Berlinale-Wettbewerb

Wunschloses Unglück

Von Andreas Kilb

13. Februar 2006 Sarajewo im Jahr 2005. Esma lebt mit ihrer Tochter Sara in einem Vorort. Sara ist zwölf, ein Schulausflug steht an, das Geld dafür, zweihundert Euro, muß die Mutter erst noch besorgen. Esma kellnert in einem Nachtlokal, freundet sich mit einem der Leibwächter des Besitzers an, beide haben vor dem Krieg auf dem Balkan studiert, jetzt ist ihr Lebensplan gerissen, ihre Zukunft ein Fragment. D

er Mann will nach Österreich, Esma bleibt in Bosnien, der Tochter wegen, der sie erzählt hat, daß ihr Vater ein Märtyrer sei, gestorben für die bosnische Sache. Kinder von Märtyrern dürfen umsonst auf den Schulausflug, aber Esma kann das benötigte Dokument nicht besorgen, sie bettelt lieber Geld bei einer Freundin zusammen, um die Lebenslüge, die sie hütet, aufrechtzuerhalten. Sara aber zwingt sie, die Wahrheit zu sagen, eine Wahrheit, die so bitter ist, daß das Mädchen sich den Kopf rasiert, als es sie hört. Am Ende findet dennoch der Schulausflug statt, die Mutter steht vor dem Bus und winkt, die Vergangenheit blutet noch, aber die Wunde wird sich schließen, irgendwann, vielleicht.

Eine kleine, stimmige Geschichte aus dem Alltag

„Grbavica“ von Jasmila Zbanic ist ein Film, wie man ihn öfter auf Festivals sieht, eine kleine, stimmige, genau beobachtete Geschichte aus dem Alltag eines fremden Landes, ohne Spezialeffekte, ohne Stars, ohne Lichtästhetik aus dem Katalog der Filmindustrie, sparsam erzählt und mit geringem Budget gedreht.

Es gibt Leute, die über solche Geschichten mit einem Schulterzucken hinweggehen, aber wenn man an die Zukunft des Kinos glauben will, muß man an Filme wie „Grbavica“ glauben, nicht deshalb, weil sie Meilensteine der Kamerakunst sind, sondern weil sie erzählen, was sonst unerzählt bliebe und so nur auf der Leinwand zu erzählen ist. „Grbavica“ ist kein Historiengemälde, kein Globalisierungsdrama, kein Thriller und keine Komödie, sondern ein Stück Gegenwart, das in kein Genre paßt. Nur in den Rahmen einer Geschichte, die eineinhalb Stunden dauert. Neunzig Minuten Wirklichkeit.



Text: F.A.Z., 13.02.2006, Nr. 37 / Seite 41
Bildmaterial: Berlinale

 
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