Interview mit Josef Bierbichler

Das Publikum ist mir relativ Wurscht

08. Dezember 2006 Gerade ist er im Kino als Manisch-Depressiver in „Winterreise“ zu bestaunen. Im Theater sieht man ihn in den Münchner Kammerspielen und der Berliner Schaubühne. Mit der F.A.Z. sprach Josef Bierbichler über die Scham, vor eine Kamera oder auf die Bühne zu treten.

Ihre Wirtschaft „Zum Fischmeister“ in Ambach am Starnberger See ist an Wochenenden fast so etwas wie ein Treffpunkt der Münchner Schickeria. Wie finden Sie das?

Das kenne ich eigentlich weniger. Von den Leuten, die ich da draußen kenne, tut eigentlich niemand so.

Man hat aber den Eindruck, daß Sie die Aufmerksamkeit womöglich genießen - auf Ihre Art.

Hören Sie, ich sitze da hinterm Eingang in dem Eck, weil es natürlich mittlerweile Leute gibt, die schauen, und das ist nicht das, was ich suche. Darum verstecke ich mich da in dem Kasten hinterm Windfang. Aber ich sitze sehr gerne da unten, das ist eine praktische Einrichtung, ich muß selber nie kochen. Ich bin da aus ganz pragmatischen Gründen.

Gehen Ihnen die Leute nie auf die Nerven?

Sollen wir nicht lieber über den Film reden. . . Die waren viel interessierter, als Achternbusch dort gelebt hat. Die haben immer nach ihm Ausschau gehalten. Und vielleicht meinen die ja immer noch, er sei das. Dann sagen sie, da hockt er, und meinen, ich wäre der Achternbusch.

Warum ist Achternbusch dem Kino so total abhanden gekommen? Eigentlich dem kulturellen Leben überhaupt?

Das weiß ich nicht. Vielleicht würde ich es auch verschweigen, aber ich habe nichts zu verschweigen, weil ich es nicht weiß. Ich habe das letzte Mal vor zwei Jahren mit ihm geredet, seither haben wir uns nicht mehr kontaktiert. Er ist verschwunden, weil er für Filme kein Geld mehr kriegt. Wenn er Geld hätte, heißt es, würde er gern wieder einen Film machen. Aber das habe ich nur gehört.

Früher gab es aber offenbar genug Stellen, die den Eindruck hatten, es lohne sich, ihm Geld für Filme zu geben.

Er hatte ja nie viel Geld. Was anderes wäre es gewesen, wenn er den Bundesfilmpreis bekommen hätte, dann hätten wir nicht immer nur Wurstsemmeln gekriegt. Reden Sie halt mit ihm. Ich bin ja durch Filme wie diesen ohnehin gefragt, aber vom Herbert will überhaupt keiner mehr etwas hören.

Hat sich das Klima für Künstler wie ihn vielleicht geändert?

Mainstream im herkömmlichen Sinn war er ja nie, aber in seiner abgelegenen Furche war er gefragt und ist immer wieder gesehen worden. Das muß mit der Kulturrezeption insgesamt zu tun haben, daß der Außenseiter nicht mehr interessant ist. Oder daß man aus ihm nichts Erfolgreiches schneidern kann. Ich mach gerade ein Stück mit dem Norweger Feldbakken, der zu beschreiben versucht, wie auch die Subkultur von der Industrie aufgesaugt wird. Und das ist mit dem Achternbusch offenbar nie passiert, außer bei dem Spruch: Du hast keine Chance, nutze sie. Das hätte er sich mal patentieren lassen müssen.

Woran liegt es, daß eine Figur wie er nicht wenigstens im Theater eine Heimat gefunden hat?

Das war eigentlich seine Berechnung. Er hat immer so Sprüche gemacht, die Theaterstücke schreibe er nur für die Altersversorgung. Hat nicht hingehauen. Ich finde es aber auch völlig daneben, wie die Theater reagiert haben. Nach dem enormen Meisterwerk „Der Untergang“ hat er sofort mit einem Stück reagiert, das hieß „Der Weltmeister“, da kommt der Hitler durchgehend vor und es spielt bei seiner Oma im Wohnzimmer. Das haben einige gelesen und waren auch angetan, aber am Ende traute sich keiner hin.

Was bringt denn die Filmarbeit, wenn man am Theater sein Auskommen hat?

Mehr Geld. Schon beim Theater verdient man gut, aber beim Film ist es schamlos viel Geld. Wir lernen am Tag sechs oder acht Sätze, und die sagen wir auf, und wenn man talentiert ist, macht das nicht viel Arbeit. Da kann man sich leicht den Lebensunterhalt verdienen.

Und künstlerisch? Gibt es vor der Kamera etwas zu lernen fürs Theater?

