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Herzblattgeschichten ohne Herz

Von Michael Hanfeld

Kann sich die Hände reiben: Podcaster Harald Schmidt

Kann sich die Hände reiben: Podcaster Harald Schmidt

17. August 2005 Harald Schmidt ist käuflich. Das soll jetzt keine Beleidigung sein. Denn er ist auch günstig. Zu einem günstigeren Preis, als die ARD für seine Show bezahlt hat, ist er jetzt im Internet als „iTune“ zu haben. Für 99 Cent kann man sich mit der entsprechenden Software (bei Apple sowieso, aber auch in einer Windows-Version) seine erste elf Minuten lange Litanei herunterladen und sich kräftig unter Niveau amüsieren. Wie immer bei Schmidt.

Es beginnt denkbar unappetitlich mit der „Sexakte Andreas Türck“, die Schmidt aufschlägt, um Diskobesucher davor zu bewahren, daß sie sich am Ende vor Gericht wiederfinden. Dringend abzuraten sei von Bekanntschaften, die bereits im ersten Small talk darauf hinwiesen, daß sie keine Unterwäsche tragen. Ganz zu schweigen von der Aufforderung: „Hallo, wollen wir Orgasmus trinken?“ Was Schmidt in bekannter Manier mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und dem Rapper Snoop Dog in Verbindung bringt. Von dessen möglichen Fehlbarkeiten leitet Schmidt flugs zu Jürgen Schrempp und Snoop Dogs deutschem Musikerkollegen Bushido über, den er im „heute-journal“ bei Claus Kleber gesehen hat: „Wenn man es als Rapper ins ,heute-journal' schafft, dann hat man es überhaupt geschafft“, findet Harald Schmidt.

„Sweet Neo-Con“

Den Wahlkampf und die Politik läßt er in seiner Suada aus, wenn man einmal davon absieht, daß er den Rolling Stones zubilligt, nach „fünfhundert Jahren“ Enthaltsamkeit in puncto politischer Einlassungen mit dem Lied „Sweet Neo-Con“ immerhin in Amerika für Unmut zu sorgen, weil sich darin die Regierung Bush und ihre Anhänger getroffen sehen. „Sicherheitshalber“ erscheine der Song nur auf Platz dreizehn der neuen Stones-CD.

Was noch? Joschka Fischer hat es in die Umkleide von Bono und zurück an die Spitze der Beliebtheitsskala der Politiker gebracht („Auch das ist ein schönes Zeichen, wenn man so beliebt ist wie Christian Wulff“), Boris Becker und seine jüngste Bekanntschaft; Brad Pitt auf dem Traktor und als Raumausstatter, der nicht mehr auf coole Designermöbel steht, mit denen er George Clooney beeindrucken kann, sondern auf eine Ausstattung, in der die Kinder von Angelina Jolie sicher sind, Helmut Thoma („das ehemalige RTL-Maskottchen“) und seine Frau Danielle („so einen runden Mund habe ich lange bei keiner Frau mehr gesehen“), Karl Lagerfeld (habe zuletzt so ausgesehen, als komme er von der Tour de France); Verena Pooth bei ihrem garantiert letzten öffentlichen Auftritt vor ihrer Hochzeit; Flavio Briatore und eine siebzig Jahre jüngere Frau, die nicht seine Freundin sei und - Johnny Depp in dem Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Den, sagt Schmidt nach zehn Minuten und 52 Sekunden, werde er sich jetzt im Kino ansehen.

Soweit der Reader des Hörstücks - für weniger als 99 Cent. Die elf Minuten sind zwar bei weitem nicht das Beste, was wir von Schmidt je gehört haben, keine sophistische Kulturkritik und zotenträchtiger als seine mitunter anstaltsfromm anmutenden Bemerkungen in der ARD - als „Herzblattgeschichten“ ohne Herz aber durchaus tauglich. Denn wer amüsiert sich nicht gern unter Niveau, vielleicht sogar in der Mittagspause im Büro. Und lohnend sicherlich auch, wenn man bedenkt, wie viele Millionen sich das wohl auf den Computer herunterladen werden.

Text: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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