Kochsendungen

Ist das zum Essen oder Austreiben?

Von Jürgen Dollase

“Schmeckt nicht, gibt's nicht“ behauptet Tim Mälzer bei Vox

"Schmeckt nicht, gibt's nicht" behauptet Tim Mälzer bei Vox

14. Mai 2005 Wer das ganze Küchen-Tohuwabohu zwischen Kerner und „Teufels Küche“ betrachtet, könnte leicht zu dem Schluß kommen, das Fernsehen hätte jetzt endgültig die Küche entdeckt. Dem ist jedoch bei weitem nicht so.

Präziser müßte man sagen: Man hat in den Sendern erkannt, daß man mit einem bestimmten Ausschnitt der Küchen- und Kochwelt im Moment über ein für die Massenunterhaltung taugliches Instrumentarium verfügt. Unterhaltsames Kochen ist heute en vogue. Wird morgen etwas anderes in Mode sein?

“Einfach kochen“ unterrichtete Rolf Zacherl bei Pro Sieben

"Einfach kochen" unterrichtete Rolf Zacherl bei Pro Sieben

Dient dies nun der wünschenswerten Entwicklung hin zu einer sinnlicheren Fundierung unserer Alltagswelt, zur Emotionalisierung menschlicher Grundbedürfnisse oder zu einer geradezu ferienähnlichen „Gastronomisierung“ unseres Lebens außerhalb der engen Schranken der Arbeitswelt? Oder bedeutet Popularisierung auch Trivialisierung? Droht gar durch die plötzliche Vermehrung der Berichte eine Obstruktion des längst eingeleiteten positiven Prozesses einer komplexeren Erschließung des Bereiches?

Kulinarischer Breitensport

Das Fernsehen als das am weitesten verbreitete Medium besetzt und interpretiert das Küchenverständnis. Es liefert die Bilder und Zustände, die mit dem Kochen verknüpft werden. So fällt etwa auf, daß Johannes B. Kerner, der im „ZDF-Sportstudio“ niemals über Fußballspiele unterhalb der Zweiten Bundesliga berichten muß, beim Thema „Kochen“ eine Art kulinarischen Breitensport zum Programm erhebt. Dabei wird die Komplexität des Faches, insbesondere aber das grundlegende System von Qualität, unterschlagen.

Qualitätsbewußtsein kann nicht aus einem Verständnis von mäßig guten Produkten und mittelmäßigen Zubereitungen bestehen und Instrumentalisierungen aller Art (schnell, billig, spaßig) zum alleinigen Programm erheben. Ein Zugewinn an Wissen, das nicht Strukturierung der Wirklichkeit, sondern Versicherung eines trivialisierten Verständnisses zum Gegenstand hat, wird schnell zu einem der typischen Mechanismen postpädagogischer Blockade: Wenn es schwieriger wird, machen wir uns vom Acker.

Den Schlager entdeckt

So gesehen, hat man - im übertragenen Sinne - nicht die Musik, sondern nur den Schlager entdeckt. Eine trivialisierte Popularisierung zieht in der Regel keinen soliden Übergang zum Interesse an der Sache selbst nach sich. Die selektive Berichterstattung sorgt eben auch nur für eine selektive Rezeption, bei der sogar die Gefahr besteht, daß sie gegenüber anderen Zugängen unduldsam wird.

Das wohlfeile Angebot, sich das System Küche in trivialisierter Form untertan zu machen, nimmt auch der gerne an, der dort nie einen Finger krumm machen wird. Hat man nicht schon lange nach einem Weg gesucht, dem ganzen Meisterkoch-Getue den Zerrspiegel in Form von kochenden Promis entgegenzuhalten? Dazu kommt der Hobbykünstler-Effekt. Ja, man bewegt sich gerne in diesem Bereich oder findet alles sehr unterhaltsam, aber wenn es um die eigentlichen ästhetischen Normen des Faches geht, reklamiert man für sich deren Ungültigkeit: Leben als eine dauernde Abfolge von Als-ob-Situationen.

