29. Mai 2006 Der britische Regisseur Ken Loach ist überraschend mit der Goldenen Palme der 59. Internationalen Filmfestspiele in Cannes ausgezeichnet worden. Der 69jährige, der seine Themen stets mit viel Sozialkritik und Mitgefühl angeht, erhielt den wichtigsten Preis des Festivals am Sonntag abend für das Kriegsdrama The Wind That Shakes The Barley, in dem er die historischen Ursprünge des Irland-Konfliktes als tragischen Bruderzwist schildert.
Der Große Preis der Jury ging an den Franzosen Bruno Dumont. Auch er hat in seinem Film Flandres (Flandern) den Krieg als Thema gewählt. Sein wortkarges Drama widmet sich aber eher der Verbindung zwischen Krieg und Männlichkeit und verknüpft Mangel an Kommunikation mit Gewalt. Alejandro González Inárritu aus Mexiko erhielt den Regiepreis für Babel. Der Spanier Pedro Almodóvar, der mit Volver zu den Favoriten gezählt worden war, nahm die Auszeichnung für das beste Drehbuch entgegen. Seine sechs sensationellen Frauen, so Jury Präsident Wong Kar-Wai, freuten sich inklusive Penélope Cruz und Carmen Maura als Ensemble über den Preis für die beste Darstellerin. Dieser Preis gehört Pedro, dem Meister, den ich so liebe, schwärmte Cruz über den Regisseur.
Auch die Ehrung für die beste männliche Schauspielleistung ging an eine Gruppe: Die vier jungen französischen Darsteller aus dem Kriegsdrama Indigènes (Days of Glory) von Rachid Bouchareb bedankten sich überschwänglich mit einer Gesangseinlage. Für die Hymne der nordafrikanischen Soldaten, die für Frankreich im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, ernteten sie Ovationen.
Eine Wolke voller Wunder
Der Wettbewerb sei eine Wolke voller Wunder gewesen, sagte der Jury-Vorsitzende Wong Kar-Wai aus China. Die Jury habe ein sehr vielfältiges, sehr gutes Programm gesehen. Zur Entscheidung für den Siegerfilm von Ken Loach sagte er: Wir waren alle bewegt von diesem Film und unsere Entscheidung war einstimmig. Loach ist ein alter Bekannter des Festivals, vor vier Jahren hat er für Sweet Sixteen hier schon den Drehbuchpreis bekommen. Wir alle hoffen, daß dieser Film, einen ganz kleinen Schritt darstellt, um die Briten vor ihre imperialistische Vergangenheit zu stellen, sagte er auf der Bühne. Vor Aufregung über die Palme trat er dem schönen Star Emmanuelle Béart nach dem obligatorischen Wangenkuß auf die Schleppe ihres rosafarbenen Abendkleids.
Der deutsche Schauspieler Daniel Brühl überreichte den Preis der Jury an Andrea Arnold (Red Road) aus Großbritannien. Die Caméra d'or (Goldene Kamera) für den besten Erstlingsfilm ging an den Rumänen Corneliu Porumboiu (Was There or Was There Not). Deutsche Filmemacher waren in diesem Jahr nur in den Nebenreihen nach Cannes geladen, heimsten dafür aber gleich etliche Ehrungen ein: Für seinen Spielfilm Pingpong erhielt Matthias Luthardt den Drehbuchpreis des Internationalen Kritiker-Woche. Auch die Kurzfilmer Stefan Müller (Mr. Schwartz, Mr. Hazen & Mr. Horlocker) und Matthias Müller und Christoph Girardet (Kristall) konnten sich ihren jeweiligen Sektionen über Auszeichnungen freuen.
Dem wichtigsten und größten Filmfestival der Welt fehlten in diesem Jahr zwar die Superstars, deren Marsch über die 24 Stufen ins Festival-Palais das Treiben auf dem Palmen-Boulevard La Croisette immer besonders anheizt. Doch bis auf wenige Enttäuschungen war der Wettbewerb besser als in vergangenen Jahren. Viele Filme zeigten sehr unterschiedliche Herangehensweisen an politische und historische Themen - ohne billige Provokation, dafür aber mit beeindruckender künstlerischer Ernsthaftigkeit. In zwölf Monaten wird das Filmfest an der französischen Küste 60 Jahre alt. Nachdem in diesem Jahr das Fassungsvermögen des sonst eher beschaulichen Ortes mit Rekordteilnehmerzahlen fast schon erschöpft schien, laufen schon jetzt die Planungen für ein Festival der Superlative.
Die Preisträger
Im Wettbewerb und in verschiedenen anderen Sektionen der 59. Internationalen Filmfestspiele in Cannes sind folgende Preise vergeben worden:
Goldene Palme: The Wind That Shakes The Barley von Ken Loach (Großbritannien)
Großer Preis des Festivals: Flandres von Bruno Dumont (Frankreich)
Preis der Jury: Red Road von Andrea Arnold (Großbritannien)
Beste Darstellerin: Weibliches Ensemble von Volver mit Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Duenas, Blanco Portillo, Yohana Cobo, Chus Lampreave
Beste Darsteller: Männliches Ensemble von Indigènes mit Jamel Debbouze, Samy Nacéri, Roschdy Zem, Sami Buajila
Beste Regie: Alejandro González Inárritu für Babel (Mexiko)
Bestes Drehbuch: Pedro Almódovar für Volver (Spanien)
Caméra d'or (Goldene Kamera) für den besten Erstlingsfilm: Was There or Was There Not von Corneliu Porumboin (Rumänien)
Goldene Palme für den besten Kurzfilm: Sniffer von Bobbie Peers (Norwegen)
Besondere Erwähnung Kurzfilm: Conte de Cartier von Florence Miailhe (Frankreich)
Prix Un certain regard: Luxury Car von Wang Chao (China)
Spezialpreis Un certain regard: Ten Canoes von Rolf De Heer (Australien)
Großer Preis der Semaine de la critique: Les amitiés maléfiques von Emmanuel Bourdieu (Frankreich)
Drehbuchpreis der SACD zu gleichen Teilen an: Pingpong von Matthias Luthardt (Deutschland), Les amitiés maléfiques (Frankreich)
Großer Preis Canal + für den besten Kurzfilm Semaine de la critique: Kristall von Matthias Müller und Christoph Girardet (Deutschland)
Kurzfilmpreise der Sektion Cinéfondation (Kurzfilme von Studenten):
1. Preis: Ge & Zeta von Gustavo Riet (Argentinien)
2. Preis: Mr. Schwartz, Mr. Hazen & Mr. Horlocker von Stefan Müller (Deutschland, Fachhochschule Wiesbaden)
3. Preis: Mother von Sian Heder (Vereinigte Staaten), A Virus von Agnes Kocsis (Ungarn)
Preis des Internationalen Filmkritiker-Verbandes FIPRESCI: Hamaca Paraguaya von Paz Encina (Paraguay)
Preis der Ökumenischen Jury: Babel von Alejandro Gonzáles Inárritu
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: 16 Films Barley, AP, REUTERS