27. Oktober 2008 Grace Jones, die im Mai dieses Jahres sechzig geworden ist, aber keine Nacht älter aussieht als vierzig, sitzt in einem Restaurant an der Londoner Themse und schiebt mit einer Gabel frittierte Tintenfischringe auf einem Teller vor sich hin und her. Sie trägt einen gehäkelten, grauen Dreispitz auf dem Kopf, der auch Napoleon sehr gut gefallen hätte und der ihre Haare vollkommen versteckt. Sie hat volle Lippen, volle Wangen, ein volles Kinn und kleine Augen, die ein wenig traurig aussehen, vielleicht aber einfach nur ungeschminkt. Ihre Fingernägel sind schwarz lackiert, an ein paar Stellen ist der Lack abgegangen, es sieht nicht wie Absicht aus, eher wie Nachlässigkeit. Sie trinkt Weißwein. Es ist 18 Uhr, wir sind die einzigen Gäste. Schummerlicht.
Der Anlass unseres Treffens: ein neues Album. Ihr letztes hat sie vor zwanzig Jahren herausgebracht. Was hat sie die ganze Zeit über gemacht?
Gelebt. In ein paar Filmen mitgespielt, Musik für Filme gemacht, an einer Dokumentation über mein Leben mitgearbeitet. Ich hab' auch zwei Alben aufgenommen, aber ich war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hatte die künstlerische Kontrolle, deshalb habe ich sie nicht herausgebracht.
Haben Sie früher so viel verdient, dass Sie zwanzig Jahre lang davon leben konnten?
Ich hatte auch drei, vier Auftritte pro Woche.
Wo?
Auf Privatpartys. Bei Louis Vuitton in Japan, bei Cartier in Paris . . . Ich bin auch in Clubs aufgetreten, aber das lief immer unter der Hand. Ohne Presse. Meine Fans mussten mich finden. Ich würde mich lieber in Luft auflösen, als eine Celebrity zu sein.
In den achtziger Jahren stilisierte sich die Jamaikanerin, die vorher Model gewesen war und auch schauspielerte, als Sängerin zur Kunstfigur. In Zusammenarbeit mit dem französischen Stylisten und Fotografen Jean-Paul Goude erschuf sie von sich das Bild einer singenden Amazone, der zuzutrauen war, dass sie zum Frühstück Männer aß. Ihr Körper war glänzender, biegsamer, muskulöser als der anderer Frauen; die Haare trug sie zu einer Frisur, auf der ein Hubschrauber hätte landen können; und hätte es geheißen, sie sei drei Meter groß, es wäre zumindest nicht ausgeschlossen gewesen. Eine Über-Frau: Citroën ließ in einem Werbespot seinen CX Turbo aus ihrem metallisch verstärkten Unterkiefer fahren; in A View to a Kill kämpfte sie auf dem Eiffelturm gegen James Bond; im wahren Leben war sie mit der Muskelmaschine Dolph Lundgren zusammen.
So stark war dieses Bild, dass sich darüber fast vergessen ließ, dass ihre Musik richtig gut war. Stücke wie Pull up to the Bumper, Slave to the Rhythm oder I've Seen that Face Before (Libertango) klingen heute noch neu. Dagegen klingt das neue Album leider schon jetzt fast alt. Es ist das typische Album von jemandem, der lange weg war und seine Richtung verloren hat und noch nicht richtig weiß, wohin es jetzt geht. Es klingt wie eine Erinnerung an etwas, das aber schon mal besser war. Es gibt sanfte Balladen, düster Elektronisches mit Kollaborateuren wie Tricky oder Brian Eno und Unentschiedenes. Egal. Trotzdem schön, dass sie wieder da ist.
Das Interview hat mit nur zehn Minuten Verspätung begonnen, was deshalb erwähnenswert ist, weil die Plattenfirma mich vorgewarnt hatte, ich solle mich auf eine Wartezeit einstellen, Grace Jones stehe erst um 14 Uhr nachmittags auf, und dann könne es dauern, bis sie fertig zurechtgemacht und zur Stelle sei. Ich erinnere mich, in den vergangenen Jahren einmal irgendwo gelesen zu haben, dass Grace Jones bei einer Veranstaltung entweder von einem Stuhl oder von einer Bühne fiel. Und es ist erst wenige Tage her, dass eine Journalistin vom englischen Observer von Grace Jones nach ihrem Interview, das mit vielen Gläsern Wein in einem Restaurant endete, auf den Mund geküsst wurde, sie ihr an den Busen fasste und nach ihrer Nummer fragte. Bei unserem Treffen wirkt Grace Jones sehr normal. Sie spricht leise und wirkt eher ruhig. Erst später, als wir fertig sind und sie feststellt, dass sie an diesem Abend noch die Danksagungen für ihr Album machen muss, lässt sich eine andere Seite kurz erahnen. Da rollt sie mit den Augen und streckt theatralisch die Zunge heraus und sagt immer wieder, dass sie da jetzt keine Lust drauf hat. Ich kann mir doch keine Namen merken, sagt sie und streckt wieder die Zunge heraus, dann sagt sie es noch mal und noch mal, wird lauter dabei und wirkt auf einmal wie ein Kind, das gerade schlechte Laune kriegt.
Grace Jones wurde als ältestes Mädchen von sechs Geschwistern in eine sehr christliche Familie hineingeboren. Ihr Vater war Bischof, ihr Stiefgroßvater auch, dreimal die Woche Kirche war Pflicht. Sie sei ein Jungsmädchen gewesen, sagt sie, enger mit ihren Brüdern als mit den jüngeren Schwestern. Wenn die Eltern im Gottesdienst waren und ihre Brüder heimlich zu Hause fernsahen, saß sie vor dem Haus auf einem Baum, hielt Wache und pfiff, wenn sie die Erwachsenen zurückkommen sah. Ich war der Beschützer meiner Brüder, sagt sie, das war meine Rolle. Ich wollte unbedingt zu ihnen gehören.