Die besten Köche fehlen

Rainer Sass kocht im NDR

Rainer Sass kocht im NDR

Ein bezeichnendes Bild ergibt die Negativliste dieser trivialisierten Küche, also dessen, was im Fernsehen nicht vorkommt. Auffällig ist zunächst das Fehlen der besten Köche. Es wäre ein höchst begrüßenswertes Anliegen, deren Kompetenz - die in weiten Teilen Allgemeingültigkeit besitzt und nicht etwa nur einer ominösen Luxusküche verpflichtet ist - in die Berichterstattung einzubinden. Einen möglichen Mangel an Fernsehkompatibilität gälte es durch entsprechend vermittelnde Formate auszugleichen.

Sodann fehlen Protagonisten, die wirklich fundamentales Wissen besäßen. Statt dessen hat uns institutioneller oder persönlicher Profilierungsdrang ein Sammelsurium von Besserwissern beschert, die ihre Privatmeinung („Das kann man ruhig weglassen“) ohne jedes Bedenken zu einer publikumswirksamen weichen Linie stilisieren. Unerreichbar präzises wie publikumsnahes Beispiel für das Gegenteil bleibt der Franzose Joel Robuchon (mit Sendungen wie „Cuisinez comme un grand chef“ und „Bon appetit bien sur“). Er versteht selbst einfachste Rezepte technisch makellos als Teil eines kompromißlos qualitätsorientierten Systems und erfüllt damit eine echte bildende Funktion.

Abstinente Kulturmagazine

Nicht nur in England ein Star: Fernsehkoch Jamie Oliver

Nicht nur in England ein Star: Fernsehkoch Jamie Oliver

In einem anderen Sektor fehlt breitenwirksame Fernsehpräsenz völlig: Die Verknüpfung von ästhetisch-kreativem Glamour mit der Spitzenküche findet quasi nicht statt. In Kulturmagazinen glänzt man durch Abstinenz oder ist - ein weiteres Problem - nicht in der Lage, andere als oberflächliche Berichte zu produzieren. Die Bilderbögen in diversen Sendungen haben da vielleicht Ansätze aufgezeigt; sie sind in ihrer Wirksamkeit mangels festem Sendeplatz aber oft sehr eingeschränkt. Der Sprung in die Kulturdebatte jedenfalls wurde noch nicht vollzogen.

Auf der anderen Seite scheint sich niemand je darüber gewundert zu haben, warum es eigentlich immer nur ums Kochen geht und nicht ums Essen. Man kann ohne weiteres das aktive Kochen als konsequentes Ziel recht einfach zu skizzierender kulinarischer Lebensläufe erläutern. Das Fundament aber bildet eine geschmackliche Sensibilisierung, die sich jederzeit auch ohne aktives Kochen entwickeln kann und dabei eine hervorragende Ausgangsbasis für jeden praktischen Versuch bildet.

Hedonismus der Qualität

Johann Lafer kocht für die ganz Großen

Johann Lafer kocht für die ganz Großen

Es geht dabei nicht allein um Stimulierung (ein Punkt, der - auch durch die populären Formate - weitgehend abgedeckt wird), sondern um den Aufbau einer geschmacklichen Orientierung im Dschungel der vielen schlechten bis bedenklichen Produkte von Nahrungsmittelindustrie und Gastronomie - dies freilich nicht im begrenzten, weil weitgehend mit gesundheitlich-ökologischen Zielsetzungen zufriedenen System der Ökotrophologie, sondern ausdrücklich über einen Hedonismus der überragenden Qualität.

Als Folge solch einer Sensibilisierung ginge es dann um die wirkliche Ausnutzung der sensorischen Fähigkeiten des Menschen oder - ganz bescheiden - um das „richtige“ Essenlernen. Das wäre dann allerdings ein ziemlicher Stachel im fetten Fleisch der medialen Küchenpartys. Wenn es um die Entwicklung der eigenen Wahrnehmung ginge, hätten die Automatismen der Schnellköche plötzlich kaum noch eine Bedeutung. Sie leben vom kurzen Weg zwischen Appetit und dessen Befriedigung, nicht vom subtilen Eingehen auf kulinarisches Potential. Im Moment ist die Fernsehküche völlig verwürzt.

Text: F.A.Z., 14.05.2005, Nr. 111 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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