China

Geld schafft Ordnung

Von Zhou Derong, Schanghai

Vielgelesene Texte bringen dem Verfasser Punkte

Vielgelesene Texte bringen dem Verfasser Punkte

25. August 2005 Die Prämien staffeln sich streng nach marktwirtschaftlichem Leistungsprinzip: Wer viel, aber vor allem gut schreibt, wird belohnt. Was gut ist, bestimmt ein Ausschuß, den die Chefredaktion eingesetzt hat. Und so sieht die Prämienvergabe aus: Für einen Text der Kategorie A bekommt man hundert Bonuspunkte, das heißt hundert Yuan Prämie, für die Kategorie B siebzig, für die Kategorie C vierzig, und für die Kategorie D und E zehn beziehungsweise fünf Bonuspunkte.

Das gleiche gilt für die Seiten, die in vier Kategorien unterteilt werden, mit jeweils achtzig, fünfzig, vierzig und dreißig Bonuspunkten. Innerhalb einer Kategorie wird wiederum zwischen den Schlagzeilen, die zwanzig Extrapunkte bekommen, und dem Rest unterschieden. Das basisdemokratische Element kommt am Ende jedes Monats: Durch Leserbefragung werden die drei meistgelesenen Texte des Monats ermittelt und mit fünfzig Bonuspunkten belohnt. Dreißig Punkte mehr ist dagegen ein Lob aus der Zentrale der kommunistischen Jugend.

Ein Lob des Ministeriums

Wieder vierzig Punkte mehr ist ein Lob des Propagandaministeriums wert. Am meisten Punkte, also Geld, bringt einem ein Lob eines Politbüro-Mitglieds: satte dreihundert Yuan. Allerdings gilt dies auch in umgekehrter Richtung. Für eine Rüge muß man genau so viele Strafpunkte zahlen, dann aber aus eigenem Gehalt. So weit das Prämiensystem.

Erfunden hat es ein kluger Mann aus Schanghai. Gong Xueping, so heißt er, ist nach gängigem Maßstab des Westens ein reformorientierter Kader par excellence. Unter seiner Ägide wurde das Universitätsstudium in Schanghai so weit kapitalisiert, daß in weniger als zehn Jahren die Studiengebühren sich verzwanzigfachten. Diese Kapitalisierung ist mittlerweile in den chinesischen Hochschulen der Standard - mit der Folge, daß das Studium in China, nimmt man das Einkommen als Maßstab, inzwischen zu dem bei weitem teuersten auf der Welt avanciert ist. Von der Mehreinnahme profitieren in erster Linie die Professoren, die in den achtziger Jahren noch durch Verkauf von Teigwaren an der Straßenecke Schlagzeilen machten.

Gute Noten gegen Sex

Heute kommen sie in die Schlagzeilen vorwiegend wegen des Austausches von guten Noten gegen Sex. Aber auch die Partei profitiert von der Reform: Die Mehreinnahmen der Professoren stabilisieren das Campusleben höchst wirkungsvoll. Daraus zieht Gong wiederum die wichtige Erkenntnis: Man kontrolliert die Intellektuellen am effektivsten durchs Geld. Als Vizeparteichef Schanghais und verantwortlich für die Propaganda weitete er 1998 seine Reformen auf die Medien aus und führte das erwähnte Prämiensystem ein. Der Erfolg gibt ihm recht: Heute hat Schanghai zwar eine blühende Medienlandschaft - jeden Tag erscheinen dort knapp zwanzig Tageszeitungen - , aber keine einzige landesweit bedeutende und vor allem für die Partei störende Stimme ist darunter.

Verwunderlich erscheint im nachhinein, daß dies, zwar nicht minder erfolgreich als die Hochschulreform zuvor, zu Zeit Jiang Zemins nicht Schule gemacht hat. Das gedenkt jetzt sein Nachfolger zu ändern, der im Gegensatz zu Jiang vielen im Westen als reformfreudig gilt. Sogar als Chinas Gorbatschow wurde Hu Jintao einmal tituliert. Ermuntert dadurch, begann er nach der Übernahme des wichtigsten Amtes als Vorsitzenden des Militärausschusses im vergangenen September sogleich, die Journalisten auf seine neue „Reformlinie“ einzuschwören.

