Airbus-Angriff

Filmen Sie den Abschuß

Von Jürg Altwegg, Genf

27. November 2003 War der Angriff irakischer Rebellen auf das DHL-Flugzeug am vergangenen Samstag bei Bagdad eine Inszenierung für die Medien? Eine Journalistin des französischen Nachrichtenmagazins "Le Nouvel Observateur", Sara Daniel, schickte ein Video in die Zentralredaktion nach Paris, von dem sie angab, es sei bei ihr im Hotel abgegeben worden. Man sieht auf dem Band vermummte, mit Kalaschnikows bewaffnete Männer, die Raketenabschußgeräte in Stellung bringen. Dann kommt ein amerikanischer Hubschrauber ins Bild - und kurz danach wird eine Rakete abgefeuert. Die nächste Sequenz zeigt das brennende Frachtflugzeug, einen Airbus A-300 - der linke Flügel steht in Flammen. Der angesehene "Nouvel Observateur" machte das Video der Öffentlichkeit zugänglich, die Bilder sind im Internet zu sehen. Ob es am Ort, von dem die Boden-Luft-Raketen abgeschossen wurden, gedreht wurde, läßt sich nicht genau feststellen.

Die Terrorattacke forderte keine Todesopfer. Das Flugzeug der DHL, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Post AG, konnte eine Notlandung vornehmen. Die drei Besatzungsmitglieder kamen mit dem Schrecken davon. Auf dem Flughafen von Bagdad durften nur noch Militärmaschinen landen - es war das erste Mal, daß ein Zivilflugzeug getroffen wurde. Irrtümlicherweise, nahm man an.

Am Tatort

Das behaupten auch eine Journalistin und ein Fotograf von "Paris Match": Sie waren am Tatort. Gestern veröffentlichte die französische Illustrierte die Bilder von Jérôme Sessini und eine Reportage von Claudine Verniez-Palliaz. Mehrere Tage zuvor hatten sie Kontakt zu den Rebellen aufgenommen. Bereitwillig zeigten diese den französischen Reportern Waffenverstecke in der Umgebung der Hauptstadt und auch sonst noch einiges. Man verabredete sich auf den 22. November. Man hatte ihnen nichts versprochen und keine konkreten Angaben gemacht, behaupten Claudine Verniez-Palliaz und Jérôme Sessini. Gestern veröffentlichte "Paris Match" die Reportage. Erst im letzten Augenblick hätten sie bemerkt, was man ihnen da vorführen wollte, schreibt die Journalistin. Die Rebellen, berichtet sie, hätten den Airbus für einen amerikanischen Militärjet gehalten und ihn deswegen mit zwei Raketen beschossen. Mehrmals drückte der Fotograf auf den Auslöser - Krieg und "Widerstand" live. Die veröffentlichten Bilder zeigen ein Mitglied der Gruppe beim Abfeuern der Rakete und den Airbus. Die Rebellen und das Flugzeug auf ein einziges Bild zu bekommen sei "technisch nicht machbar" gewesen, erklärt der Chefredakteur des Magazins, Alain Genestar.

Die Geschichte habe "Paris Match" veröffentlicht, "um zu zeigen, daß so etwas nur zwei Kilometer weit von Bagdad entfernt möglich ist", gab Genestar in einer Stellungnahme zum besten. Das hätte man ihm seit dem Vorfall auch ohne Bild und Frontbericht aus erster Hand geglaubt. Mit einiger Verärgerung reagiert er auf die Frage, ob seine Journalisten nicht Komplizen einer militärischen Aktion geworden seien - mehr als Zeugen, nämlich Teil einer Inszenierung, die man für sie organisierte. "Man wirft uns vor, daß wir Reporter bei den amerikanischen Truppen haben. Und man kritisiert uns genauso, wenn wir sie zu den Rebellen schicken", ereifert sich Genestar.

Üppiges Bildbudget

Die Probleme der Berichterstattung sind in den beiden Lagern nicht ganz die gleichen - und die Tatsache, daß es ein Zivilflugzeug traf, vermittelte dem Anschlag noch zusätzliche Publizität. Vielleicht haben die Schützen, die mit Raketen des Typs SAM-7 bestens vertraut sind, tatsächlich den Airbus für einen Militärjet gehalten. Ob das Motiv des Anschlags auf den Feind primär die Inszenierung einer Propagandaaktion als spektakuläre Premiere war, bleibe dahingestellt. Die Reporter ließen sich mehr oder weniger willfährig manipulieren und in die Aktion einbinden. Deshalb kann man wohl ausschließen, daß "Paris Match" die Rebellen auch noch bezahlte. Die Illustrierte ist für ihr üppiges Bildbudget bekannt.

Das Thema "Geld" brachte Genestar selbst ins Gespräch. Er kritisiert das Video, das der "Nouvel Observateur" in Umlauf brachte: "Unscharfe Bilder." Und was sein eigenes Magazin betrifft: "Wir haben im übrigen beschlossen, nie Bilder von Leuten zu kaufen, denen wir nicht vertrauen", erklärte er der Nachrichtenagentur AFP (wann eigentlich? Vor dem Angriff?). Jedenfalls scheint er suggerieren zu wollen, daß der "Nouvel Observateur" seine Kassette gekauft hatte - die in den Irak entsandte Journalistin ist die Tochter des allmächtigen Magazinchefs Jean Daniel.

Die Publikation in "Paris Match" erfolgt einen Tag nach den Vorwürfen von Donald Rumsfeld an die Adresse der Fernsehsender "Al-Arabiya" und "Al-Dschazira". Ihnen unterstellte der amerikanische Staatssekretär, sie würden mit der Guerrilla zusammenarbeiten. Die Bilder im auflagestarken Pariser Magazin werden das Verhältnis zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten kaum zusätzlich belasten. Mehr als Bush muß Genestar den eigenen Staatspräsidenten fürchten: Im gleichen Heft wie die "authentische" Reportage vom Flugzeugabschuß in Bagdad veröffentlicht er ein Bild, auf dem Chirac mit einem Hörgerät zu sehen ist. Das Dementi aus dem Elysée kam vor den ersten Reaktionen auf den Frontbericht über die Rebellen, deren für die Medien inszenierter "Irrtum" sie als Terroristen entlarvt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003, Nr. 277 / Seite 38

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