Casting-Protokoll

Klar darf Cruise Graf Stauffenberg spielen - aber kann er es auch?

Von Peter Körte

Gar nicht so weit entfernt: Schon 1992 geht es für Cruise um militärische Ehrbegriffe

Gar nicht so weit entfernt: Schon 1992 geht es für Cruise um militärische Ehrbegriffe

09. Juli 2007 Es wird sich wohl auf der ganzen Welt kein Casting-Agent finden, der den ältesten Sohn des Grafen Stauffenberg zufriedenstellen könnte, weil der a priori weiß, dass „grauenvoller Kitsch“ herauskommt, wenn Hollywood einen Betriebsausflug in die deutsche Geschichte plant. Aber zum Glück werden Entscheidungen über Filmprojekte von Leuten gefällt, die etwas davon verstehen, und nicht von Angehörigen und Sektenbeauftragten. Und es gibt auch noch Weltstars, die eine Rolle unbedingt spielen wollen, Produzenten, die das für eine sinnvolle Wahl halten, und Regisseure, die wissen, wie man aus dieser Konstellation einen Film macht. Und ganz nebenbei: Deutsche Fördereinrichtungen halten das offenbar auch für sinnvoll, sonst würde es wohl kaum 4,8 Millionen Euro aus dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF) für den Stauffenberg-Film „Valkyrie“ geben. Und weil es zum Beruf des Schauspielers gehört, nicht bloß sich selbst zu spielen, kann auch ein Wiedertäufer einen Atheisten spielen, ein Mann des 21. Jahrhunderts einen antiken Feldherrn oder eben ein amerikanisches Sektenmitglied einen deutschen Offizier.

Deshalb kann man sich auch ganz unbefangen ansehen, was Tom Cruise im Kino gemacht hat, bevor er im Fernsehen über Sofas hüpfte und sich vor den Paparazzi dieser Welt nach Kräften als Vollidiot präsentierte, dem das Studio Paramount den Laufpass gab - nur damit andere Geldgeber ihm ermöglichten, mit seiner langjährigen Geschäftspartnerin Paula Wagner das Studio United Artists aufzukaufen, weil Tom Cruise nun mal seit fast zwei Jahrzehnten ein Erfolgsgarant an der Kinokasse ist.

An der Front

Es ist ja auch nicht so, dass er nicht wüsste, wie es beim Militär zugeht. Seinen Durchbruch hat Cruise eben nicht als junger Mann mit Strahlelächeln geschafft, der Cocktails mixen kann und Rennwagen fahren, sondern als Soldat. In „Top Gun“, 21 Jahre ist das auch schon her, war er ein Kampfflieger, ein Elitesoldat, der selbst in den Szenen, die jenseits von Cockpit, Hangar und Kaserne spielen, in seiner ganzen Körpersprache militärisch wirkt, durchtrainiert und bei aller Risikolust, die ihm den Spitznamen „Maverick“ einträgt, ein Patriot, der am Ende aus einer persönlichen Krise als besserer, ernsthafterer Soldat hervorgeht, als Held, wie ihn nur das amerikanische Kino inszenieren kann.

Dass ein Patriot auch an seinem eigenen Land verzweifeln kann, führte Cruise drei Jahre später in „Geboren am 4. Juli“ vor. Sein Ron Kovic geht den Weg eines idealistischen All American Guy, der sich als 19-Jähriger ohne Zögern freiwillig für den Einsatz in Vietnam meldet, der im „friendly fire“ einen Kameraden tötet und als Mann ohne Beine heimkehrt - ein Veteran, ein Kriegsversehrter, der darunter leidet, dass er keinen Sex mehr haben kann und dass sein Land ihn vergessen hat; der tobt und zürnt und am Ende als stolzer Amerikaner öffentlich gegen den Vietnamkrieg eintritt. Keine Frage, dass Cruise in dieser Rolle bisweilen chargiert und mehr Register zieht als nötig, dass der Regisseur Oliver Stone ihn großzügig gewähren lässt - doch es gibt wohl nur wenige Schauspieler, die der Versuchung, welche in dieser Rolle des gepeinigten Veteranen im Rollstuhl liegt, widerstanden hätten.

Im Rahmen

Cruise' militärische Schauspielerlaufbahn war damit noch längst nicht zu Ende. Drei Jahre später trug er eine elegante weiße Uniform und war in Guantánamo stationiert - ein Militärjurist namens Lieutenant Daniel Kaffee, der in „Eine Frage der Ehre“ erst als leichtlebiger Sunnyboy erscheint, bis er zum Pflichtverteidiger in einem Prozess gegen zwei Soldaten bestellt wird, die einen Kameraden brutal misshandelt und dabei umgebracht haben. Er braucht zwar den moralischen Druck eines weiblichen Commanders (Demi Moore), die Herausforderung durch einen arroganten Colonel (Jack Nicholson), er darf grinsen und grimassieren, aber er fängt an, eine Sache ernst zu nehmen und für sie einzutreten. Er ist kein Rebell, das war er nie, aber einer, der sich zu schade ist, ein Delikt einfach zu vertuschen. Er bleibt im Rahmen der militärischen Ehrbegriffe - und genau darum geht es im Film.

Cruise' bislang letzter Fronteinsatz führte ihn nach Japan. In „Der letzte Samurai“ (2003) ist er, inzwischen 41, ein amerikanischer Captain, der 1876 als Ausbilder nach Japan reist, weil er über ein Massaker seiner Einheit an den Sioux nicht hinwegkommt. Er wird zum Samurai, taucht ein in eine andere Welt, akzeptiert einen fremden Kodex von Kampf und Heldentum, und mag dieser Transfer den einen oder anderen auch an Cruise' Selbstüberschreibung an die Scientology-Sekte erinnert haben, mag dieser spirituelle Wandlungsprozess auch ein Schlüsselreiz für den Schauspieler Cruise gewesen sein - von obskurer Esoterik ist dennoch nichts zu spüren. Es ist, auch hier, eine Frage der Ehre, es ist ein Prozess der Läuterung, wie er nicht nur Cruise' Soldatenrollen durchzieht.