Internetcafés wieder verboten

Während das Propagandaministerium Anfang des Jahres eine Kampagne gegen „falsche und unrichtige Nachrichten“ begann, initiieren bekannte Fernsehjournalisten „spontan“ einen Aufruf zur „moralischen Selbstdisziplin“. Nebenbei wurde im März die gerade fünf Monate alte Zeitschrift, „New Weekly“ („Xin Zhoubao“), verboten, weil sie zu frech war. Dann wurde im Namen des „Schutzes der nationalen Kultur“ Anfang Juli die Tür, die zuvor einen Spalt weit offen war, wieder zugemacht: Ausländische Investitionen in den chinesischen Medien, Kulturinstitutionen und sogar Internetcafes sind wieder streng verboten. Zudem soll die Zensur verstärkt werden.

Auch für die Printmedien gibt es eine neue Marschroute. Sie wurde neulich in einem Trainee-Programm des Propagandaministeriums für Chefredakteure der Tageszeitungen verkündet: Erstens gilt es den Optimismus zu verbreiten - „das Glas ist überall halb voll“ -, zum zweiten solle man sich am Parteibedarf orientieren und etwa in einer Reportage über eine kommunistische Heldin zu ihren Eheproblemen schweigen, zum dritten gilt es, „Nachrichten zu inszenieren“. Dabei wurde ausdrücklich auf die Medienkampagne der Bush-Regierung zur Vorbereitung auf den Irak-Krieg hingewiesen. Viertens tut man gut daran, keine Texte zu veröffentlichen, wenn man nicht zuvor den Vorgesetzten konsultiert hat.

Heftiger Widerstand

Und um all dies zu garantieren, solle das eingangs geschilderte Prämiensystem als Kontrollmechanismus eingesetzt werden. Als erstes wurde die neue Richtlinie in der Provinzhauptstadt Nanking umgesetzt. Kein Zwischenfall war dabei zu vermelden gewesen. In der Tageszeitung „China Youth Daily“, dem Organ der kommunistischen Jugendorganisation, stieß dagegen die Reform auf heftigen Widerstand.

Gleich nach der Ankündigung des neuen Prämiensystems nach Leistungsprinzip am 15. August schrieb der altgediente Ressortleiter Li Datong einen Brief an den Chefredakteur, in dem er vor allem die Verbindung zwischen Prämien und der Meinung des Vorgesetzten kritisierte. Li sprach von „Demokratie in der Partei“, von der „Tendenz der Redaktion, sich anzupassen, anzubiedern und sich zu erniedrigen“. Die Zeitung befinde sich seit Jahren in schlechter Verfassung, die Auflagen sinken von Jahr zu Jahr, auch die Werbeeinnahmen. Li sieht die Rettung einzig in einem „Journalismus, der das Vertrauen des Volks gewinnt“. Ein solcher Journalismus sei aber durch das neue Prämiensystem unmöglich geworden, weil der Kontrollierte, in diesem Fall der Parteikader, die Kontrolleure, also die Medien mit ihren Journalisten, kontrolliere.

Aber genau dies ist das alte Dilemma der kommunistischen Partei. Angesichts der grassierenden Korruption und der wachsenden Unruhe in der Bevölkerung begrüßt sie einerseits, ja fordert sie geradezu die Journalisten auf, Korruption, Umweltverschmutzungen und andere Mißstände aufzudecken. Zugleich aber wird sie die Angst nicht los, daß der Enthüllungsjournalismus gegen die Partei ausschlagen könnte. Mit dem Prämiensystem will sie letzteres verhindern, hat aber das Gegenteil erreicht: Gerade die altgedienten linientreuen Journalisten fühlen sich verletzt. In seinem Brief, der „versehentlich“ auch den Weg ins Internet fand, sprach Li von seinen Erfahrungen mit vielen früheren Parteiführern, unter ihnen auch „Genosse Jintao“, und von dem Vertrauen, das diese zu ihm und anderen Journalisten hätten, die nur der Partei helfen wollten, wenn sie Mißstände aufdecken. Aber die Partei hat ihre eigene leninistische Devise: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Text: F.A.Z., 26.08.2005, Nr. 198 / Seite 40
Bildmaterial: AP

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