Von Andreas Platthaus
26. Februar 2008 Dass Marion Cotillard den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewonnen hat, war keine große Überraschung. Erst zwei Tage zuvor hatte sie für ihre Rolle als Edith Piaf in La Môme“ den französischen Filmpreis César“ erhalten und vor diesem für denselben Auftritt auch schon den britischen Filmpreis, den Golden Globe, und diverse weitere amerikanische Kritikerpreise.
Besonders jenseits des Atlantiks liebt man die 1975 geborene Pariserin, weil sie in dem gnadenlosen Gefühlskitsch, den Olivier Dahan mit seinem Piaf-Biopic inszeniert hat, alle Klischees einer Französin erfüllt, wenn sie sich als leidenschaftlich Liebende von der Gosse in den Salon vorkämpft. Die letzte Landsfrau, die Hollywood für etwas Ähnliches mit dem Oscar belohnt hatte, war Simone Signoret, die die Trophäe 1960 für ihre Hauptrolle in dem amerikanischen Film Der Weg nach oben“ gewann.
Hinter dem Frauen-Idealbild verbarg sich eine große Schauspielerin
Oscars für Schauspieler in nichtenglischsprachigen Filmen sind ungewöhnlich; der bislang letzte war 1999 Roberto Benigni für La vita è bella“. Auch damit belohnte man eine Tour de Force, und wie Marion Cotillard die Rolle der Piaf vom Mädchen bis zur alten Frau verkörpert, das ist allemal preiswürdig, und die Tatsache, gegen welche Konkurrenz sie sich damit durchgesetzt hat (darunter Julie Christie und Cate Blanchett), sollte ihr die Tore nach Hollywood weit aufstoßen.
Immerhin hat Marion Cotillard dort schon unter Tim Burton und Ridley Scott gedreht, aber das war vor ihrer Piaf-Rolle, als man sie nur als europäische Schönheit besetzte, wie man sie in der von Luc Besson produzierten Taxi“-Trilogie kennengelernt hatte. Um zu entdecken, dass sich hinter dem Frauen-Idealbild eine große Schauspielerin verbarg, musste es erst Dahans Rührstück geben.
Ein glaubwürdigerer Ausdruck von schierem Glück ist nicht vorstellbar
Aus ihm ragt Marion Cotillard himmelweit heraus. Wie sie Qual und Manie des Singens bei der Piaf darstellt, das ist mitreißend; wie sie den Niedergang der gefeierten Chansonnière spielt, das ist jenseits aller Kunststücke der Maskenbildner eine Verfallsstudie, die sich aus winzigen Variationen der Mimik speist – und zwar nicht der plakativ-riesigen Augen, die die Schauspielerin der Piaf leiht, sondern vor allem des Mundes. Was für ein ergriffenes Lachen gewinnt sich die Cotillard ab, als ihre Edith Piaf im Film von Marlene Dietrich begrüßt wird – ein glaubwürdigerer Ausdruck von schierem Glück ist nicht vorstellbar. Und ganz nebenbei musste sie sich als Piaf auch noch zwanzig Zentimeter kleiner spielen, als sie im wahren Leben ist.
Ihren ersten César hatte sie schon 2005 gewonnen: für die Nebenrolle einer Prostituierten in Jean-Pierre Jeunets Mathilde“. Doch erst der Doppelschlag dieses Wochenendes hat Marion Cotillard zum französischen Weltstar gemacht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: 20th Century Fox/Cinetext, AFP, Alamode/Cinetext, AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/Mona Filz, Constantin/Cinetext, dpa, REUTERS, Warner Bros./Cinetext