Eher umgekehrt. Ich will jetzt nicht voreilig sein, aber wenn etwas auffällig geworden wäre, würde ich es schon sagen. Darum sage ich jetzt erst mal Nein. Umgekehrt sehr wohl natürlich. Das betraf nur die erste Erfahrung beim Film. Wenn man beim Theater die ersten Versuche macht, das sind die von mir meist gefürchteten. Beim Theater sind dann nur zwei, drei Leute dabei, beim Film ein ganzes Team, die ganze Maschine. Das war mir am Anfang immer peinlich, daß so viele Leute zuschauen beim ersten Versuch, der dann meistens auch der ist, der dann genommen wird. Jetzt ist mir das auch wurst, ich schäme mich nicht mehr. Vor dreißig Jahren habe ich da Hemmungen gehabt, das habe ich jetzt nicht mehr. Das heißt ja nicht, daß ich ohne Scham bin. Die Scham kommt erst, wenn etwas vorgeführt wird und ich den Auftritt habe mit dem fertigen Stück. Da fühle ich immer noch Scham, weil mir das immer noch blöd vorkommt. Da muß ich ein Bier trinken oder einen Schnaps, damit die Hemmschwelle weggewischt wird. Aber nicht weil ich Angst habe, sondern Scham.

Und woher rührt die Scham? Die Furcht, die Leute könnten für irrelevant halten, was Ihnen wichtig ist?

Das wäre ja schon wieder ideologisch. Ich finde es einfach komisch, daß ich auf die Bühne gehe mit einer Verkleidung und irgendwelche verabredeten Sachen sage.

Warum tun Sie sich das dann überhaupt an?

Ja, das ist eine gute Frage.

Wollten Sie der Scham trotzen, indem Sie Schauspieler wurden?

Ich habe beschlossen, diesen Schritt zu machen, weil es damals absolut konsequent war, ein Raus aus der Anonymität und in ein Wahrgenommenwerden hinein. Und es ist ja nicht so, daß ich es nicht zwischendrin gerne machen würde. Ab der zehnten, fünfzehnten Aufführung gibt es günstige Zeitpunkte, wo ein Moment entsteht, der wirklich organisch ist, und wo es quasi von selber spielt, wo nichts mehr hergestellt wird. Nicht, daß ich geistig abgetreten wäre in der fremden Figur - ich bin nie in der Figur -, aber das Künstliche geht dann vollkommen von selber, und das ist toll. Da kann man sich selber zuschauen mit einem Wohlgefühl, weil man sieht, etwas passiert jetzt mit einer großen Leichtigkeit und Stimmigkeit. Trotzdem kommt mir das nach wie vor seltsam vor, daß ich das mache - das meine ich auch nicht kokett. Ich mache es ja auch immer weniger und sträube mich immer mehr.

Ist das beim Film nicht auch seltsam?

Doch, aber da ist es schneller vorbei. Dieser Prozeß geht zumindest bei meiner Arbeitsweise nicht auf dieselbe Weise durch den Körper oder die Psyche oder die Gefühlswelt durch, daß die Frage sich stellen würde, komme ich mir blöd vor oder nicht? Das ist viel mechanischer. Die technische Seite ist so massiv, das der Vergleich mit dem Theater überhaupt nicht möglich ist.

Und auch der Blick des Filmregisseurs ist nicht so stark, daß er das Publikum ersetzt und das Technische überlagert?

Das mit dem Publikum im Theater ist für mich auch nicht so. Zumindest schon lang nicht mehr. Das Publikum ist mir ehrlich gesagt relativ Wurscht. Ich habe keine Angst davor und auch kein Lampenfieber. Wenn die mitatmen und ich spüre, das entspricht jetzt dem, was ich auslösen wollte, dann ist es eine relativ angenehme Erfahrung, aber wenn ein Gegenatem entsteht, ist mir das eigentlich auch egal. Der Atem des Publikums, das klingt hocharrogant, aber den brauch ich nicht. Natürlich ist es unmöglich in einem leeren Theater zu spielen, das würde ich dann auch nicht machen. Das Atmosphärische spielt auf diese Weise dann schon eine Rolle, aber der ist anders als der Blick des Regisseurs oder Teams beim Film. Ich würde sie aber nicht miteinander vergleichen. Wenn die Arbeit fertig ist, dann versuche ich es bei der Aufführung auch immer wieder so zu bedienen, wie ich glaube, daß es richtig ist und wie es sich ja auch immer wieder weiter entwickelt. Da passieren natürlich auch Momente, die besser sind, als sie vorher waren und in der Wiederholung auch nicht mehr erreicht werden kann.

Diese Unabhängigkeit vom Publikum macht ja vielleicht auch ihre ganz eigene Kraft aus, weil das Publikum sich ja oft gerade zu den Schauspielern hingezogen fühlt, die am wenigsten darauf angewiesen sind. Ist das eine Haltung, die sie mit anderen Schauspielern teilen?

Naja, beim Applaus sieht man ja, daß viele des Applauses bedürfen. Auch der Applaus ist mir peinlich, daß man dann fünf-, sechsmal rausgeht, das ist mir unangenehm. Das hat es zu Kaisers Zeiten nicht gegeben, und danach würde ich mich zurücksehnen. In New York haben wir mal bei einer Eisler-Veranstaltung im Lincoln Center vor ausverkauftem Haus gespielt, da ist das Publikum hinterher aufgestanden, hat zwei Minuten stehend geklatscht und ist gegangen - das hat mir gefallen. Aber hier ziehen sie ihre inszenierten Appläuse durch, zwanzig Minuten lang, und putschen das Publikum noch mal hoch beim Applaus, weil das angeblich der Erfolg wäre. Das ist doch absurd.

Die Fragen stellte Michael Althen.



Text: F.A.Z., 08.12.2006, Nr. 286 / Seite 46
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Haeselich, dpa, X Verleih/Cinetext

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche