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Beherrschte Herrscherin: „Die Queen“

Von Andreas Kilb

Große Ausnahme: Die Königin (Helen Mirren) weint

Große Ausnahme: Die Königin (Helen Mirren) weint

11. Januar 2007 Als wir die Königin zum ersten Mal sehen, sitzt sie beim Hofmaler. Ein Staatsgemälde entsteht, während vor dem Palast die Macht im Staate wechselt. Es ist der 1. Mai 1997, der Tag der britischen Unterhauswahlen. „Haben Sie schon gewählt?“, fragt die Monarchin. „Ich beneide Sie darum - die reine Freude, einmal parteiisch sein zu dürfen.“ - „Sie dürfen zwar nicht wählen, Ma'am“, antwortet der Maler, „aber es ist Ihre Regierung.“

Und es ist ihr Film. Zur Bestätigung dreht sie den Kopf in die Kamera, starr, ohne Lächeln, wie für ein Passfoto. Tatsächlich, sie ist es: die Königin. Die Schauspielerin Helen Mirren. Elizabeth II. und ihr Double. In diesem Augenblick verschmelzen beide zu einer einzigen Figur: der Queen. Das ist der Trick dieses Films, und er funktioniert so gut, dass man ihn nicht oft genug sehen kann, hundert Minuten lang.

Der komische Höhepunkt des Films

Stephen Frears' „Die Queen“ malt das Privatporträt eines Mythos. Die englische Königin, achtzig Jahre alt, seit mehr als einem halben Jahrhundert im Amt, ist das Symbol ihres Landes, der Inbegriff der Monarchie, aber sie ist auch eine Frau mit Familie, Großmutter, Mutter, dazu Gattin eines Hagestolzes, der sie „cabbage“ nennt, „Kohlkopf“. Beides sieht man, im Film wie im Leben, in ihrem Gesicht: Ersteres als staatstragende Miene der Ungerührtheit; Letzteres als Anstrengung, sie zu wahren. Im Kino, versteht sich, muss diese Fassade erschüttert werden, sonst wäre es keine Story, nur ein Histörchen. Der Film von Frears, geschrieben von Peter Morgan, bietet zu diesem Zweck die beiden mächtigsten Widersacher der Königin auf. Der erste erklimmt am Morgen nach der Wahl die Stufen zum Audienzsaal im Buckingham-Palast. Es ist Tony Blair.

Blair (Michael Sheen) ist gekommen, um von der Königin den Auftrag zur Regierungsbildung zu empfangen. Die Szene, in der sie ihn zum Premierminister macht, ist der komische Höhepunkt des Films. Nach kurzem Smalltalk über Blairs Kinder kommt die Queen zur Sache: „Haben wir Ihnen schon gezeigt, wie Sie einen Atomkrieg beginnen, Mr. Blair?“ Als der verwirrte Wahlsieger auf die Knie fällt und um die Früchte seines Erfolges bittet, erinnert ihn die Monarchin daran, dass sie es ist, die ihn zu fragen hat. „Sie sind bereits mein zehnter Premierminister, der erste war Winston Churchill.“ Vor der Saaltür sitzt Cherie Blair (Helen McCrory) und scharrt mit den Hufen. Der verwatschelte Hofknicks, den sie vorführt, als sie endlich eintreten darf, setzt der Realsatire die Krone auf.

Abstieg ins Fegefeuer

Denn eine Satire ist dieser Film - und ein Psychodrama, ein Familienporträt, eine Liebes- und Hasserklärung zugleich. Er ist dies alles auf einmal, weil er nicht den Fehler macht, die Zeitgeschichte nachzuerzählen. Er gestaltet sie, er macht sich seinen eigenen Reim darauf. Nur ein paar Sekunden, gefüllt mit Fernsehbildern aus dem Sommer 1997, braucht er für den großen Sprung von Blairs Wahlsieg bis zum 29. August desselben Jahres, dem Tag, an dem die härteste Konkurrentin der Queen endgültig zum Mythos wird. Es ist Diana Spencer, genannt Lady Di, und sie wird an jenem Tag unsterblich, indem sie stirbt. Die Queen empfängt die Todesnachricht im Nachtgewand auf ihrem schottischen Landsitz Balmoral. Es dauert eine ganze Woche, bis sie aufwacht, bis sie begreift, was geschehen ist. Von dieser Woche und von dem, was sie in England auslöst, handelt „Die Queen“.

Bis zur Nachricht von Dianas Unfalltod hat Helen Mirren mit ihrer Rolle verhältnismäßig leichtes Spiel. Sie kopiert die Haltung, die Gesten, die Tonlage Elizabeths, aber ihre Figur wird nicht geprüft. Jetzt erst, mit dem allmählich anwachsenden Aufruhr um Dianas Tod, kommt Mirrens großer Auftritt, die Sternstunde einer Schauspielerin. Denn nach dem Prolog im Himmel der Selbstsicherheit muss sie jetzt den Abstieg ins Fegefeuer einer königlichen Identitätskrise bewältigen, und diesen Weg geht Helen Mirren mit einer Souveränität, die einem die Sprache verschlägt.

