07. November 2004 Fünfzig Sekunden braucht sie durchschnittlich für eine Anmoderation. Die Abmoderation schafft sie manchmal in dreißig Sekunden. Sie redet schneller als sie atmet. Und wenn sie kurz Luft holt, rutscht beim Ausatmen immer noch ein Wort mit raus. Sarah Kuttner kann reden. Wie eine Nähmaschine, wie ein Wasserfall, wie Anne Will in Zeitraffer, wie Gisela Schlüter selig, wie der Punkrock-Beat ihrer derzeitigen Lieblingsband "The Hives".
Reden ist ihr größtes Talent - aber auch ihre größte Schwäche. Das weiß sie seit ihrer frühen Kindheit. Damals bekam ihre Oma einen Heulkrampf, weil ihre Enkelin auf sie einredete und einfach nicht aufhörte. Heute gibt sie zu: "Ich kann anstrengend sein, das ist mir schon klar."
Gut geschnittenes Profik mit großen Augen
Sarah Kuttner ist das aktuelle Gesicht von Viva. Erst einmal ein ziemlich hübsches mit großen Augen und gut geschnittenem Profil. Aber schon ihr exponiert herausragender Eckzahn verspricht: Diese Frau hat Ecken und Kanten. Seit August moderiert sie auf dem Musiksender sich selbst: "Sarah Kuttner - die Show", dienstags bis freitags, 21Uhr. Sie ist das Aushängeschild, ein gutes Jahrzehnt, nachdem Heike Makatsch das erste Image des Senders prägte - als nettes, freches Girlie. Nett und frech ist Sarah Kuttner auch. Aber kein Girlie. Sie hat nichts gegen "Püppitum". Es entspricht ihr nur einfach nicht.
Sie ist am liebsten ungeschminkt, trägt gern Schwarz, und statt in ihrer Heimatstadt Berlin angesagte Partys zu besuchen, geht sie in der Kneipe mit Freunden ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: ausgiebigem Reden. Aber gerade, weil sie anders als die anderen ist, hat sie dem Sender ein neues Profil verliehen. Mit Sarah Kuttner ist Viva erwachsener geworden.
"Hallo, ich bin die Sarah. Und wer bist du?"
Die Berlinerin produziert im Viva-Gebäude, einer ehemaligen Fabrik in Köln-Mülheim. Im großen Studio nebenan kasperte sich bis vor zwei Wochen Anke Engelke durch den Abend. Die Deko steht noch: Backsteinwand, ein Sofa, ein Tisch, die Bühne für die Band und die Skyline-Fototapete im Hintergrund. Ohne Zuschauer nicht mehr als ein toter Raum mit vielen leeren Stühlen. Aber man hat immer noch eine Ahnung davon, wie einsam Anke Engelke auf der Bühne gewesen sein muß, wenn eine Pointe sich im Saal verlor.
"Hallo, ich bin die Sarah. Und wer bist du?" Zum Warm-up begrüßt Kuttner am Dienstagabend jeden der gut zwanzig Zuschauer im Studio, das geräumiges Wohnzimmerformat hat. Sie biegt ihr Kreuz durch, schüttelt die Hände und lächelt ein Lächeln, das signalisiert: "Heute machen wir hier 'ne Sendung, keine Panik, geht ganz einfach." Die Zuschauer lümmeln sich in Ikea-Sofas, Modell Klippan. Sarah Kuttner sitzt an einem schlichten Schreibtisch, Kiefer-Furnier. Im Regal stehen ein paar Bücher rum, ein Fremdwörterbuch, ein Globus, zwei Yucca-Palmen - die langweiligsten aller Topfpflanzen. "Atmo: Jugendzimmer", könnte im Sendekonzept gestanden haben. Fast wie ein ironischer Kommentar zu Shows wie "Anke Late Night", die urban, schick, extraordinär sein sollte.
Zu eigenartig für etwas Großes
Die "Sarah Kuttner Show" - konzipiert vor Engelkes erstem Auftritt - ist Alltag. Sarah tritt wie eine gute Freundin auf; Sven, ihr Co-Moderator, wie ein Kumpel, mit dem man nach der Schule rumlümmelt und blödes Zeug veranstaltet. Lässig und entspannt kommt die Sendung daher, vielleicht, weil kein Quotendruck die Leichtigkeit beschwert.
Das Scheitern von Anke Engelke vis-a-vis macht ihr keine Angst. "Wir sind ja ein paar Nummern kleiner", sagt Sarah Kuttner entschieden. "Ich bin mir sicher, daß ich niemals so etwas Großes wie die Anke-Show moderieren werde, weil ich dazu zu eigenartig, speziell, polarisierend bin. Die eine Hälfte der Leute findet mich super, die andere haßt mich."
