

Direkt vor Polanskis Film, drei Jahre nach ihrer Entdeckung in Wenders' „Falsche Bewegung“ und ein Jahr nach Wolfgang Petersens „Tatort“-Krimi „Reifezeugnis“, der ihren Jungmädchenzauber in alle Wohnzimmer brachte, dreht Nastassja Kinski in Italien mit Alberto Lattuada „Cosi come sei“ („Bleib, wie du bist“). Wer verstehen will, warum die Karriere der schönsten deutschen Schauspielerin nach Romy Schneider am Ende gescheitert ist, muß diesen Film sehen.

„Cosi come sei“ (den das Porno- und Splatterlabel VZ HandelsGmbH mit reißerischem Coverbild herausgebracht hat) ist eine Altherrenphantasie über die Kinder von Achtundsechzig, mit Marcello Mastroianni als römischem Architekten in der Midlife-crisis und Kinski als Florentiner Studentin, die seine Tochter sein könnte, aber es Gott sei Dank nicht ist. Am Anfang entsteigt die süße Nastassja dem dichten Grün eines Medici-Parks wie eine Vision von Botticelli und Versace, dann haucht sie dem lebensmüden Marcello etwas von freier Liebe und wildem Leben vor, und schließlich zieht sie den Schuldgefühlsbeladenen in ihr Bett.

Der Schlüssel zum Mißerfolg

Die völlige Entkleidung seines Lustobjekts hebt sich der Film bis zum Ende auf, aber dann leistet sich Lattuada eine besondere Extravaganz, indem er Mastroiannis Biß in Kinskis Pobacke in Großaufnahme wiederholt, damit jeder den Abdruck der Zähne sehen kann. Daß Nastassja Kinski solchen Rollen und solchen Filmen nicht widerstehen konnte, ist vermutlich der Schlüssel zu ihrem Mißerfolg, der Grund dafür, daß ihr der Starruhm, den sie zehn Jahre lang (bis „Paris, Texas“ und „Maria's Lovers“) genossen hat, nicht geblieben ist.

In diesen zehn Jahren der Unsterblichkeit drehte „Nasti“, wie sie damals bei der Klatschpresse hieß, nach „Tess“ noch einen zweiten Kostümfilm, Peter Schamonis „Frühlingssinfonie“, mit dem jugendlichen Herbert Grönemeyer (damals gerade berühmt geworden durch Petersens „Boot“) als Robert Schumann. Nastassja Kinski ist Clara, geborene Wieck, Roberts große Liebe, und mit ihrer Hochzeit, mit dem gewonnenen Prozeß des Liebespaars gegen den Vater der Braut, endet der Film. Er beginnt damit, daß der blutjunge Schumann beim alten Wieck als Klavierschüler anfängt, und in seiner Wandlung vom Schüler und Ziehsohn zum Meister und Liebenden liegt die ganze innere Entwicklung der Geschichte. Rolf Hoppe ist Friedrich Wieck, und Nastassja Kinski gibt einmal mehr das Reh, die Dulderin, das Vaterkind. Aber etwas kommt hinzu.

Und das ist die Musik. Nirgends, in keinem ihrer Filme, ist sie so von ihr umflossen wie hier, wo ihr ganzes Wesen aus Tönen zu bestehen scheint. Natürlich sind es Schumanns Etüden, Sonaten und Klavierkonzerte, die sie spielt, aber es ist, als klänge das alles aus ihr selbst heraus, aus den Bewegungen ihres Körpers, den Linien ihres Gesichts. Wenn jede wirklich wichtige Schauspielerin einen Idealtypus verkörpert, dann ist Nastassja Kinski das Gesicht der deutschen Romantik. Oder besser: Sie war es, einen Film lang. Seither ist sie ein Versprechen, das langsam erlischt.

Text: F.A.Z., 16.05.2006, Nr. 113 / Seite 44
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, UIP/Cinetext

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Mit Timothy Dalton in “Time Share“Jungmädchenzauber: Mit Christian Quadflieg im “Tatort. Reifezeugnis“ (1976)1985 in “Revolution“1982 in “Einer mit Herz“Der Film, der ihre Karriere ruinierte: “Cosi come sei“ (1978) mit Marcello MastroianniIn “The Lost Son“ (1999)Mit Malcolm McDowell in “Katzenmenschen“Mit Charlie Sheen in “Tödliche Geschwindigkeit“ (1994)Nastassja Kinski im Jahr 2003 Umflossen von der Musik: Als Clara Wieck in “Frühlingssinfonie“ (1983)1981: Kurzhaarschnitt in “Katzenmenschen“1979 in “Tess“Mit Michel Piccoli in “Krank vor Liebe“1983 in “Bitte nicht heute nacht“In “One Night Stand“ mit Wesley Snipes (1997)In “Frühlingssinfonie“ spielte sie gemeinsam mit Herbert GrönemeyerMit Warren Beatty in “Stadt, Land, Kuß“ (2001)