Porträt einer Lady

Wer hat Angst vor Nicole Kidman?

Von Andreas Kilb

Hochgetürmtes Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin

Hochgetürmtes Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin

20. Juni 2007 Tatsächlich, sie war es. Wir hatten im „Sunset 5“ im Kino gesessen und waren eher zufällig in die Gegend um den Rodeo Drive geraten, die an diesem Januarabend so leer war, wie wir sie noch nie erlebt hatten. Nur vor der erleuchteten Fensterfront eines Edeljuweliers gab es Licht und Betrieb, Limousinen fuhren vor, ein Diener nahm Gäste in Empfang; offenbar eine Neueröffnung, eine Vernissage der Diamantenbranche. Halb Hollywood war da.

Jack Nicholson stieg aus einem Wagen, neben ihm ging Shirley MacLaine, und dann schwebte, nein: glitt, nein: schillerte sie geschmeidig an uns vorüber, mit hochgetürmtem Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin, blass, nobel, in einem Tunikakleid, das der Nachtkühle spottete, und so maßvoll geschminkt, wie es sich gerade noch ziemt, wenn man ein Hollywoodstar ist.

Es war das vorletzte Jahr vor der Trennung von Tom Cruise, aber Cruise war nicht mitgekommen, an seiner Stelle hing eine kleinere Brünette an ihrem Arm, die unentwegt auf sie einplapperte, eine Art Anstandsdame, vielleicht aber auch bloß ein Mädchen, das die berühmte Freundin dazu benutzen wollte, andere berühmte Leute kennenzulernen, um selbst berühmt zu werden. Wir schauten den beiden nach, bis sich die Menge hinter ihnen schloss, dann liefen wir im Januarwind den Rodeo Drive hinunter zum Wilshire Boulevard, berauscht von der Flüchtigkeit des Anblicks und bestürzt von seiner Banalität. Bevor wir den Moment richtig begriffen hatten, war er schon Erinnerung geworden, irreal und phantastisch wie jede Begegnung mit jenen Wesen, die wir Stars nennen, „Sterne“, weil eine eingefleischte Scheu uns davon abhält, den alten heidnischen Plural „Götter“ zu gebrauchen.

Your Highness

Sollen wir sie jetzt Nicole nennen, wie es David Thomson in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Kidman-Buch auf teils rührend besorgte, teils kaltschnäuzig anbiedernde Weise tut? Nein, denn das hieße ja, auf die einstudierten Auftritte als lustige Person und arbeitendes Mädchen hereinzufallen, mit denen sie in den Talkshows des amerikanischen Fernsehens und auch bei vielen Interviewern immer wieder Punkte macht. Doch es hilft nichts, Nicole Kidman ist, anders als ihre große Gegenspielerin Julia Roberts, kein netter Kumpel, auch wenn sie gern lacht und vielleicht auch gerne Kuchen bäckt und Zigaretten raucht wie Marlene Dietrich, mit der sie außer einer gewissen Vorliebe für Zucht und Ordnung im Haus auch einen rasenden, nie zu stillenden Perfektionsdrang gemeinsam hat. „Mrs. Kidman“ wäre, wenn es nicht so hoffnungslos europäisch klänge, eine passendere Anrede für sie, und wenn sie sich auch nicht wie ihre Vorgängerin (in Stil und Haltung) Grace Kelly einen regierenden Fürsten, sondern nur einen Country-Musiker geschnappt hat, müsste man doch in Gedanken jene Anrede dazusetzen, mit der seit Ewigkeiten die Größenverhältnisse zwischen Star und Publikum klargestellt werden: Your Highness. Was hätte Hitchcock aus ihr gemacht!

Nun wird sie vierzig. Das war im klassischen Hollywood das Alter, in dem die Karriere zu Ende ging, wenn sie nicht vorher schon beim Sprung vom Stumm- zum Tonfilm abgestürzt war, aber schon damals gab es Ausnahmen, Bette Davis etwa, die in „All about Eve“ aus ihrer Not eine Tugend machte, oder wiederum Marlene Dietrich, die sich in ihren Wechseljahren als Revolverbraut und Truppenbetreuerin ein zweites Mal erfand. Nicole Kidman aber muss sich mit vierzig nicht neu erfinden, schließlich hat sie schon in „The Hours“, also mit fünfunddreißig, eine Endfünfzigerin und gleich darauf, in „Cold Mountain“, eine Fünfundzwanzigjährige gespielt, und so wird sie auch in fünf Jahren noch jüngere oder ältere Frauen spielen, innerhalb eines Figurenspektrums, das sich ganz allmählich in höhere Altersklassen verschiebt. David Thomson, dessen ganzes Buch sich in stiller Sorge um die verblühende Schönheit seiner Heldin verzehrt, kann beruhigt sein: Bis zu den Müttern und Großmüttern, bis zu Susan Sarandon und Meryl Streep ist es für Kidman noch weit.