Nachfolgerin oder billige Kopie? Immer aber denkt man an Engelke
Und doch denkt man bei Kuttner immer auch an Engelke. Die einen sehen in Sarah Ankes Nachfolgerin, die anderen halten sie für eine billige Kopie. Tatsächlich gibt es viele Parallelen. "Klein, weiblich, gut" steht auf Engelkes Homepage. Auf Sarah trifft das auch zu: Sie ist vorlaut, schlagfertig, selbstbewußt, direkt und nur 1,60Meter groß. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: "Ich bin kein Comedian", sagt Sarah, "sondern Moderatorin." Und das ohne Netz und doppelten Boden.
Sie versucht erst gar nicht, ihre Art zu reden in geordnete Bahnen zu lenken. Es gibt keinen Teleprompter, keine Gagschreiber und keinen Assistenten, der Schilder mit den nächsten Anweisungen hochhält. Sie redet einfach, bereitet sich so wenig wie möglich vor, damit ihre Moderation spontan bleibt. Stolpern und Verhaspeln inbegriffen. Manchmal fragt sie sich laut in der Sendung: "Was rede ich denn da?", um ohne Pause weiterzugaloppieren. Das kann lustig sein, aber auch aus dem Ruder laufen. Was auch nicht schlimm ist, denn sie hat nicht vor, mit "hinondulierten Pointen" zu punkten. "Bei mir schmunzelt man, aber es kommt nicht auf die Lacher an."
Pädagogischer Eifer in Sarah-Kuttner-Sprache
Nur auf die Interviews bereitet sie sich akribisch vor. Soll ja "was bei rumkommen". Mit dem Frontmann der amerikanischen Gruppe Maroon5 spricht sie am Dienstag abend über Zungenküsse, aber eben auch über die amerikanische Präsidentenwahl. Die Früchte des Gesprächs kann sie am nächsten Tag auf ihrer Homepage nachlesen: Im Forum wird heftig über den Ausgang der Wahl diskutiert.
"Ich finde es in Ordnung, wenn ich Leuten was beibringen kann", sagt sie ganz ernst. Sie nennt das auch "unauffällig Wissen vermitteln". Mit pädagogischem Eifer, aber in Sarah-Kuttner-Sprache, sensibilisiert sie die Zuschauer für Ungereimtheiten in ihrer Umgebung: "Hallo? Kann jemand nochmal 'ne Runde mitdenken?"
Freunde macht sie sich nicht immer damit. Vor ein paar Wochen hat sie sich "Bravo", das Fachmagazin ihrer Zielgruppe, vorgenommen. "Ich habe einfach nur gezeigt, wie journalistisch die mal waren und was heute aus ihnen geworden ist: ein Softsexmagazin, in dem Brüste und komplette Geschlechtsteile zu sehen sind. Und Überschriften wie: ,Usher: große Titten finde ich super'." Prompt kam eine Beschwerde des Teenager-Fachblatts. Der Sender gab ihr Rückendeckung, wohl wissend, daß ihre Attacken zur Marke Sarah Kuttner gehören: "Wenn mich was richtig doll stört, dann sage ich das sehr direkt." Diplomatie gehört nicht zu ihren Stärken.
Das ist eine ARD-Sendung - Scheiße durch Mist ersetzt
Noch wird sie nicht wie Anke Engelke bei Sat.1 an der Zahl ihrer Zuschauer gemessen. "Kann sein, daß ich mal auf Quote achten muß, wenn ich groß bin." Das hieße für die Fünfundzwanzigjährige: Fernsehen für Erwachsene. Einen Vorgeschmack darauf, was das bedeutet, hatte sie schon, als sie mit Jörg Pilawa den Vorentscheid des "EurovisionSongContest" moderierte. Man hatte sie als Vorzeige-Jugendliche gebucht, um dem Wettwerb mehr Dynamik zu verleihen. "Ihr habt Sarah eingekauft, also bekommt ihr Sarah", sagte sich die Berlinerin. "Frau Kuttner, denken Sie bitte daran: Das ist eine ARD-Sendung", sagten ihr die Verantwortlichen.
Sie bemühte sich tatsächlich, fluchte weniger, ersetzte "Scheiße" durch "Mist". Trotzdem machte die Frau des ebenfalls anwesenden Moderators Kai Pflaume eine Strichliste mit der Zahl ihrer Schimpfwörter und ließ ihren Mann nach der Sendung fragen: "Mußte das sein?" Seitdem gilt sie in den Medien als "die Vulgäre". "Das ärgert mich. Ich weiß zwar, daß ich das bin, aber nicht so doll, daß man mich darauf reduzieren sollte." Damit dieses Image nicht an ihr haften bleibt, zeigt sie sich einsichtig: "Vulgäre Sprüche sind der einfache Weg, Leute zu begeistern. Das Publikum lacht immer, wenn es um Ficken geht." Künftig will sie sich zügeln. Fitmachen für eine Zukunft bei einem großen Sender?
Sarah Kuttner saß bei Engelkes letzter Sendung im Publikum. Bevor die Kameras liefen, machte die Moderatorin ein sehr persönliches Warm-up. "Sie war kurz vorm Weinen. Das war sehr anrührend", sagt Kuttner nachdenklich und ergänzt erstaunlich langsam: "Und ganz schön gruselig."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004, Nr. 45 / Seite 63