Die Königin schluchzt

Es ist, als erlebte man in Zeitlupe den Zusammenbruch eines Gesichts: Erst kommen haarfeine Risse, dann öffnen sich tiefe Spalten, schließlich stürzt der ganze Bau in sich zusammen. Nur dass der Zusammenbruch in „Die Queen“ im letzten Moment abgewendet wird. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als wollte die Monarchin tatsächlich weinen, als sie die Gruß- und Trauerkarten vor dem Buckingham-Palast liest, auf denen das Königshaus geschmäht und für den Tod Dianas verantwortlich gemacht wird. Aber dann glättet sich ihr Gesicht. Ein kleines Mädchen überreicht ihr einen Blumenstrauß. Selbst ihre Freude über das Geschenk ist durch königlichen Stolz gedämpft. So furchtbar hat sie sich im Griff.

Einmal aber weint sie doch in „Die Queen“. Es ist noch in Balmoral, vor der durch die Medien und den Premier erzwungenen Rückkehr nach London, auf einer Autofahrt durch die Jagdgründe, in denen der verknöcherte Prinz Philip (James Cromwell) die jungen Prinzen Harry und William durch Pirsch- und Schießübungen vom Tod ihrer Mutter ablenken will. In einer steinigen Furt bricht der Landrover, den Elizabeth selbst lenkt, zusammen. Sie steigt aus, flucht, öffnet ihr Hermès-Kopftuch, holt ihr Mobiltelefon und ruft einen Fahrer. Danach ist es still. Die Königin wendet sich ab und beginnt leise zu schluchzen. Man sieht nur ihren Rücken, der sich hebt und senkt.

Familie ist überall

Als sie sich umdreht, erblickt sie am Ufer den Hirsch, den die königlichen Jäger seit Tagen verfolgen. Es ist ein großes, majestätisches Tier, kraftvoll und ruhig. Der Hirsch fixiert Elizabeth, und über ihre starre Miene zieht eine Wolke des Glücks. „Wie schön du bist.“ Dann hört man Gewehrknallen von fern. Die Queen wedelt mit der Hand: „Lauf weg!“ Es ist, als hätte sie sich selbst gesehen in verzauberter Gestalt, von Häschern gejagt, geschützt nur durch den eigenen Instinkt.

Um solcher Augenblicke willen muss man diesen Film lieben - und wegen der kleinen Arabesken am Rand, die das Geschehen zugleich auflockern und ironisch kommentieren. Zu ihnen gehört die Szene, in der Prinz Charles (Roger Allam), ein Hasenfuß von Graden, durch das Knattern eines Motorrads aufgeschreckt wird, als er die von London nach Balmoral gebrachten Lady-Di-Trauerblumensträuße besichtigt. Kurz zuvor hat es geheißen, Charles habe Angst, von aufgebrachten Antiroyalisten erschossen zu werden. Der Gesichtsausdruck, mit dem er sein Entsetzen erst zeigt, dann zu bemänteln sucht, ist unbezahlbar. Oder das Ehepaar Blair abends vor dem Fernseher: Er futtert Nudeln, sie liest Akten; sie stänkert gegen die Königin, er verteidigt sie. Da geht Cherie Blair aufs Ganze: „Das hat doch hoffentlich nichts mit deiner Mutter zu tun? Die wäre jetzt genauso alt wie die Queen.“ Familie, man sieht es, ist überall.

Der Hofmaler kann einpacken

Wir wissen, was Ende August und Anfang September 1997 geschah, wir haben die Fernsehbilder gesehen, die Blumen vor dem Buckingham-Palast, die weinende Menge, die Schlagzeilen, in denen die Königsfamilie aufgefordert wurde, in den Chor der Trauer um Lady Di einzustimmen - und doch wissen wir es nicht. Wir kennen die mediale Außenseite der Ereignisse, aber dieser Film zeigt die Innenansicht, das Drama hinter den Bildern, nicht als Tatsachenbericht, sondern als freie historische Phantasie. Er zeigt es als Zweikampf zwischen einer toten „Königin der Herzen“ und der wirklichen Monarchin, als Duell der Bilder und der Haltungen, als Showdown zwischen Moderne und Tradition. Wie alle großen Zweikämpfe bleibt auch dieser ohne Sieger. Die Queen verrät am Ende ihre Prinzipien, aber sie rettet ihren Thron. Und Tony Blair, unser Stellvertreter im Bild, steht dabei und staunt. Was passiert ist, kann auch ihm passieren. „Und das wird es, Mr. Blair.“

Es ist das Vorrecht des Kinos, solche Geschichten zu erzählen, weil es weder ins Serienformat noch ins Fernsehfeuilleton ausweichen kann, sondern an eine Form gebunden ist, die zum Erzählen zwingt. Und es ist das Vorrecht der großen Regisseure, diese Form zum Blühen zu bringen. Stephen Frears hat sich mit „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Gefährliche Liebschaften“ und „Liam“ als ein Meister des Kinos gezeigt, und mit „Die Queen“ bestätigt er diesen Ruf. Der Hofmaler kann seinen Pinsel einpacken. Das Bild der Königin ist schon gemalt.

Text: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite 31
Bildmaterial: AFP, AP, Cinetext/Omega, dpa, REUTERS

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