Kein Sexsymbol

Ein altes Missverständnis, das auch Thomsons Buch nun wieder nährt, liegt in der Behauptung, Nicole Kidman sei seit ihrer Entdeckung in „Todesstille“ und mindestens bis „The Hours“ ein Sexsymbol gewesen. Kaum ein Begriff ist weniger geeignet, Kidmans Wirkung zu beschreiben. Wie es einem Sexsymbol jenseits der vierzig ergeht, kann man an Sharon Stone studieren, die allen „Basic Instinct“-Remakes und Charity-Galas zum Trotz im Kino keine Rolle mehr spielt. Kidman dagegen hat das Sexuelle von Anfang an immer nur als Mittel zum Zweck, sprich: als Möglichkeit genutzt, sich auf der Liste der Schauspielerinnen, auf die es wirklich ankommt, ein Stück weit nach oben zu schieben.

Mit „Billy Bathgate“, dem Film, der Thomson vom „rötlichen Schamhaar“ seiner Nicole schwärmen lässt, ist ihr das zwar noch ebenso wenig gelungen wie zwei Jahre später mit „Malice“, aber in Gus Van Sants „To Die For“, 1995, hat sie ihre Lektion gelernt. Sie spielt das Blondchen, für sich, für uns, für ihren Film-Ehemann Matt Dillon, und man sieht, wie sie es genießt; aber sie ist es nicht, sie ist nicht Suzanne Stone. Und das ist in Hollywood, wo die Blondinen häufiger gewechselt werden als die Bettbezüge, der entscheidende Unterschied. Sie bringt Matt Dillon um und kommt damit davon, indem sie ihre Unterwäsche und ihr Haar vorzeigt - und ihre Nase, über die sich David Thomson leider gar keine Gedanken gemacht hat; dabei wäre sie ein eigenes Buchkapitel wert.

Der Gang, die Stimme, das Gesicht

Diese Nase! Sie ist ihr größtes Kapital und ihre schlimmste Hypothek. Sie sitzt in ihrem Gesicht wie ein Edelstein in der Fassung, aber sie gibt ihm zugleich etwas Puppiges, allzu Hübsches, das selbst in ihren besten Rollen, bei Jane Campion, Stanley Kubrick und Lars von Trier, nie ganz verschwindet. Außer in „The Hours“. Als der Film ins Kino kam, wurde die Nasenprothese, die sich Kidman für ihren Auftritt als Virginia Woolf hatte machen lassen, von vielen als halbherziger Versuch verstanden, dem Bild der Schriftstellerin zu gleichen. Dabei ging es um etwas ganz anderes. Es ging darum, das Kidman-Gesicht zum Verschwinden zu bringen. Man muss sich das vorstellen: Ein Hollywoodstar, der pro Film fünfzehn Millionen Dollar bekommt, der manche Projekte überhaupt erst finanzierbar macht, löscht sein Gesicht auf der Leinwand aus. Aber es kommt noch besser, denn Kidman, die gerade erst in „Moulin Rouge“ mit altmodischer Inbrunst den Liebestod gesungen und getanzt hat, bringt auch ihre Stimme zum Verstummen. Sie spricht mit einem Organ, das den Schattenstimmen der Höllenbewohner in Dantes „Inferno“ gleicht, nur dass die Hölle hier ein südenglisches Landhaus im Frühling ist.

Wie nur die ganz großen Schauspielerinnen, wie Bette Davis, Ingrid Bergman oder ihr oft zitiertes Vorbild Katharine Hepburn, schafft es Kidman in diesem Film, das ganze Schicksal ihrer Figur in ihrem Körper zu spiegeln. Der Gang, die Stimme, das Gesicht, sie zeigen von Anfang an, worauf die Geschichte hinaus will, und jeder Glücksmoment ist nur ein Aufschub auf dem Weg zum Unvermeidlichen, zum Tod.