Im bürgerlichen Leben

Natürlich ist die Vertrautheit mit der Welt des Militärs und seiner Rituale noch kein erschöpfendes Kriterium, wenn jemand einen Wehrmachtsoffizier spielen will. Es ist bisweilen sogar interessanter, Tom Cruise im zivilen Leben zu beobachten, wo es auch weniger gilt, die Welt zu retten wie in den drei Folgen von „Mission: Impossible“ (1996-2004) oder in „Krieg der Welten“ (2005), sondern wo es darum geht, einen Loyalitätskonflikt durchzustehen.

Der junge und sehr ehrgeizige Anwalt Mitch in der „Firma“ (1993) ist eine von Cruise' stärksten Rollen. Mitch ist einer, der Schweinereien nicht mitmachen will und deshalb um sein Leben rennen muss. Es mag etwas weithergeholt sein, die dubiosen Machenschaften der Anwaltskanzlei in Memphis mit den Praktiken der Scientology-Sekte zu vergleichen, wie das einige getan haben, aber sicher ist: Cruise' Mitch spielt nicht mit, die Loyalität zu seinen Mentoren und der Wille zum Erfolg werden einer extremen Belastungsprobe unterzogen, und man sieht seinem Spiel an, dass er diesen Konflikt am liebsten wegschieben würde, weil er lange nicht wahrhaben will, dass seine Überzeugungen derart missbraucht werden. Die Zerrissenheit steht ihm ins Gesicht geschrieben, und sie findet immer wieder ihr Echo in seiner Körpersprache.

Und wenn man schon von Scientology spricht, dann darf auch „Rain Man“ (1988) nicht fehlen, die Geschichte vom Yuppie und seinem autistischen Bruder (Dustin Hoffman), das Roadmovie mit dem Anti-Scientology-Programm, in dem Cruise' Charlie Babbitt lernt, gerade mit der Anomalie, der Schwäche, der Lebensuntüchtigkeit dieses Bruders umzugehen, den er anfangs so verabscheut. Und wenn man so will, umfasst Cruise' Kinokarriere unbewusst auch noch die Travestie: In dem episodisch angelegten Film „Magnolia“ (1999) spielt er einen schrillen Sexguru, der im Fernsehen auftritt, um Männern zu erklären, wie man Frauen aufreißt - um plötzlich am Sterbebett seines Vaters zu stehen und kein Rezept mehr zu haben außer Tränen.

Im Widerstand

Lassen wir ruhig beiseite, dass Tom Cruise auch schon ein Auftragskiller war (in „Collateral“, 2004), dass er mit seiner damaligen Ehefrau Nicole Kidman in Stanley Kubricks Adaption von Schnitzlers „Traumnovelle“ spielte (“Eyes Wide Shut“, 1999) und in seinen mehr als dreißig Filmen alle möglichen Rollen übernommen hat. Wenn der Filmpublizist Georg Seeßlen in einem klugen Essay schreibt, „in den interessantesten Cruise-Filmen sehen wir zu, wie eine Person auseinandergenommen und wieder zusammengebaut wird“, dann ist das zwar auch eine Rückprojektion, die mit den Affinitäten zur Scientology-Gehirnwäsche spielt; zugleich aber liegt darin ein Hinweis, warum die Rolle in „Valkyrie“ zu Tom Cruise passt.

Schließlich will er einen Mann spielen, der als „Neupfadfinder“ vom damaligen Reichsmystizismus beeinflusst war, der mit seinem Bruder zum Kreis um Stefan George gehörte und am Abend vor dem Attentat Georges Gedicht „Der Täter“ gelesen haben soll; der sich antisemitisch äußerte und im Falle des geglückten Staatsstreichs die Judendeportation beenden wollte; der an soldatische Pflichterfüllung glaubte und es gleichwohl für unausweichlich hielt, etwas zu tun, was in seiner Welt ein Verrat war.

Im Kino

Am Ende zählt nur eines: Ob das Kino die Zuschauer für zwei Stunden vergessen lässt, woher einer kommt und was er im Spiegel der Boulevardpresse darstellt, ob er ein glaubwürdiger Bewohner jener Welt ist, die auf der Leinwand entworfen wird - was rein gar nichts damit zu tun hat, ob man Tom Cruise nun sympathisch findet oder jenseits seiner Rollen für einen Idioten hält. Es zählt, dass er im Kino tut, was er tun muss.

Und so kann man, ganz nüchtern und erkennungsdienstlich, ohne die rhetorischen Hyperbeln, die Cruise zu unserer Hoffnung ernennen, sagen: Wenn Tom Cruise Stauffenberg spielt, wird aus Stauffenberg ein Markenname, den man in der ganzen Welt kennt. Wer, außer ein paar Historikern, kannte schon vor Spielbergs Film Oskar Schindler? Und diese Form globaler Präsenz ist dann doch etwas anderes, als wenn ein deutscher Fernsehzweiteiler namens „Stauffenberg“ in mehrere Länder verkauft wird. Tom Cruise ist sicher nicht der einzige Schauspieler, der für die Rolle in Frage käme, aber dass er mit einem vernünftigen Drehbuch und einem Regisseur wie Bryan Singer in der Lage ist, einen glaubwürdigen Stauffenberg zu spielen, daran besteht kein Zweifel.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 25
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, UIP/Cinetext

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