Als sie siebzehn war, zog die Familie nach Syracuse, New York. In der neuen Highschool galt Grace als schwierig, sie sei socially sick, bescheinigten ihr Mitschüler im Jahrbuch. Ich war einfach anders als die anderen, sagt sie. Ich hatte keine Freunde, war am liebsten allein. Ich war voyeuristisch, habe alles immer nur vom Rande aus beobachtet. Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, dann trat sie der Theatergruppe bei und änderte ihren Plan. Sie schrieb sich für Schauspiel an der Syracuse University ein, zog dann bald nach New York, wo sie mit Anfang zwanzig als Model entdeckt wurde. Sie schaffte es auf die Titelseite der Vogue, in Paris teilte sie sich eine Wohnung mit Jerry Hall und Jessica Lange.
Hat sie sich als Schwarze damals in der Modewelt als Außenseiterin gefühlt?
Nein, sagt sie. Wenn man als Schwarze in Jamaika aufwächst, entwickelt man ein anderes Selbstbewusstsein, als wenn man in den Vereinigten Staaten groß wird. Ich war ja immer Teil der Mehrheit. Das Bewusstsein, als Schwarze etwas Besonderes zu sein, habe ich nicht.
Irgendwann rasierte sie sich die Augenbrauen ab und eine Glatze und schied damit als seriöses Model aus. Dafür begann sich die New Yorker Clubszene für die extravagante Jamaikanerin zu interessieren, die nachts in Männeranzügen, Stöckelschuhen und mit dramatischem Make-up um die Häuser zog. Andy Warhol fotografierte sie und ging mit ihr aus, Keith Haring bemalte ihren nackten Körper. 1977 nahm sie ihre erste Platte auf, es folgten im Jahresrhythmus weitere, wobei sich der Stil von Disco über New Wave zu einem dunklen Pop entwickelte, dem jamaikanische Rhythmen federnde Leichtigkeit verliehen und ihre Auftritte theatralischen Glanz.
Schnell war sie über die Grenzen des Studios 54 bekannt, diese Person, die die Geschlechtergrenze in sich aufzulösen schien mit ihrer Mischung aus Kraft und Eleganz. Sie betrat eine Bühne nicht, sie eroberte sie. Nebenbei hatte sie einen Stimmumfang von zweieinhalb Oktaven. Diskokugeln verblassten neben dieser Frau.
Ist sie wirklich so furchtlos und stark, wie sie wirkt?
Ich bin eigentlich ein sehr privater Mensch, sagt sie. Es kostet mich Anstrengung, auf die Bühne zu gehen. Es ist jedes Mal wieder eine Überwindung.
Wie hat man sich das vorzustellen - Sie stehen hinter der Bühne und atmen tief durch, und dann nehmen Sie die Schultern zurück und sind: Grace Jones?
Genau so.
Sind Sie in Wahrheit ein ängstlicher Mensch?
Ja. Ich brauche immer sehr lange, meine Wohnung zu verlassen. Man weiß nie, was einen draußen erwartet. Manchmal bleibe ich einen ganzen Monat lang zu Hause. Ich gehe dann keinmal vor die Tür. Ich bestelle mir Essen, manchmal kommen Freunde vorbei, aber nicht viele, nur ausgewählte, wenige.
Wo wohnen Sie?
In Paris. In New York. In Venedig. Im Winter war ich drei Monate in Jamaika, Verwandte besuchen. Vor kurzem bin ich nach London gezogen, hier an die Themse.
Wie wohnen Sie hier?
Die Einrichtung ist modern. Aber nicht zu modern. Ich möchte nicht erst stundenlang die Gebrauchsanweisung studieren müssen, bevor ich den Ofen bedienen kann. Ich habe einen Balkon. Ich sehe die Themse, Bäume, den Himmel. Ich brauche viel Licht.
1985 erschien ihr Album Island Life, dessen Cover Popgeschichte ist. Ein paar Bandagen am Körper, die nackte Haut dunkelbraun glänzend, die überlangen Gliedmaßen in alle Himmelsrichtungen verdreht, scheint Grace Jones darauf gleichzeitig zu rennen und zu stehen, während sie den Kopf stolz nach vorne einem Mikrofon zuwendet. Anatomisch unmöglich, im Ergebnis aber sehr grazil. Die Pose entstand durch Fotomontage, Jean-Paul Goude hatte sie in Szene gesetzt und das Image seiner damaligen Lebensgefährtin damit auf übernatürliche Maße aufgeblasen.
Mit Goude hat Grace Jones einen Sohn, der mittlerweile in seinen Zwanzigern ist. Er lebt in Paris und ist Musiker, eines der Stücke auf ihrem neuen Album (Sunset Sunrise) hat er geschrieben. Auf der ersten Single, William's Blood, ist gegen Ende ihre Mutter singend zu hören. Sie nennt sie ihr Vorbild, eine starke Frau, nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Mutter habe sie geweint. In Jamaika regieren die Frauen, sagt Grace Jones. Das ist wie bei den Löwen. Die Männer schlafen, die Weibchen fangen die Beute.
Haben Männer Angst vor ihr?
Wenn man mich erst einmal kennenlernt, merkt man, dass ich ganz harmlos bin. Ich bin gar nicht so extrem. Nur anders.
Ich komme mit einem herzlichen Händedruck davon.
Grace Jones' Hurricane erscheint am 7. November bei Pias Germany.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/GAL, Island (Universal), Lawrence Watson/Wall of Sound, picture-alliance / dpa