Vielleicht muss man, um zu erklären, was es mit Nicole Kidman auf sich hat, noch einmal nach Europa schauen, in das einzige Kinoland außerhalb Amerikas, das wirkliche Stars hervorgebracht hat, nach Frankreich. Da gibt es den Typus Romy Schneider und den Typus Isabelle Huppert: zwei Antipoden. Beide verlassen sich, wie alle Schauspielerinnen, auf ihren Instinkt, aber die eine ist ihm ausgeliefert, die andere beherrscht ihn. Huppert könnte nie eine Hure mit goldenem Herzen spielen, wie sie Romy Schneider in Sautets „Das Mädchen und der Kommissar“ gegeben hat, und Romy nie eine kaltblütige Mörderin, wie Huppert sie für Chabrol verkörpert hat. Romy Schneider hatte ein Schicksal, Isabelle Huppert hat ein Berufsleben.

Herrin der Masken

Wenn wir also, mit einigen Einschränkungen, Julia Roberts zur amerikanischen Romy Schneider und Nicole Kidman zur amerikanischen Huppert erklären, fragt sich natürlich, wo Tom Cruise in diesem Tableau bleibt. Er ist darin der Störenfried. Cruise hat Kidmans Karriere sechs Jahre lang aufgehalten, und als sie endlich zusammen einen Film machten, in dem ihre Rollen gleichwertig waren, zeigte sich sofort, wer in dieser Ehe oben lag. In Kubricks „Eyes Wide Shut“ spielt Kidman mit Cruise wie die Katze mit der Maus. Der lange Dialog, in dem sie ihm vorhält, dass Männer von den Sehnsüchten der Frauen nichts verstünden, ist auch deshalb so niederschmetternd, weil Tom neben Nicole wie ein dummer Junge aussieht. Kubrick wollte ein Schauspieler-Ehepaar, das ein Leinwand-Ehepaar verkörpert. Er bekam eine Diva und einen Amateur. Die Trennung der beiden, so zynisch das klingt, war nach „Eyes Wide Shut“ nur eine Frage der Zeit. Manchmal ist das Kino tatsächlich ein Mittel der Wahrheitsfindung.

Kubricks Film enthält auch jene Szene, die vielleicht am besten ausdrückt, worin das Wesen der Schauspielerin Nicole Kidman besteht. Da liegt Alice Harford in ihrem Ehebett und schläft, und neben ihr auf dem Kissen ruht die Maske, die ihr Mann von seinen nächtlichen Abenteuern mitgebracht hat. Kidmans Puppengesicht ist entspannt und friedlich, aber ihre Körperhaltung verrät, dass sie die Maske, das Symbol der Andersheit, in Besitz genommen und sich anverwandelt hat. Sie war Nicole, aber von nun an wird sie Mrs. Kidman sein.

„Eyes Wide Shut“ war vermutlich Tom Cruise' letzter Versuch, auf der Leinwand mehr zu sein als Tom Cruise. Für Nicole Kidman aber ist es, zwei Jahre nach Campions „Portrait of a Lady“, der Beginn eines einzigartigen Aufstiegs, bei dem sie mit jeder Rolle weiter über sich hinausgeht: „Moulin Rouge“, „The Others“, „The Hours“, „Dogville“, „Der menschliche Makel“, schließlich „Birth“. Zuletzt, bei Jonathan Glazer, spielt sie nur noch mit ihrem Gesicht, in das die Kamera hineinblickt, als wäre es die Glaskugel eines Wahrsagers. Kein Geschrei, kein Kokettieren, keine nackte Haut, nur diese unerschütterliche Sicherheit, alles ausdrücken zu können, was es auszudrücken gibt.

Am kommenden Mittwoch wird Nicole Kidman, geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Sydney, zu den Sternen aufgestiegen in Hollywood, vierzig Jahre alt: So viel steht fest. Was wir nicht wissen, ist, hinter welchen Masken dieses Gesicht noch erscheinen, in welchen Verkleidungen es sich verbergen, durch welche Verwandlungen es sich vollenden wird. Wir werden es erleben.

David Thomson: „Nicole Kidman“. Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Bloomsbury-Berlin-Verlag, Berlin 2007, 351 Seiten, Abb., 19,90 Euro



Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS, RTL II

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